laut.de-Kritik

Alles richtig gemacht, schon wieder.

Review von

Deep Purple und Bob Ezrin müssen Zocker sein. Irgendwann muss schließlich jede Glückssträhne reißen. Selten hat sich ein Absturz so angeboten wie nach "=1", besser konnte es doch eigentlich kaum noch werden. Doch auch auf "Splat!" wird nichts verzockt. Im Gegenteil: Deep Purple legen nach und liefern erneut ein Album ab, das einfach keine Schwäche kennt.

Das Albumkonzept bleibt dabei einmal mehr ein Fiebertraum. Ian Gillan erklärt den "Splat!"-Dreh mit einem Witz: "Was ist das Letzte, das durch den Kopf eines Insekts geht, wenn es auf die Windschutzscheibe trifft? Sein Arsch." Von dort schlägt er irgendwie den Bogen zu Metamorphose, Realität und Bewusstseinsreisen. Klingt reichlich weit hergeholt – ist es vermutlich auch. Doch auf "Splat!" ergibt dieses verschrobene Gedankengebäude erstaunlicherweise Sinn.

Den schnellsten Pfeil verschießen Deep Purple direkt zum Auftakt. "Arrogant Boy" stürmt mit Hochgeschwindigkeit los. Simon McBride treibt den Song im Galopp voran, Don Airey legt die Melodie darüber, und binnen Sekunden fühlt man sich zuhause. Der Sound ist erneut schlicht phänomenal. Jede einzelne Spur ist glasklar herauszuhören, ohne dass das Zusammenspiel jemals auseinanderfällt. Im Gegenteil: Alles greift perfekt ineinander, allen voran Ian Gillans erstaunlich präsenter Gesang.

"Diablo" macht schon nach wenigen Takten klar, dass hier einer der Albumhöhepunkte wartet. Die Hammond-Orgel schleicht sich beinahe unbemerkt in den Song, Ezrin widersteht auch 2026 dankenswerterweise jeder Versuchung zur überladenen Rockoper und hält alles angenehm bodenständig. Das Ergebnis ist klassischer Hard Rock mit Wurzeln in den Siebzigern, der seine Herkunft nie verleugnet, aber ebenso wenig nostalgisch klingt.

Auch Ian Paice und Roger Glover liefern einmal mehr eine Lehrstunde ab, wie eine eingespielte Rhythmusgruppe funktioniert. Besonders auf "The Rider" spürt man, dass hier keine Ansammlung virtuoser Einzelmusiker spielt, sondern eine echte Band. Niemand drängt sich in den Vordergrund, niemand fällt ab. Jede Note trägt die Gelassenheit einer Formation in sich, die Trends kommen und gehen sah wie Insekten auf ihrer Tourbus-Scheibe. Gillans Texte laden erneut zum genauen Hinhören ein, Airey serviert ein weiteres brillantes Hammond-Solo, und Simon McBride klingt endgültig so selbstverständlich, als hätte er nie etwas anderes gemacht, als für Deep Purple Gitarre zu spielen.

Natürlich bewegen sich Deep Purple weiterhin in ihrer ganz eigenen musikalischen Welt, doch diese Welt wird einfach nicht langweilig. "The Lunatic" erfindet das Rad nicht neu, braucht das aber auch gar nicht. Jeder Song besitzt genügend Eigenständigkeit und Charakter, sodass auf den 13 Tracks kein einziger Hänger entsteht, genau wie schon auf "=1". Wer hier mangelnde Innovation gegenüber dem Vorgänger beklagt, übersieht, dass Perfektion manchmal die mutigere Entscheidung ist als zwanghafte Neuerfindung.

"The Only Horse In Town" besitzt den vielleicht coolsten Einstieg der Platte. Was zunächst kompromisslos rockt, entwickelt sich überraschend schnell zu einem melodischen Ohrwurm. "Sacred Land" legt anschließend in Sachen Härte noch einmal ordentlich nach und gipfelt in einem grandiosen Zusammenspiel aus Keyboard- und Gitarrensolo. Dass hier eine Band spielt, die sich ihrem 60. Geburtstag nähert, erscheint in diesen Momenten schlicht absurd.

Nicht einmal das gemächlichere "The Beating Of Wings" bremst den Fluss des Albums. Selbst jene Songs, die auf anderen Platten als Füllmaterial durchgehen würden, besitzen genug Individualität, um nie übersprungen werden zu wollen.

Auf "Guilt Trippin'" machen sich Deep Purple höchstens der Schuld schuldig, wieder einmal hervorragende Musik geschrieben zu haben. Erst das Piano, dann die Gitarre mit ihrem perfekt gewählten Sound, danach Schlagzeug, Bass und schließlich Gillans Stimme, der Song baut sich ebenso simpel wie genial auf. Er verbreitet genau die richtige Art von kontrolliertem Stress, während sich Airey und McBride mit Soli duellieren, die zu den stärksten Momenten der gesamten Platte gehören. Kaum ein anderer Song sticht so deutlich hervor.

"Scriblin' Gib'rish" überrascht mit einem metallischen Riff und einem Sirenenklang, der unweigerlich an "War Pigs" erinnert. Überhaupt schütteln Deep Purple auf "Splat!" eine Überraschung nach der anderen aus dem Ärmel. Selten haben sich 13 Songs und gut 50 Minuten Spielzeit derart kurzweilig und gleichzeitig nachhaltig angefühlt.

