laut.de-Kritik
Wieder darf der Pöbel die Perlen suchen.
Review von Yannik GölzTrapmusik hat einen launischen Goat. Kaum ein Rapper hat jemals einen so intensiven und langanhaltenden kommerziellen Run wie Future gerissen. Seit über zehn Jahren befindet er sich in der höchsten Etage des Subgenres, er ist im Epizentrum dessen, was Rap definiert, er gehört ohne Frage zu den meistkopierten und meistkanalisierten MCs aller Zeiten.
In Zeiten der kreativen Flaute der Trapmusik sollten die Augen also intuitiv zu ihm wandern, richtig? Und doch: Es kommt gerade wieder ein neues Future-Album heraus, und genau niemand erwartet etwas, das den Kanon oder den kreativen Radius des Genres erweitern könnte. Selbst der ominös-persönlich klingende Titel "The Real Me" hat Leute nicht dazu inspiriert, etwas Ambitioniertes oder Einzigartiges zu erwarten.
Und "The Real Me" rechtfertigt genau das. Es ist ein Future-Album, okay? Der Mann bleibt selbst auf Projekten wie "Mixtape Pluto" ein absoluter Streaming-Titan. Es wäre kommerziell superblöd, jetzt auf Experimente zu machen. Der Mann droppt einfach weiter mindestens einmal im Jahr ein Album, geht mit der selben Methode über die Beats und lässt die Fans aussuchen, wo man mit einem Instrumental oder einem Flow am meisten vibet. So finden sich auch auf allen Projekten verlässlich ein paar Standouts, die dann den Hype weitertragen und die Ära in Retrospektive zumindest passabel erscheinen lässt.
Und natürlich gibt es diese Songs auch hier. "Trench Coat" erinnert am ehesten an den legendären Mixtape-Run. "Konnichiwa" ist ein ohne Frage ein Heater. Zu "Off The Hinge" kann man Legionen durch Atlanta aufmarschieren lassen. Und wahrscheinlich der neidloseste Standout des Ganzen: "Snow In Skyami". Was auch immer sie da für einen doppelextramegaepischen Chor gesamplet haben, in diesem partikulären Fall funktioniert das wie Hölle, Future klingt wie ein Dark Souls-Boss auf diesem Beat.
Das Ding ist: Future ist wahrscheinlich einer der Patienten Null dieser leidigen Punch In-Methode. Er hat keinen besonderen Songwriting-Anspruch, wenn er in die Booth steigt. "Build A Bitch" ist wahrscheinlich der einzige Song, auf dem er irgendetwas mit Konzept und Struktur erzählt. Das Konzept ist in diesem Fall leider Sexismus. Aber immerhin ein Konzept! Ansonsten gibt es für ihn vier oder fünf Vocal-Register, zwei oder drei Flows und einen überschaubaren Topf an Phrasen und Bildern. Was dann passiert, ist im Grunde völlig von den Producern abhängig: Gib ihm einen geilen Trap-Beat, er wird angemessen geil darauf klingen.
Aber gibst du ihm generischen Ramsch wie auf dem ganzen ersten Drittel dieser LP, dann kriegst du eben auch generischen Ramsch. Das Problem ist halt: Auch ramschiger Future hört sich okay nebenher weg. Aber wer braucht Songs wie "Fukk A Interview", "Radio" oder "California Girls"? Es sind die selben Approaches, die selben Techniken, die man dann auf den Standouts in wesentlich besserer Ausführung erleben darf.
Das Faszinierende an Future ist nun jedoch: Du kannst ihm ja eigentlich jedweden Beat verfüttern. Er passt quasi auf alles. Und in den letzten Momenten des Albums fällt ihm dann spontan ein, dass er eigentlich auch ein bisschen experimentieren könnte, wenn er schon dabei ist. "Hollywood" klingt ohne Scheiß nach später Disco oder fast schon frühem New Wave, was der Beat da zusammenbraut. Und nicht nur klingt Future großartig darauf, allein die Synergie aus seinen Vocals mit einem anderen Typ Instrumental fühlt sich so erfrischend an.
Future hat ja schon diese seminalen Alben gemacht, auf denen er in anderen Sounds experimentiert hat. Die Idee, hintenran nochmal ein paar aus dem Nichts kommende andere Sounds zu pappen, ist aus Album-Pacing-Perspektive natürlich ... nicht das Non-Plus-Ultra. Es fühlt sich an, als hätte er kurz vor knapp noch mal geteast, was eigentlich möglich wäre.
Ansonsten ist "The Real Me" halt wirklich genau das, was man erwartet. Es ist ein Future-Album. Macht euch die drei Songs in die Playlist, die's am besten machen. Den Rest im Netz kann man zurück in den Ozean entlassen. Erneut droppt der große Tonangeber der Trapmusik ein durchwachsenes Album ohne richtig neue Impulse - und lässt das streamende Volk an seiner statt kuratieren, welche Songs funktionieren und welche nicht. Würde er das von Anfang an tun und sich vielleicht ein bisschen mehr Zeit mit den Alben lassen, dann wäre nicht ausgeschlossen, dass da ein Projekt auf dem Level von 2014-2017 entstehen könnte.


2 Kommentare mit einer Antwort
Rezi geht klar, es ist wirklich viel Füllmaterial dabei, leider wie meistens. Aber es gibt natürlich den ein oder anderen Track der wirklich genuin am slappen ist..."Hollywood" ist so ein absurder Song, "Konnichiwa" ein Banger und "Off the Hinges" vmtl mein Highlight von diesem Albung. 4/5 muss man mMn schon geben, die Highlights sind halt immernoch besser als jedes andere Release irgendeines Nachahmers der letzten Jahre.
Muss dein erstes Future Album sein wenn du hierfür 4/5 geben würdest
Sehe Hollywood echt nicht ganz durch die rosa Brille wie der Autor hier
Deshalb noch einen Stern weniger