Die Briten passen in keine musikalische Schublade. Und live zündet ihre explosive Mischung besonders gut. Konzert-Review.
Leipzig (drö) - Vor vier Jahren hatten Enter Shikari und ich schon mal live die Ehre. Das Ganze fand auf dem gegen die Wand gefahrenen Ableger Download Germany statt. Ich hatte mich in sicherer Entfernung zu Sabaton auf der Metallica-Doppelbühnenseite positioniert und dementsprechend herzlich wenig von Enter Shikari mitbekommen. Über die Screens wirkte das Ganze wie ziemlich abschreckender Party-Metal: knallende 30 Grad, Kostüme und Schwimmreifen. Vier Jahre später gibt es im Haus Auensee in Leipzig zum Glück keine riesigen Bildschirme. Denn die braucht es gar nicht.
Undankbare Support-Aufgabe
Bevor Enter Shikari eine absolute Abriss-Performance hinlegen, sind erst mal die Supportacts an der Reihe. The Callous Daoboys müssen bereits um 19:30 Uhr ran, obwohl der Veranstaltungsbeginn auf 20 Uhr terminiert war. Ungünstig, ist die Venue zu diesem Zeitpunkt doch nur spärlich gefüllt. Die US-Mathcore-Band hat die undankbare Aufgabe, als erste von zwei Vorgruppen den Abend zu eröffnen. Der Funke will trotz eines ambitionierten Auftritts Band nicht recht überspringen.
Nach einer halben Stunde Spielzeit und wenigen Minuten Umbaupause gelingt dies Holding Absence schon deutlich besser: Einige Fans scheinen tatsächlich nur wegen der Waliser gekommen zu sein. Kaum verwunderlich, hat sich die Band doch in den vergangenen Jahren eine beachtliche Fanbase aufgebaut. Enter Shikari bezeichnet man als großen Einfluss und zeigt sich sichtlich geehrt, auf der Tour dabei zu sein.
Phänomenale Eskalation
Selbst Holding Absence schaffen allerdings nicht mal im Ansatz, was Enter Shikari gegen halb zehn auf die Bühne bringen. Los gehts mit "Lose Your Self" vom gleichnamigen aktuellen Album. Ein Track, der längst beim Publikum angekommen ist: Es geht von Sekunde eins an bedingungslos ab. "Labyrinth" nimmt noch mehr Fahrt auf, und "The Great Unknown" setzt zunächst einen vermeintlichen Höhepunkt. Doch damit ist längst nicht Schluss.
"(Pls) Set Me On Fire", "Undercover Agents" und "The Pressure's On" nehmen erst mal etwas Tempo raus, bevor das Dubstep-Monster "The Flick Of A Switch I" die nächste Eskalationsstufe einläutet. Mit "The Void Stares Back" und "Quelle Surprise" folgt schließlich ein Doppelschlag, der endgültig keine Fragen mehr offenlässt. Die elektronischen Elemente funktionieren live phänomenal. Generell schaffen es Enter Shikari, ihren ohnehin schon abwechslungsreichen Songs live noch einmal eine zusätzliche Dimension zu verleihen.
Elektronische Abrissbirne
Einen nicht gerade kleinen Anteil daran hat auch das Haus Auensee. Statt Festivalbühne gibt es Technobunker-Vibes. Das Gewölbe hinter der Bühne sorgt für die passende Kelleratmosphäre, dazu kommt eine Lasershow, die den Post Hardcore-Techno-Mix der Briten hervorragend untermalt. Die Bandmitglieder sind zwischenzeitlich kaum noch zu sehen. Enter Shikari scheinen sämtliche Lichter und Nebelmaschinen aus St. Albans eingepackt zu haben. Und so entsteht eine ausgelassene Feierstimmung, allerdings stets mit jener gehörigen Portion Düsterkeit, die Enter Shikari seit jeher begleitet. Bei "The Void Stares Back" und "Quelle Surprise" kulminiert dieses Ambiente in einer schlicht sprachlos machenden Performance.
Auch der Sound ist bemerkenswert. Die Anlage wird derart aufgedreht, als wäre die Venue fünfmal so groß. Dadurch gewinnen auch Songs wie "Rabble Rouser" noch mal ordentlich an Wucht. Ein weiteres Highlight ist die frisch veröffentlichte Single "Lightyears", die gemeinsam mit "Constellations" etwas ruhigere Töne anschlägt. Rou Reynolds beweist gerade bei den melodischeren Stücken wie "Live Outside", dass er auch abseits der elektronischen Abrissbirne zu glänzen vermag.
Mit "Sorry You're Not A Winner" steht schließlich einer der absoluten Publikumslieblinge auf dem Programm. Es wird fleißig mitgeklatscht, noch fleißiger mitgesungen. Ebenfalls hervorragend funktionieren "The Dreamer's Hotel" sowie der letzte Song vor der Zugabe: "The Flick Of A Switch II", mit dem das Heaviness-Level des Abends erneut bis zum Anschlag hochgeschraubt wird. Nach der lautstark eingeforderten Zugabe folgt der abschließende Doppelpack aus "Juggernauts" und "Find Out The Hard Way...". Eine ziemlich treffsichere Wahl, um dem ohnehin schon ordentlich auf Betriebstemperatur gebrachten Publikum endgültig den Rest zu geben.
Wohin führt Enter Shikaris Reise?
Dass der Abend in Leipzig nicht ausverkauft ist, merkt man zwar an den etwas lockerer gefüllten Reihen. Unterbesetzt ist das Haus Auensee allerdings bei Weitem nicht. Ansagen von der Bühne gibt es vergleichsweise wenige, auch ein ausführlicheres Lebewohl bleibt aus. Dabei steht die Zukunft der Band seit Anfang Oktober unter besonderen Vorzeichen: Zum Jahresende 2027 wollen Enter Shikari ihre Aktivitäten als Studio- und Live-Formation vorerst einstellen. Ob daraus irgendwann eine Rückkehr oder gar das endgültige Ende wird, wissen die Musiker nach eigener Aussage selbst noch nicht.
Als Gründe werden unter anderem der Druck seitens der Musikindustrie, die Erwartungen an eine professionelle Band und die Schwierigkeiten, sich in einer Musikwelt zu behaupten, die allzu gerne in Schubladen denkt, angeführt. Enter Shikari haben sich diesem Denken schließlich nie wirklich untergeordnet. Und genau das funktioniert an diesem Abend so hervorragend. Keine Festivalbühne, keine Tausenden Partywütigen, sondern ein vergleichsweise intimer Konzertsaal, Eintrittspreise, die ausnahmsweise einmal in gesunder Nähe zu den Merchandise-Preisen liegen, und eine musikalische Abwechslung und Präzision, wie man sie live nicht alle Tage erlebt.
Enter Shikari waren immer eine Band, die sich nicht so recht festlegen ließ. In Leipzig hat man das Gefühl, dass sie genau das sein können, was sie sein wollen. Ein Liveauftritt, der mühelos auch auf größeren Bühnen funktionieren würde, was die Band aber vermutlich gar nicht möchte. Sollte dies tatsächlich eine der letzten Gelegenheiten gewesen sein, die Briten live erlebt zu haben, hätte man sich kaum einen passenderen Abend wünschen können.
Text: Emil Dröll.
































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