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Platz 4: Molly Sue - "Optimist (Ha Ha Ha)"

Joah: Molly Sue kann singen. Wie es aussieht, kann sie auch Klavierspielen. Ihr Song drückt mit großer Geste jede einzelne Taste der Bedeutungsschwangerschafts-Klaviatur, zweimal. Das kommt in aller Regel ganz gut, auf der großen Bühne. Erst recht, wenn es so dermaßen un-subtil mit dem Holzhammer serviert wird (Drama, verstehst du? DRAMA!!!), dass wirklich noch der letzte emotionalblinde Honk und seine unterkühlte Mutter raffen, dass es hier ans Eingemachte geht. Wen juckt da schon, dass die Umsetzung mit melancholischem Piano und schluchzenden Streichern halt wirklich einfallslos as fuck ausfällt? Vertrautheit hat beim ESC auch schon funktioniert, und das Publikum nicht mit unerwarteten Wendungen im Songwriting und/oder der Darbietung zu überfordern oder gar zu verstören, könnte durchaus als Gegenstrategie zum Vorjahresgewinner JJ durchgehen, der ja genau das Gegenteil geboten hat.

Die Frage bleibt, ob und wie Molly Sue das Anliegen, das sie ja offenbar mit ihrem Video verfolgt, auf die ESC-Bühne zu transferiert. Im Clip kommen Menschen mit sichtbaren und Menschen mit unsichtbaren Leiden zu Wort. Ein Bewusstsein für häufig übersehene Themen zu schaffen und chronisch und/oder psychisch Kranken eine Plattform, eine Stimme zu geben: ohne Frage so nötig wie ehrenhaft. Die Umsetzung allerdings befremdet (zumindest mich) aber ziemlich: Zusammenhanglos vor und mitten in den Song geklatschte Szenen und Statements wirken wie ungebeten losplappernde Werbespots. Noch schlimmer find' ich allerdings diese megadramatisierenden Kamerafahrten in Zeitlupe, Beinprothesen oder Beatmungsschläuche entlang, die wirklich einen ganz unangenehm voyeuristischen, effektheischenden Vibe verströmen.

Aber ... naja. Für eine Liveperformance werden sie "Optimist (Ha Ha Ha)" ja ohnehin anders inszenieren müssen. Bleibt abzuwarten, wie. Für Molly Sue bedeutete der ESC nach "The Voice Kids" und "Deutschland sucht den Superstar" jedenfalls die nächste (und wahrscheinlich oberste) Sprosse auf der TV-Show-Karriere-Leiter, und mit einer theatralischen Klavierballade machen "wir" in Wien wahrscheinlich auch nicht allzu viel falsch. Prognose: solides Mittelfeld-Material.

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