Klimmzüge an Ikkimel
Von diesem ewigen Rosenkrieg können wir doch ganz smooth in Rosamunde-Pilcher-Gefilde übersetzen. In derlei Schmonzetten-Verfilmungen hat Sarah Hannemann auch schon mitgewirkt. Eine Schauspielerin ist sie, und nicht die erste, die auch als Rapperin durchstarten will. Irgendwann im vergangenen Jahr hat sie dieses Vorhaben kundgetan, zusammen mit ihrem Künstlerinnennamen: Red$am. Mit Dollarzeichen. Wichtig, wenn man drüber mault, dass sich bei allen anderen alles nur ums Geld dreht.
Normalerweise würde ich sagen: Okay, go, girl! Follow your dreams, und dann gucken wir mal, was dabei rauskommt. Es muss ja nicht zwingend scheiße werden. Jetzt stolperte ich aber die Tage über einen Bericht über Red$am im Nordkurier, und ich muss einfach mit meiner Verwunderung irgendwo hin: Wie unsympathisch kann eine denn bitteschön rüberkommen?
Im Vorfeld ihres Auftritts auf einem Kunstmarkt (say no more) in Rostock zog Red$am da über aktuellen Hip Hop im Allgemeinen und Ikkimel im Besonderen her. Obwohl sie mit 36 Jahren dafür eigentlich zu jung ist, ließ sie dabei kein Boomer-Klischee aus. Diese neumodische Partymusik, zog sie vom Leder, sei "eine Katastrophe", "eine Beleidigung für den Hip Hop", man solle dieses "klassische Social Media-Phänomen" "irgendwie, nur nicht Hip Hop" nennen.
Während ich mich noch frage, wer diese Uschi, von der in der Szene (korrigiert mich gerne, wenn ich falsch liege) noch nie jemand gehört und die zur Kultur bisher nichts Nennenswertes beigetragen hat, wohl zur Sprecherin eines ganzen Genres gewählt haben mag, motzt sie auch schon weiter, und diesmal wird sie persönlich: "Ikkimel ist für mich das Falscheste, was es zurzeit in der Musik gibt", ihre ganze Karriere fuße einzig und allein auf Provokation. "Kann sie ja machen, aber diese Vereinnahmung des Genres Hip Hop und der feministischen Idee nervt einfach nur."
"Die Werte, die sie vermittelt, sind keine feministischen oder freiheitlichen, wie alle denken", so Hannemann alias Red$am weiter. "Sie hat ganz viele Jugendliche, die ihr zuhören, und denen erzählt sie effektiv: Es ist geil, rumzuvögeln, Drogen zu nehmen und dass Männer per se scheiße sind." Solches gehe gar nicht.
Klar, das darf sie denken. Ich bin jetzt auch nicht der riesige Ikkimel-Fan. Tatsächlich hat Ikkimel aber eine Karriere. Sie hat Hits, sie hat ein Standing, sie hat Diskussionen angestoßen und damit wahrscheinlich mehr für die Verbreitung feministischen Gedankenguts getan als Hannemann mit ihren Rollen in irgendwelchen Kitsch-Filmchen. Herumhacken auf Kolleginnen kommt eh immer komisch, wenn man im selben Atemzug von Feminismus spricht (respektive die feministische Motivation der anderen in Frage stellt). Herumhacken auf berühmteren Kolleginnen wirkt, als wolle man Klimmzüge an deren Populatität machen, weil man auf sich allein gestellt gar keine Beachtung fände.
Wie man sieht, funtioniert es ja. Mir wäre ohne den Ikkimel-Namedrop nie im Leben Hannemanns strunzdumme Ansage vor Augen gekommen, sie vermittle in ihren Songs "absichtlich keine klare Haltung zum Feminismus - aus Angst vor Vereinnahmung".
Das fand ich, mit Verlaub, so sackdämlich, dass ich danach wirklich wissen wollte, was die dann wohl für Musik macht, "ohne Spaltung", "differenzierter", in "altmodischer Handarbeit", "mit echter Emotion". Wollen wir das sehen? Eigentlich nicht. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier:
Ich hab' noch nie jemanden mit so viel Krieg im Gesicht "Stoppt den Hass, stoppt den Krieg!" fordern hören. "DAS ist 'ne Message." Für mich ist das zwar nur Wischiwaschi, dem das nachgeschobene "Ich glaube nichts mehr, das sie mir erzählen" ("sie"?) noch unangenehm verschwörungsmystisches Querdenker-Odeur verleiht, aber ... wenn sie meint. Ich find' trotzdem bisschen gewagt, sich so hoch über aktuelle Rapmusik zu erheben, wenn man dabei derart gestrig flowt.
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