Platz 11: Tattoo You
Die Resterampe der Rolling Stones, über die sie vor der Veröffentlichung noch einmal mit dem Staubwedel gingen: 1981 brauchte die Band für ihre anstehende Tour ein neues Album, doch so wirklich Bock auf gemeinsame Studioarbeit hatten aufgrund ihrer zunehmenden Streitigkeiten weder Jagger noch Richards. Cleverle Chris Kimsey, seines Zeichens Produzent des Albums, kam also auf die ausgewitzte Idee, sich durch alte unveröffentlichte Aufnahmen zu hören und den Herren von Stein die aus seiner Sicht besten vorzulegen. Mal hatte man fast fertige Songs zur Hand, mal waren es eher Fragmente.
Die Grundaufnahmen stammen aus den Jahren 1972 bis 1979. Als die Vorauswahl getroffen war, begann das große Zusammenpfriemeln. Jagger schrieb neue Texte oder ergänzte alte und nahm neue Gesangsspuren auf, zahlreiche Overdubs vervollständigten die teilweise Jahre auseinanderliegenden Recordings. Aus Aufnahmen verschiedener Stones-Epochen sollte irgendwie ein Album entstehen.
Über allem steht "Start Me Up", das als das Reggae-Stück "Never Stop" während der "Black & Blue"-Sessions entstand, den Umweg über "Some Girls" nahm, um schließlich hier zu landen. Diese Arbeitsweise führte auf "Tops" und dem etwas unangenehm schnulzigem "Waiting On A Friend", die beide aus den "Goats Head Soup"-Aufnahmen stammen, sogar zu einem Wiedersehen mit Mick Taylor, dessen alte Gitarrenspuren man verwendete. Man hätte ihn vorher fragen können. Man hätte ihn möglicherweise sogar erwähnen können. Beides hatte jedoch niemand für nötig gehalten, was Taylor überraschenderweise nicht erfreute. Nachdem man sich aber außergerichtlich geeinigt hatte, bekam er immerhin Tantiemen.
"Tattoo You" mag Resteverwertung sein, aber sicher eine der erfolgreichsten und gelungensten der Rockgeschichte. Dazu klingt das Ergebnis erstaunlicherweise geschlossener als vieles, das die Stones tatsächlich bewusst als Album aufgenommen haben. Gleichzeitig zeigt die Entstehungsgeschichte aber auch, wie ausgelaugt die Band zu diesem Zeitpunkt bereits war. Für ein neues Album mussten sie inzwischen in der eigenen Vergangenheit wühlen. Dass diese zusammengeflickte Archivplünderung bis heute häufig als das letzte wirklich gute Album der Stones gilt, sagt deshalb vielleicht weniger über "Tattoo You" aus als über die Alben, die danach folgten. "Start Me Up" dürfte dabei deutlich geholfen haben.
Für die Playlist: "Slave", "Start Me Up"
Für die Tonne: "Waiting On A Friend"
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