2020er, Platz 10: 102 Boyz
Leer in Ostfriesland ist nicht unbedingt der Ort, an dem man die nächste große Rap-Revolution erwartet. Kühe, Nordsee, Holland um die Ecke, und irgendwo dazwischen eine Gruppe Jugendlicher, die zunächst in der Graffiti-Szene unterwegs ist, bevor sie beschließt, dass Spraydosen allein langfristig vielleicht doch nicht genug Chaos verursachen. So entstehen die 102 Boyz.
Kkuba und Skoob beginnen 2012 damit, Musik aufzunehmen, nach und nach wächst die Crew um Chapo, Stacks, Addikt und Duke. Die ersten Tracks landen auf Soundcloud, dann kommen Mixtapes wie "Broke Youngstas". Musikalisch trifft Straßenrap auf Trap, Aggro-Berlin-Erbe auf Chief-Keef-Attitüde. Inhaltlich geht es, nun ja, selten um nachhaltige Forstwirtschaft. Saufen, Feiern, Ausrasten, Crew-Zusammenhalt: Die 102 Boyz machen aus Hedonismus ein Gesamtkunstwerk.
Der große Durchbruch kommt nicht zuletzt über legendäre Live-Auftritte. Beim Splash! 2017 sorgt die Crew für einen derart denkwürdigen Auftritt, dass anschließend nicht nur neue Fans, sondern offenbar auch neue Hausregeln nötig werden. Die 102 Boyz kassierten ein unbefristetes Hausverbot für das Festival. Für eine bis dahin noch vergleichsweise unbekannte Crew ist das natürlich eine ziemlich effektive Form von Öffentlichkeitsarbeit. Ein Hausverbot klingt auf dem Papier erstmal unerfreulich, funktioniert als Underground-Mythos aber erstaunlich gut.
Spätestens mit "Bier", der Kollaboration mit BHZ, und der "Asozial Allstars"-Reihe sind die Ostfriesen endgültig im deutschen Rap angekommen. Was die 102 Boyz dabei von vielen anderen Crews unterscheidet: Man glaubt ihnen tatsächlich, dass diese Gruppe auch dann noch gemeinsam herumhängen würde, wenn niemand dafür Streams zählt. Die Jungs kennen sich seit ihrer Kindheit, ihre Geschichte beginnt lange vor dem Erfolg, und genau dieser Zusammenhalt bleibt ein zentraler Bestandteil ihrer Musik.
Ihr kompromissloser Mix aus Trap, Straßenrap und exzessiver Crew-Ästhetik prägte eine neue Generation von Rappern, bei denen Freundeskreis, Herkunft und Hedonismus genauso wichtig wurden wie die Musik selbst.
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