Die Spotify-Charts sind weird
So, damit kommen wir von Untergrund-Weirdness zu Mainstream-Weirdness. Die nehmen sich nämlich im Moment gar nichts. Kann mir jemand erklären, was da gerade in den deutschen Streaming-Charts passiert?



Das hier ist ein Screenshot vom 3. Januar, und aus irgendwelchen Gründen hatten wir da wirklich seltsame Sightings in unseren Hörgewohnheiten. Es scheint allen Ernstes so, als hätte Deutschland der aktuellen Musik zu großen Teilen abgeschworen. 27 von 50 Tracks* sind alt. Also richtig alt: "Summer Of 69", "YMCA", "Yeah", "Pokerface", wirklich wie Kraut und Rüben, es sieht aus wie eine wahllose Radio 7-Playlist.
Ich dachte erst, dass das vielleicht mit Silvester zu tun haben könnte (warum auch immer es das sollte), aber auch eine ganze Woche danach stehen wir mit 20 von 50 Tracks der meistgehörten Titel des Tages nicht arg viel besser da.
Also: Es ist ja erst einmal nichts falsch daran, dass Leute Bock auf die Classics haben, aber ein bisschen sorgt es mich doch schon, da wir generell in deutschen Pop-Zeiten leben, in denen das Konzept von Monokultur, Superstars und kultureller Relevanz immer kleiner zu werden scheint. Es gibt Streaming-Titanen, die gefühlt kein Arsch kennt. Habt ihr schon viel von Sosa La M gehört, der gefühlt seit zwei Jahren Dauergast in den deutschen Streaming-Charts ist? Nein? Und selbst wenn, wüsstet ihr höchstwahrscheinlich nicht, wie der Kerl aussieht.
Diese Idee, dass mit dem Streaming-Zeitalter Leute langsam von der gegenwärtigen Musik abgekoppelt werden, gab es ja schon vor einer ganzen Weile. Ich habe aber bisher nicht gedacht, dass das so richtig Realität werden würde. Ich will gar nicht alarmistisch oder so klingen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das eine Situation ist, über die zumindest etwas geredet werden sollte.
* habe nur einmal gezählt, sorry, wenn ich mich um eins oder zwei vertan habe.
5 Kommentare
Ich würde auch halt einfach sagen, dass es daran liegt, dass Streaming-Zahlen mittlerweile weniger als statistische Messung betrachtet werden, sondern als Marketing-Tool. Ich glaube, dass da die Zahlen vieler Künstler im großen Stil frisiert werden. Als Gracias Manager dabei erwischt wurde, wie er 20.000 Exemplare ihrer Alben gekauft hatte, meinte er auch zu seiner Verteidigung, dass solche Sachen eine gängige Praxis in der Musik-Industrie seien. Fake it till you make it.
Vor kurzem wurden gegen Drake ähnliche Vorwürfe erhoben. Und um noch ein wenig Verschwörung mit einzustreuen: Die Streaming-Plattformen lassen das bei großen Künstlern oft zu, da es bei denen glaubwürdiger erscheint, das sie solche Zahlen machen. Die Musik von Unsereiner wird dann hingegen gesperrt, wenn sie ohne eigenes zu tun auf KI-Playlists landen UND trotz dessen, dass man es den Plattformen gemeldet hat. Alle Systeme und Algorithmen heutzutage sind darauf ausgerichtet, dass die, die schon viel haben, mehr bekommen und die, die nichts haben, keine faire Chance auf einen Aufstieg erhalten.
Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.
War aber irgendwie auch noch nie so wirklich anders.
Ich glaube es liegt an dem Spiel Hitster, was sicherlich einige Haushalte über Weihnachten infiltriert hat. Dabei muss man raten aus welchem Jahr bestimmte Lieder stammen und die Lieder werden per QR-Code über Spotify aufgerufen!
Vermutung:
bereits vor Anbruch des Streamingzeitalter haben die Leute zu großen Teilen alte Mucke gehört, ABER weil man dazu damals die Platte im Regal stehen haben musste, und sie somit nur einmal pro Konsument verkauft worden ist, hat sich das in der Auszählung der Charts (wie hiess das eigentlich früher? Hitparade?) nicht wirklich bemerkbar gemacht.
Heute, wo wir alle fröhlich streamen, selbst wenn wir die Platte im Regal stehen haben (ist ja viel einfacher und schneller... soll mir keiner erzählen, dass wir das nicht alle schonmal so gemacht hätten), schlägt sich das eben entsprechend in der Auswertung der Charts nieder.
Weiss da jemand Genaueres? Bilde ich mir das alles nur ein?
Dass Normalsterbliche Sosa la M nicht kennen, geschenkt. Aber als irgendwie-dann-doch-Deutschrap-aus-journalistischen-Gründen-Hörer hätte man schon mitbekommen, dass der irgendwie mit Luciano nen Song (oder mehrere?) hat. Aber vermutlich kennt yannik nicht mal Luciano.