laut.de-Kritik
So lange er singt, kann er nicht sprechen.
Review von Michael SchuhWeil man bei Morrissey schon lange nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, schauen wir aufs Albumcover. So reagiert er also, wenn sich endlich eine Firma findet, die ihm einen Plattenvertrag anbietet. Eine Situation, die vor 20 Jahren undenkbar schien, als Morrisseys zweiter Frühling nach Gladiolen duftete und die frühere Smiths-Ikone über mehrere Alben hinweg trug. Danach schien sich irgendwie zu bewahrheiten, was mir der damalige New-Order-Bassist Peter Hook bereits im Jahr 2005 versuchte zu erklären: "Jeder einzelne Mensch in Manchester hasst Morrissey wie die Pest. Er ist einfach kein netter Mensch. Daran besteht nun wirklich kein Zweifel." Diese Auffassung hat Manchester 2026 nicht mehr exklusiv. Sogar Rick Astley singt schon Smiths-Songs und wird dafür bejubelt, so weit ist es gekommen.
Für Morrissey gilt dagegen: So lange er singt, kann er nicht sprechen. Und "Make-Up Is A Lie" ist kein Hörbuch, sondern eines der besseren Alben des späten Morrissey-Katalogs, das nach sechsjähriger Pause medial vergleichsweise geräuschlos aufgenommen wird. Kein TV-Sender, der sich mit einem Privatkonzert schmückt, keine auflagenstarke Publikation, die ein Interview abdruckt, und eine Organisation wie War Child geht ihm erst recht aus dem Weg. Schuld daran sind weiterhin immer die anderen, wie Morrissey neulich auf seiner offiziellen Homepage unterstrich: "No press, no radio, no television, the usual Iron Curtain blackout, yet still the people fill the London O2."
Anhand der zwölf neuen Songs darf nun wieder jeder für sich die Trennlinie zwischen Mensch und Künstler ziehen und sich hineinfallen lassen in die Ausgestaltung seiner neuesten Opferinszenierung. "I want to speak up and not be trapped by censorship", lässt er uns in "You're Right, It's Time" gleich wissen. Die Stimme des 66-Jährigen beeindruckend voluminös eingebettet in eine fein austarierte Joe Chiccarelli-Produktion. Ein Song, der an die ewig gültigen Sehnsuchtsmomente seiner ferneren Diskografie erinnert und ein schickes Chameleons-Riff zweitverwertet. Derweil lästert Mozzer über das moderne Handy-Zeitalter, er präferiere das Plaudern mit Bäumen "till gentle doctors tell me why I now must die". Wann es soweit ist? "You're right it's time!" Pointen setzt er nach wie vor unnachahmlich.
Ein Wiedersehen mit Paris gibt es in "Notre-Dame", wo es leider nicht mehr so von Vorteil ist, an seinen Lippen zu hängen. "Only stone and steel accept my love", greinte er 2009 in singulärer Brillanz. Heute versteigt er sich in die Verschwörungstheorie, dass die wahre Ursache des Brands der Kathedrale vertuscht wurde. Der dazugehörige Synthie-Song ist ähnlich vernachlässigbar. Im Gegensatz zum Titeltrack: Dass er in den Strophen nicht acapella singt, ist ein Wunder, denn viel mehr passiert hier nicht. Beim ersten Hören verwundert der scheinbare Demo-Charakter, dabei ist alles darauf ausgerichtet, dass der Refrain explodiert, und das tut er.
Das Roxy Music-Cover "Amazona" mit seinem geradezu absurden, 90-sekündigen Gitarrensolo wirkt wie ein Fremdkörper, das einschläfernde "Headache" mit nicht enden wollenden "La-la-la-la-la"-Lyrics konnte selbst der alte Songwriting-Freund Alain Whyte nicht retten, und in "Lester Bangs" ehrt Morrissey die gleichnamige Journalisten-Legende der 70er Jahre nicht etwa mit einem Sound, der an gemeinsame Helden wie Lou Reed oder die Stooges erinnert, sondern an "Get Lucky" von Daft Punk. Fast noch schlimmer: Der spitzen Feder des titelgebenden Rebellen begegnet Morrissey selbst mit erschreckender Einfallslosigkeit. Er singt zum Beispiel: "When you lift your pen / for Roxy Music and the Dolls / The Village Voice it has no choice / It must laud your every word."