"Jessica's Bra" wird anschließend verspielter und leichter, bevor "Third Call" zunächst bewusst auf die falsche Fährte lockt. Der Beginn klingt, als würde gleich der nächste "Enter Sandman" losbrechen, stattdessen biegt der Song elegant in bluesigen Rock ab.

Auch "My New Movie" verzichtet auf den großen Paukenschlag und lebt stattdessen von seinem treibenden Orgelspiel. Der abschließende Titeltrack zieht schließlich noch einmal alle Register. Paices Schlagzeug marschiert entschlossen voran, Roger Glover darf sich stärker in Szene setzen, und aus dem Song entwickelt sich einer der eingängigsten Momente des gesamten Albums. Ein würdiger Schlusspunkt für eine Platte, die praktisch bis zur letzten Sekunde überzeugt.

Erfahrung ist hier kein Verkaufsargument, sondern ein Vorteil. Deep Purple flüchten weder in die Siebziger noch verstecken sie sich vor ihrer Vergangenheit – sie nutzen sie einfach. Dabei wird nichts ausgeschlachtet, dafür steckt in der Musik zu viel spürbare Freude. Und damit haben sie alles richtig gemacht, schon wieder.

Trackliste

  1. 1. Arrogant Boy
  2. 2. Diablo
  3. 3. The Rider
  4. 4. The Lunatic
  5. 5. The Only Horse In Town
  6. 6. Sacred Land
  7. 7. The Beating Of Wings
  8. 8. Guilt Trippin'
  9. 9. Scriblin' Gib'rish
  10. 10. Jessica's Bra
  11. 11. Third Call
  12. 12. My New Movie
  13. 13. Splat!

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5 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    Unglaublich auf welch hohem Niveau die Band seit 2013 konstant abliefert!

    Als 2020 "Whoosh!" erschien dachte ich, das ist ein schöner Abschluss für die Band und bildet gemeinsam mit "Now What?!" und "Infinite" eine tolle Trilogie. Ähnlich wie in den 70ern "In Rock", "Fireball" und "Machine Head".

    "Turning to Crime" war 2021 dann ein überraschend gutes Cover Album bei dem man der Band den Spaß anmerkte, den sie beim einspielen hatte.

    Als es dann 2022 hieß, Morse steigt aus, dachte ich dann wirklich, das war es jetzt. Noch eine Tour mit dem Ersatz Gitarristen und gut ist. Da hab ich mich jedoch getäuscht.

    Simon McBride tut der Band sehr gut und verleiht ihr einen frischen Sound. "=1" von 2024 war rückblickend eins der besten Deep Purple Alben überhaupt.

    Da kommt "Splat!" für mich nicht ganz heran, auch wenn es trotzdem sehr gut ist. Vielleicht bekommen wir ja in zwei Jahren zum 60. Band Jubiläum nochmal ein Album. Das könnte dann die "McBride Trilogie" und vielleicht auch die Band zu einem Abschluss bringen.

    • Vor 13 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 13 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 13 Tagen

      Hätte mich auch gewundert, wenn du einem "Splat!" nicht etwas reservierter gegenüber gestanden hättest. Die Erinnerung an die vielen Freunde, die du an Fliegenklatsche, Windschutzscheibe und co. verloren haben musst, macht das Einlassen auf "Splat!" sicherlicher nicht einfacher. :-(

    • Vor 13 Tagen

      Wieviele Fliegis hat Kuhkatzi wohl bereits verputzt? :-(

  • Vor 12 Tagen

    Splat hieß auch ein toller Song der neuseeländischen Band Bailter Space! Flying Nun ist schon ein cooles Label!

    https://www.youtube.com/watch?v=qZ1APYLfuAM

  • Vor 10 Tagen

    dieses Werk wird zurecht in fast allen Medien hoch bewertet, ja sogar gefeiert. Am schönsten ist es eben wenn man positiv überrascht wird. Die Musiker harminieren auf einem sehr hohen Niveau zusammen und sind auch technisch weit über dem heutigen Durchschnitt. Denjenigen die denken, dass die KI in Zukunft solche Musiker ersetzt, sei dieses Album sehr empfohlen. Kreative, tolle Musiker sind eben och etwas ganz Besonderes. Und das die Herren das in dem Durchschnittsalter von weit über 70 noch so demonstrieren, ist sicher ganz bemerkenswert. Ich freu mich sehr das Material auch live zu sehen/zu hören

  • Vor 10 Tagen

    Bei aller Lobhudelei, wenn da nicht Deep Purple stehen würde, käme das Album nicht über 3 Sterne hinaus.

  • Vor 8 Tagen

    SPLAT! bündelt alle Stärken, die Deep Purple seit Jahrzehnten auszeichnen: organischer Hard Rock, die altbekannte Hammond-Orgel, kreative und harte Gitarre, Musiker, die sich blind verstehen, und Ian Gillan, der mit trocken-britischem Humor groteske Geschichten erzählt. „Arrogant Boy“, „The Lunatic“,“ The only horse in town“ oder „Third call' beweisen eindrucksvoll, dass DP 57 Jahre nach „Speed King“ weitaus mehr sind als eine Band, die nur von ihrer eigenen Legende lebt. Lyric überragend.

    • Vor 8 Tagen

      Na ja, eine der alten Stärke fehlt leider seit einigen Jahren: ein Top-Sänger.

      Ich schaffe es ja langsam, den Gesang nicht mehr mit alten Gillanschen Großtaten zu vergleichen.
      Der Gesang macht mir das Hörerlebnis nicht mehr kaputt, aber besser als unterdurchschnittlich wird er dadurch auch nicht.