Heiligenverehrung und Verschwörungsanfälligkeit: der ehemalige The Smiths-Sänger gastiert für einen Abend in der Schweiz.
Zürich (mm) - Menschen mit zur Tolle onduliertem grau meliertem Haupthaar und Damen im 50ies-Look zwängen sich am vergangenen Samstag durch Einlasskontrolle der The Hall, einer Veranstaltungslocation im Zürcher Norden mit dem morbiden Charme einer Mehrzweckhalle. Der Name ist Programm, doch der Anlass ist die vielleicht schönste Einladung zu einer Ü50-Party in diesem noch jungen Jahr: Morrissey gastiert für einen Abend in der Schweiz!
Antikriegsstimmung in der Luft
Statt Supportact zeigt der Meister eigenhändig kuratierte YouTube-Videos aus seiner persönlichen Sturm-und-Drang-Phase. Zum Auftakt lässt er mit "Search & Destroy" von den Stooges Hubschrauber im Luftkampf über Vietnam ballern, Francis Ford Coppola sei Dank. Zwischen 50er- und 60er-Schnulzen bis Blues, von Iggy bis Dolls platziert er noch Marlene Dietrich mit ihrem anglifizierten "Where Have All The Flowers Gone". Antikriegsstimmung liegt in der Luft und mischt sich unter den Geruch von veganen Hotdogs, Burgern und Feldschlösschen-Bier.
Mit um die Hüfte gewundenen Blumen tritt Morrissey ins Rampenlicht und zieht beim Opener "Billy Budd" sämtliche Blicke und Ohren auf sich. Die Widersinnigkeit der Bestuhlung in der Hall offenbart sich in diesem Moment: Alle springen aus ihren Sitzen und zücken die Handykamera. Teils rennen sie auch nach vorne zur Bühne. Schon mit "Suedehead" geht der Engländer All-in und versetzt das Publikum in genau die Verzückung, die es erwartet hat: eine emotionale Werkschau über mehr als 40 Jahre Musik- und Poesieschaffen.
Verschwörungsanfällig im Alter
Auch drei neue Tunes schaffen es in die Setlist, etwa die Leadsingle "Make-Up Is A Lie", einen Tag nach der Veröffentlichung der gleichnamigen Platte. Die ungewohnten Synthiehooks bei "Notre-Dame" stechen hier besonders hervor. Doch der Song offenbart auch, dass Morrissey auf seine alten Tage verschwörungsanfällig ist. Eine Tatsache, die unlängst mehr an Aufmerksamkeit erreichte, als sein eigentliches Ouevre. Der eingängige Poprefrain des Songs lässt einen ein wenig darüber hinwegsehen, dass sich der Barde in die versponnenen Sphären eines Xavier Naidoo begeben hat.
Ein weiblicher Fan erstürmt derweil unbehelligt die Bühne, nur um den Sänger einmal umarmen zu können. Sie wird dem Zürcher Publikum als alte Bekannte vorgestellt, bevor sie die Security direkt in den Backstage-Bereich geleitet. Es hat etwas Entrücktes und auch Befremdliches, dieser modernen Heiligenverehrung beizuwohnen.
Durchheulen von Song zu Song
Der Protagonist selbst gibt sich redselig, schüttelt die ausgestreckten Hände in der ersten Reihe und ist gut gelaunt. Morrissey schwärmt von einer Villa am Zürichsee, konstatiert aber im selben Atemzug, sich diese ebensowenig leisten zu können, wie sein angereistes Publikum, was natürlich einige Lacher zur Folge hat. Als Fan fühlt man sich am Ende trotzdem verwöhnt, stehen im Laufe des Abends doch fünf The Smiths-Klassiker auf dem Zettel.
Klar, das obligatorische "Lichtlein, das nie verlöscht" muss sein. Auch das eher selten gespielte "A Rush And A Push And The Land Is Ours" zählt zu den Highlights der teilweise hochemotionalen Show: Man sieht gestandene Männer über 60 tränennass und Gen Z-Pärchen, die sich verträumt in den Armen liegen. Freunde betonen gar, sie hätten von Song zu Song durchgeheult! Das ist es auch, warum man 2026 noch zu einem Morrissey-Konzert gehen sollte: garantierte emotionale Ergriffenheit dank zeitloser Popmusik!
Ein Lebensgefühl
Dafür muss man natürlich über einiges hinwegsehen können. Morrisseys besagte verquere Weltanschauung (die in Zürich gleichwohl eine untergeordnete Rolle spielte) oder die obligatorische Entblößung und Entledigung des Hemds zum Zwecke der Reliquienverehrung durch die anwesende Pilgerschaft ist das eine. Aber dass man immer noch ein dem Tierschutz sowieso eher zugeneigtes Publikum mit diesen Gore-Splatter-Szenen aus der Stierkampfarena im Hintergrund von "The Bullfighter Dies" entsetzen muss, entbehrt jeder Logik und geht am Adressat vorbei.
Trotzdem bleibt Morrissey ein Lebensgefühl, dem man viel verzeihen kann: Bewahrte der Sänger doch Generationen vor tiefer Depression und scheint mit seiner zeitlosen Lyrik auch heute noch dazu fähig.
Text: Martin Mengele.
Setlist Zürich:
- Billy Budd
- I Just Want To See The Boy Happy
- Suedehead
- Notre-Dame
- Make-Up Is A Lie
- A Rush And A Push And The Land Is Ours (The Smiths)
- I'm Throwing My Arms Around Paris
- Now My Heart Is Full
- Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me (The Smiths)
- The Monsters Of Pig Alley
- The Bullfighter Dies
- I Know It's Over (The Smiths)
- Irish Blood, English Heart
- World Peace Is None Of Your Business
- How Soon Is Now? (The Smiths)
- Everyday Is Like Sunday
- Jack The Ripper
- I Will See You In Far-Off Places
- There Is A Light That Never Goes Out (The Smiths)




















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