Seine Inszenierung als Indie-Funk-Stevie Wonder in "The Night Pop Dropped", wo auch jemand wie Flea nicht fehl am Platze wäre, wirkt unfreiwillig komisch, von "Zoom Zoom The Little Boy" wiederum bleibt lediglich Jesse Tobias' schönes Sitarspiel in Erinnerung.
Doch wer durchhält, wird belohnt: Wie herrlich Morrissey einst Neurosen und Paranoia in Melancholie ertränken konnte, führt die Klavier-Elegie "Boulevard" exemplarisch vor. Die Morrissey/Whyte-Komposition knüpft an die gemeinsamen Loner-Momente auf "Vauxhall And I" (1995) an. Dass das Album insgesamt eher nach Stückwerk klingt, spiegelt sich auch in den beteiligten Komponisten - viele ehemalige Weggefährten erhalten Writing-Credits (außer Boz Boorer), die Songs spielten jedoch weitgehend andere ein.
Selbst der seit "World Peace Is None Of Your Business" mitwirkende Multiinstrumentalist Gustavo Manzur durfte nur noch zwei Mal mitwirken und kreiert gemeinsam mit Morrissey die waidwunde Großtat "Many Icebergs Ago", der eigentlich das Grande Finale der Platte gebührt hätte. Im Song durchschreitet er den langen, düsteren Weg seines Lebens und spiegelt ihn gewohnt bedeutungsschwanger an einer Aufzählung von Londoner 60er-Jahre-Pubs der Unterwelt-Brüder Reggie und Ronnie Kray. Statt mit dem schicksalshaften Stoßseufzer "So what else but goodbye?" endet die Platte daher in "The Monsters Of Pig Alley" mit "We love you". Was wir dem Mann nun auch keineswegs verübeln wollen.


10 Kommentare mit 30 Antworten
Wie, keine 5/5? Sehe ich hier etwas das beginnende Ende der Heldenverehrung?
Dass auf laut.de alte Idole auch gern mal verleugnet werden ist ja nix Neues...in dem Fall ja aber definitiv überfällig!
Schon, doch Morrissey erfuhr hier stets urtiefste Liebesschwüre, man dachte schon an den Bau einer Statue vor der Konstanzer Lautzentrale
Najaaa, schaut euch mal die Reviews aus den letzten 10 Jahren an.
Aber eine 5-Sterne-Review, in der versucht wurde, sich das alles als Ironie schön zu reden hab ich auch noch im Kopf
Ich nehms ihm zusätzlich übel, dass er nach wie vor musikalisch so abliefert. Andere alte, verschwurbelte Wirrköpfe haben wenigstens den Anstand, komplett unbrauchbares Material zu veröffentlichen.
Public Image Ltd. liefern.
Frechheit.
Sprechgesang?
Mo-Reezy
Post des Jahres so far
Warum werden hier Platten von rechten Spinnern überhaupt besprochen. Solche Leute muss man krass canceln statt Werbung für ihre Musik zu machen.
Weil ihm in Valencia zu laut war, hat er sich selbst gecancelt. Man muss da also gar nichts machen.
Nah, die heulen dann immer rum und machen sich zum Opfer, und das nervt mittlerweile einfach ziemlich. Finde es persönlich besser wenn die sich offen zum Horst machen dürfen und dann einfach die übliche Portion öffentliche Häme und Gelächter bekommen.
Weil hier auch Platten von linken Spinnern besprochen werden, und das ist gut so. Stichwort Toleranz
Im Grunde zeigen bei denen, die sich nicht im Einheitsmeinungskanal wiederfinden, diejenigen, welche Demokraten sie sind.
Aber davon abgesehen gibt es interessante Zitate dazu, die helfen die PsyOP Links-Rechts aufzulösen:
a) „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke… Nichts ist uns verhaßter als der rechtsstehende nationale Besitzbürgerblock.“
Dr. Joseph Goebbels, 1931 in Der Angriff
b) Prof. Dr. Arnulf Baring „Nationalsozialismus war eine linke Ideologie!“
c) Sebastian Haffner: "Warum Adolf Hitler nicht rechts, sondern links war"
Lösch dich endlich, Vollidiot.
