laut.de-Kritik
Cold-War-Vibes fürs Jetzt.
Review von Michael Schuh2018 erschien der Auftakt der Reihe "Sowas Von Egal (German Synth Wave Underground 1980–1985)". Seither ist viel passiert: Gabi Delgado ist tot und die Cold-War-Paranoia, damals noch ein Relikt der Vergangenheit, erlebt längst ein Comeback als ultrareale Bedrohungslage.
Noch publikumswirksamer als der tolle Sampler aus dem Hamburger Label-Haus Bureau B kurbelte die Nachfrage nach Musik aus den 1980er Jahren die Kultserie "Stranger Things" an. Wie schön wäre es, wenn nun auch Combos wie Isolierband oder Die Egozentrischen 2 plötzlich Streamingerfolge einer Kate Bush erreichten. Doch das bleibt natürlich - in Trios Worten - nur ein Traum.
Für den dritten Teil des in Szenekreisen hoch gehandelten "Sowas von Egal"-Samplers hat Bureau B abermals das DJ-Team Damaged Goods in den Keller gesperrt, auf dass sie hochklassige rare Tracks aus der Underground-Szene Deutschlands, Österreichs und der Schweiz der frühen 1980er Jahre ans Tageslicht befördern. Auftrag ausgeführt.
Ob Zero Zero in die "Irrenanstalt" einladen oder kurzlebige Gruppen wie The Shadocks aus Bremen ihre "Disco-Liebe" in feurigem NDW-Glanz ausleben: Die Tracks beamen einen sofort wieder zurück in die Zeit von Fünfeinviertel-Zoll-Disketten, Zauberwürfel und Wählscheibentelefon.
Ein kleiner Star der Tracklist ist diesmal der 2023 verstorbene Düsseldorfer EBM-Pionier Tommi Stumpff. 1983 nimmt er mit Kraftwerk-Produzent Conny Plank die Single "Contergan Punk" auf. Das bereits im kommerziellen Sinkflug begriffene Phänomen Neue Deutsche Welle mit ihren dümmlich-naiven Charthits katapultiert Stumpff schonungslos zurück zu seinen progressiven Anfängen: "Die Entarteten greifen euch an (...) sie schütteln ihre kleinen Arme in eurem lächerlichen Takt - Contergan Punk!"
Ansonsten stammen die ausgewählten Stücke wieder von zahlreichen innovativen und oft sperrigen Künstler*innen abseits des Mainstreams. Unter dem Gewicht des NATO-Doppelbeschlusses ächzte man damals etwa auch in Österreich: "Morgen sind alle tot", heißt es hier wehklagend in "Morgen", einem wuchtig-fesselnden New-Wave-Stück, das den Bandnamen angemessen konterkariert: X-Beliebig.
Aber keine Angst, es gibt auch lebensbejahenden Synthiepop, schließlich auch ein Staple der 80er Jahre. Allein der Opener "He Sabine!" von Guyer's Connection ist superb, überraschenderweise auf französisch und daher sehr nahe an Indochine. "Night By Night" von Starter ist dann Righeira und The Flirts in einem. Am Ende haben JaJaJa einen über die Zeit hinausreichenden Ratschlag für uns Jetztzeit-Pessimisten: "Hab nicht mehr Angst".


1 Kommentar
Wird ausgecheckt! Ich fand schon den Übergang von Vol.1 zu 2 in Sachen mehr Weirdness/Nischigkeit äußerst gelungen.