Jonathan Davis und Band liefern in der Lanxess Arena. Und die Architects betreten die Bühne, als wäre nichts passiert.
Köln (rnk) - "Are you ready?", brüllte Jonathan Davis vor 32 Jahren in die Musikwelt. Nein, nicht ganz. Was einen auf Songs wie "Blind" von Korns Debüt erwartete, war ein erdbebengleicher Sound, der wie 50 Gitarren und 20 Bässe klang. Dazu eine Stimme, mit der der Sänger vor Schmerz und Hass nahezu explodierte. Der Grundstein für ein ganzes Genre.
Die Musikkritik findet bis heute wenig anerkennende Worte über Nu Metal. Doch hat auch kein Nu-Metal-Vertreter es wirklich darauf angelegt, außerhalb der eigenen Bubble gemocht zu werden. Schon eher schweißte die Schmuddelkind-Identität die Fanbase noch enger zusammen. Korn haben sich früh einen unkaputtbaren Genre-Legendenstatus erarbeitet und die Deftones sich weit von ihren frühen Wurzeln entfernt, während Limp Bizkit als irgendwie kultiges Y2K-Gimmick neue Höhenflüge erleben, und Slipknot mittlerweile so viele Bestzungswechsel erlebt haben, dass sich Corey Taylor demnächst noch aus Versehen eigenhändig aus der Band wirft.
Die Korn-Kids sind mittlerweile selbst Eltern und bieten ihrem Nachwuchs hoffentlich ein besseres Zuhause als Jonathan Davis, der den Hass auf seine dysfunktionale Familie jahrelang mit sich herumtrug. Mit Mitte 50 scheint er heute aber halbwegs angekommen zu sein. Schmerz, Hass und die mentale Implosion sind auf den frühen Alben auch heute noch förmlich greifbar. Themen wie selbst erlebte Misshandlung und seelische Abgründen werden schockierend offengelegt. Was einen direkt zum Supportact bringt, den Architects.
Architects – als wäre nichts gewesen
Die Band hat mittlerweile selbst Headliner-Qualität, dennoch machte jüngst ein besorgniserregender Post von Sänger Sam Carter die Runde. In einem langen Brief an seine Fans gibt er ungefiltert Einblick in eine düstere Seelenwelt: Persönliche Anfeindungen aufgrund seiner Stimme und große Selbstzweifel sorgen derzeit dafür, dass Auftritte zur reinen Qual werden. Das erinnert an das, was Korn einst so neu und aufregend machte: Deren beide erste Alben waren vertonter Schmerz, mit schockierend Offenlegungen von Themen wie selbst erlebter Misshandlung und dunklen seelischen Abgründen. Architects sind insofern auch irgendwie Children of Korn.
Kurz vor Konzertbeginn werden so Zweifel laut, ob es Carter heute auf die Bühne schaffen würde. Sie erweisen sich als unbegründet: Architects und ihr Sänger treten auf, als wäre nichts passiert. Entweder überspielt er seine Probleme wirklich perfekt, oder der große Zuspruch und die Aufmunterungen haben ihn rechtzeitig wieder aufgebaut. Der Sound ist scharf, die Growls sitzen. Die Selbstzweifel sind absolut unbegründet, im Set passt alles und der Abend in der Lanxess Arena macht klar, weshalb Architects zu den Großen des modernen Metal gehören.
Er freue sich sehr, in Köln zu sein, weil diese Stadt schon in frühen Bandtagen eine wichtige Rolle gespielt habe und deshalb immer in seinem Herzen sei, betont Carter. Das klingt erst mal nach den üblichen Rockstar-Floskeln, kommt aber glaubhaft rüber. Merkwürdig bleibt, wie unbeteiligt seine Mitstreiter wirken, und auch nach dem gemeinsamen Verlassen der Bühne sieht die Band nicht wie eine Familie aus, die einen auffängt. Das lässt sich aus der Ferne freilich nicht verlässlich beurteilen.
Die Akustik zwingt in die Knie
Jonathan Davis und Korn verhauen den Einstieg mit "It's On!" dann so ziemlich. Der Sound ist ein mittleres Desaster, auch wenn die Lanxess Arena als Mehrzweckhalle nie ein großer Audiogenuss war. Die Vocals kommen schwach, ein großer Matsch, der erst ab der Mitte des Gigs etwas nuancierter klingt. Einen Banger wie "Got The Life" zwingt die miese Akustik komplett in die Knie. Es entsteht ein erster Moshpit – im Singular. Die Fans sind keine Teenager:innen mehr, und die teils chaotischen Zustände, die zu den Konzerten früher dazugehörten, sind eher einem härteren Geschubse gewichen. Immerhin sorgt ein Bengalo noch mal für einen Hauch von Ausnahmezustand, doch insgesamt hat sich ein Großteil auf altersgerechtes Headbangen geeinigt.
Wohl auch ein Grund, warum Wellenbrecher nicht mehr nötig erscheinen. Nicht tragisch, auch wenn Davis aufgrund einer gewissen fehlenden Körperlichkeit etwas abhandenkommt. Zu seinen besten Zeiten inszenierte er einen Song körperlich, sich auf dem Boden windend wie in Todesqualen und von Sinnen. Heute tigert er über die Bühne, während Gitarrist Munky wesentlich agiler wirkt, ebenso wie Fieldy-Klon Roberto 'Ra' Díaz am Bass, der dem Original verblüffend gleicht und dessen Bühnenmanierismen perfekt imitiert.
Korn liefern
Die Fangemeinde kümmern die Soundprobleme wenig. Korn sind keine Band, die man mal gut fand und über die Jahre vergisst. Fast jeder kann hier eine Geschichte erzählen, wie sie ihn an einem Tiefpunkt abgeholt hat. Trotz gesalzener Merchandise-Preise, Aufpreisen für Trinkbecher und hoher Ticketpreise bekommt die Band viel Liebe. Der Blick ins weite Rund der Arena zeigt: Die Halle ist bis in Oberränge gefüllt, und der Veranstalter PRK Dreamhaus überreicht Korn einen eigens geschaffenen 'Sold-Out-Award' für die erneut ausverkaufte Deutschland-Tour.
Korn spulen ein routiniertes Programm ab, wie es ältere Fans erwarten. Neuere könnten aber eventuell staunen, wenn Davis samt Dudelsack die Bühne betritt und "Shoots And Ladders" anstimmt. Das war damals neben dem Siebensaiter-Sound und dem Scat-Gesang ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Die Klassiker nimmt die Halle begeistert auf, dazu gibt es mit "Reward The Scars" einen neuen Song, der zum Game "Diablo IV" gehört, eben wie ein Korn-Song klingt und nicht wirklich im Gedächtnis bleibt.
Spannender ist der "Life Is Peachy"-Teil, in dem die selten gespielten "Chi" und "Kill You" endlich wieder in die Setlist rücken: zwei immer noch aggressive, mit ihren abrupten Tempowechseln nicht ganz einfache Songs. Allein dafür hat sich der Abend gelohnt. Auch die minimalistische Bühnenshow in düsterem Rot-Schwarz passt gut zum Sound. Für "Life Is Peachy" muss das letzte Album "Requiem" zwar weichen. Dafür gibt es am Ende im Zugabenteil mit "Falling Away from Me", "Blind", "Twisted Transistor" und "Freak On A Leash" absolut gar nichts zu meckern.
Text: Rinko Heidrich.

















































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