Der Kommentar versucht, die ideologische Zuordnung des Nationalsozialismus als „linkes“ Phänomen zu etablieren, indem es auf selektive Quellen, darunter Goebbels’ Selbstbezeichnung als „deutsche Linke“, Aussagen von Arnulf Baring und Sebastian Haffner, verweist. Kritisch zu sehen ist jedoch, dass dies die Historiographie missachtet: Goebbels nutzt hier eine taktische, proposale Selbstlegitimation im Kontext des politischen Kampfs um die Wähler*innen der deutschen Sozialdemokratie – eine rhetorische Strategie, keine ideologische Klassifikation. Der Begriff „Links“ wurde damals breit instrumentell verwendet, etwa von linken Nationalisten oder „nationalen Sozialisten“, um sich von der bürgerlichen Rechten und besonders vom „globalen“ (also jüdisch-„kapitalistischen“) „Systems“ abzugrenzen – nicht etwa aus sozialistischen Prinzipien.
Arnulf Baring äußerte sich dazu zwar tatsächlich in einem Interview (1993), aber er bezog sich auf eine bestimmte historiographische Debatte über die innere Dynamik des NS-Regimes und dessen Abgrenzung zur klassischen bürgerlich-konservativen Rechten, nicht auf eine pauschale Kategorisierung des Nationalsozialismus als links. Sebastian Haffners These in seinem Buch „Anatomie der Macht“ (1970) zielt vielmehr auf die subjektive Selbstwahrnehmung Hitlers: Er argumentiert, Hitler habe sich bewusst als „Revolutionär“ verstanden – gegen das Alte, gegen die bestehende Ordnung – und sei daher ideengeschichtlich dem linken Spektrum nähergestellt. Doch Haffner betont ausdrücklich, dass das NS-Regime letztlich kein Projekt der Emanzipation, sondern der Herrschaft und Unterdrückung war – und daher nicht mit linken Zielen zu verwechseln ist.
Fazit: Die Verwendung dieser Zitate suggeriert eine vereinfachte Linke/Rechts-Operierung, die nicht mit dem historischen und konzeptionellen Gewicht des Nationalsozialismus vereinbar ist. Die NS-Ideologie war revisionistisch, antiliberal, antiparlamentarisch und rassistisch, nicht sozialistisch im Sinne von Selbstbestimmung, Solidarität oder Befreiung. Sie hatte linke Ressentiments (gegen Eliten, für „Volksgemeinschaft“), aber keine linken Prinzipien. Die Zuschreibung als „links“ ist historisch irreführend, selbst wenn sie auf selektive Zitate stützt, sie vernachlässigt die strukturelle, ideologische und praktische Radikalität des Nationalsozialismus als eigenständige Form der Tyrannei.
Und natürlich was Wingo sagt.
Erika Steinbach: Die Nazis waren eine linke Partei. NationalSOZIALISTEN!
@pedro: Hast du (oder die Alte von der AfD, die du da zitierst) schonmal länger drüber nachgedacht, was ein MEERschweinchen (oder anders betont: ein MeerSCHWEINCHEN) ist... also in eurer Welt, in der Dinge immer genau das sind, wonach sie benannt sind?
Und das, was CAPS und Schwingster schreiben, gilt auch für dich.
CAPS- und die Antwort hat Dir welche geistige Betreuungs -KI geschrieben?
Ceee- da spasst nicht, und das sollte Dir klar sein. Das genannte Tier ist ja auch kein Meer; und es ist ein Unterschied zwischen einem Nationalsozialist und einem Sozialnationalist. Die Endsilbe gibt die Eingruppierung.- aber wie schon beschrieben, anstatt mal über diese PsyOP nachzudenken, wühlt man sich durch das was einem die geistige Ausrichtung bestätigen hilft.
insgesamt gesehen, und nun kommt das nächste Aufwachprogramm, ist die Entnazifizierung nach 45 nicht durchgeführt worden. Wenn sich der geneigte im Ausweis mal die Staatasangehörigkeit ansieht, dann steht da: DEUTSCH. Es gibt keinen Staat DEUTSCH, aber diese StaatsA wurde 1934 von AH eingeführt und damit nutzt derjenige eine nazifizierte Person. Ziel war und ist die Binnenheimatvertreibung derjenigen hier.
Steck dir dein "Aufwachprogramm" sonstwohin und lösch dich, Vollidiot.
@CAPS: Bei manchen Kommentaren macht ein KI-Einsatz doch Sinn - weil es einfach Zeitverschwendung ist, auf manche Kommentare "von Hand" lange Antworten zu schreiben. Den Part habe ich in meinen Kommentar drüben in der Ragism/Die Ärzte-Diskussion gestern ein bisschen zu scharf formuliert, sorry dafür.
Ceee: pedrolino versucht sich hier in Sarkasmus.
Was für Diskussionen hier. Man könnte meinen, man ist hier in irgendeinem Incelforum auf 37chan gelandet.