Platz 22: Steel Wheels
Im Grunde ist es bis heute ein kleines Wunder, dass es "Steel Wheels" überhaupt gibt und die Rolling Stones noch existieren. Nach "Dirty Work" war die Band im Grunde tot. Jagger und Richards stichelten nur noch über die Medien gegeneinander und beschäftigten sich lieber mit ihren Soloalben: "Primitive Cool" (Jagger, eher nicht so dolle) und "Talk Is Cheap" (Richards, deutlich besser). Rückblickend brachte Richards die Situation im Guitar Player auf den Punkt: "It's Mick and me have a row, except it's on the front pages."
Dann geschah das Unfassbare: Es kam zum Friedensgipfel auf Barbados, wo die beiden Streithähne überhaupt erst herausfinden wollten, ob sie noch miteinander arbeiten konnten. "Ich bin in zwei Tagen wieder da, oder in zwei Wochen", verabschiedete sich Richards von seiner Frau. Die Glimmer Twins erkannten, dass sie die Band wieder zusammenbringen mussten. Nicht etwa aus alter Freundschaft, sondern weil ihnen klar wurde, dass siezusammen schlicht besser funktionierten als getrennt.
Kaum saßen Jagger und Richards wieder beisammen, flossen die Songs nur so aus ihnen heraus. Innerhalb kürzester Zeit entstanden rund 50 neue Stücke und Ideen. Persönliche Befindlichkeiten blieben vor der Tür, im Mittelpunkt stand allein die Arbeit an den Liedern. Nachdem dieser Knoten geplatzt war, verliefen die Aufnahmen unerwartet harmonisch.
Zeitgleich definierte "Steel Wheels" den Sound der späten Rolling Stones. Im Grunde liefert das Album die Blaupause für "Voodoo Lounge" und "Bridges To Babylon". Die ausklingenden Achtziger spiegeln sich zwar noch in der stellenweise etwas überambitionierten Produktion, doch zum ersten Mal seit Jahren wirkt die Band wieder wie eine Einheit. Die Songs besitzen Struktur, die Produktion wirkt deutlich aufgeräumter als auf den beiden Vorgängern, und musikalisch leistet sich "Steel Wheels" nur wenige Schwächen. Das Ergebnis ist grundsolider Rock, der selten enttäuscht, aber ebenso selten überrascht. Nur das orientalisch angehauchte "Continental Drift", das sie mit The Master Musicians of Jajouka led by Bachir Attar aufnahmen, bricht aus den geordneten Songstrukturen aus.
"Steel Wheels" rettete nicht ihre Musik, sondern die Rolling Stones selbst. Das Album brachte die Band nach den enttäuschenden Vorgängern wieder zusammen und zurück in die Spur. Ronnie Wood furmulierte es später treffend auf den Punkt: "Es ist das Album, das die Band nach einer fast dreijährigen, beinahe endgültigen Pause wieder vereint hat."
Für die Playlist: "Almost Hear You Sigh", "Slipping Away", "Continental Drift"
Für die Tonne: "Break The Spell", "Hold On To Your Hat"
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