laut.de-Kritik

Makellos produziertes, fast steriles Feature-Album.

Review von

Sechs Jahre nach ihrer ersten großen Collaboplatte releasen Kitschkrieg mit "Kitschkrieg Zwei" den nächsten deutschen Feature-Longplayer. Auch dieses Mal tauchen junge Sterne am Musikfirmament in Kitschkriegs schwarz-weiße Welt ein. Heraus kommt eine graue Melange an Nummern, die über ihre Langweiligkeit ineinander verschmelzen. Für etwas Licht sorgen allein die Neuinterpretationen von Rio Reisers und Blümchens Hits und die solide Produktion.

Verträumt besingen MillenniumKid und Domiziana den "Sommerregen". Die Beats treiben den Track an und verwandeln die Klavierklänge in tanzbare Melancholie. Die schwenkt in "Abgebrannt" in zerplatzte Träume um, denen Charlize und Romy eine Stimme geben. Für Melodie und Refrain bedienen sich Kitschkrieg an "Zauberland" von Rio Reiser, ein Coup, der eines der wenigen Highlights der Platte möglich macht.

Er ist der einzige aus der Feature-Bande, der bereits mit dem Produzenten-Trio zusammengearbeitet hat: Levin Liams Stimme und die Melodie schlängeln in angenehmer Synergie durch das Album, aber so richtig zündet "Panorama" nicht.

Jolle ist "Pissed". Die Sängerin, die vor allem mit einem Cro-Feature zu Indie-Bekanntheit kam, singt Wortfetzen, die recht unzusammenhängend durch den Track wirbeln. Die musikalische Untermalung copy-pasten die deutschen Produzenten kurzerhand auch für Ennio, der "Nichts Mehr" gegen den klanglichen Einheitsbrei auf Lager hat, außer seine Stimme hin und wieder als Lichtblitz zum Besten zu geben.

Nichts wirklich Neues ist auch das Kraftwerk-Cover "Komputer Liebe", ein viereinhalb minütiges Interlude, das den Originaltrack in Watte packt. Etwas klarer kommt in "Shotgun" Vincent Waizeneggers leicht weinerliche Stimme um die Ecke, die mit den Beats um die Wette tönt. Dem schließt sich auch Civan an. Der Wiener sucht nach in Berlin nach Medizin, ein Mittel gegen Belanglosigkeit hat er jedoch noch nicht gefunden. Die Berliner Nizi19 & Yuyu19 rappen die Einkaufsliste von Drogennutzer*innen der deutschen Hauptstadt hoch und runter.

Zwar sind die Tracks makellos produziert, wirken dadurch aber auch fast steril. Genau wie das Bedürfnis, sich zu kratzen, aber nur an der Oberfläche zu bleiben, obwohl man eigentlich bis tief unter die Haut gehen will. Und das trotz der durchwegs emotionalen Themen, die von den Musiker*innen besungen werden. Vor allem im gecoverten Track "Herz An Herz" von Blümchen kreisen Verifiziert und Rapperin Kiarababa um Liebe und die Fragen: "Sag, liebst du mich so wie ich dich? Sag, liebst du mich wie ich dich?"

Baran Kok ist nicht gemacht für Herzschmerz. Deshalb rappt er lieber auf schnellen und spaßigen Rhythmen über "Big Dick Energy" und fantasiert sich den perfekten Partner herbei, der nicht nur körperlich was hergeben, sondern auch "In der Stadt meine Hand halten / Schaufenster leerkaufen" soll.

Den Abschluss machen Blumengarten und Shirin David. Ungewöhnliche Kombi? Ja. Uninspirierter Track? Auch ja. Rayans autogetunte Stimme ist seit jeher eine ungeliebte Klangerinnerung in meinem Kopf, durch den Remix erreicht sie aber wirklich neue Nervigkeits-Sphären. Du bist "Gut Genug", schallt die Hymne auf Individualität, in der Shirin David krampfhaft die Unterschiede zwischen Babsi und Shirin in unangenehme Lines zu presst. Einige englischsprachige Kommentare unter dem Videosnippet auf Kitschkriegs Instapost dazu scheinen es zu fühlen. Das spricht in dem Fall nicht wirklich für den Song, der wie ein akustischer Kaugummi an der Schuhsohle klebt. Würde man das Album nun anhand der Artists bewerten, die für Features ins Boot geholt wurden, müsste man Kitschkrieg wenigstens das gute Gespür für die wandelnde Musikbranche zugestehen. Ist nur leider nicht so, deshalb ist "Kitschkrieg Zwei" doch eher ein sinkendes Schiff, hohl und antriebslos.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Sommerregen
  3. 3. Abgebrannt
  4. 4. Panorama
  5. 5. Pissed
  6. 6. Nichts Mehr
  7. 7. Komputer Liebe
  8. 8. Shotgun
  9. 9. Medizin
  10. 10. Für Die Raver
  11. 11. Herz An Herz
  12. 12. Big Dick Energy
  13. 13. Gut Genug

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Kitschkrieg

Spieglein, Spieglein, an der Wand: Wer hat das beste Producertag im ganzen Land? Na, logo: K-k-k-Kitschkrieg, natürlich! Es ist schon verrückt, wie …

Noch keine Kommentare