laut.de-Kritik
Gott und Dämon in Personalunion.
Review von Rinko HeidrichSchnell-Hochzeit auf der Konzertbühne und ebenso schnell Entliebung nach vier Jahren Ehe - die Gründe für die Scheidung bleiben vorerst geheim, aber allein diese Episode steht sinnbildlich für einen Menschen, dessen Musik schon immer wie ein öffentlicher Nervenzusammenbruch mit Starkstrom-Selbstbehandlung klang. Jack White ist ein wirklich sehr unruhiger und höchstwahrscheinlich nicht einfacher Mensch, was zum Glück seine Musik nicht negativ beeinflusst.
"No Name" profitierte schon von der wiedergewonnenen Lust am Krawall, nun führt "Frozen Charlotte" diesen Weg weiter. Die Idee zu dem merkwürdigen Albumtitel kam dem ehemaligen White Stripes-Gitarristen, als in seinem Third Man Records-Studio eine alte Vintage-Figur auf dem Boden zerbrach und er sie notdürftig wieder zusammenflickte. Sinnbildlich für die letzten Jahre baute er aus den Scherben wieder etwas zusammen, was gleichermaßen zerstört und auch voller brutaler Energie wirkt. Ein Eigenbrötler, der stets seinen eigenen Weg geht, war White schon immer, also kommt nun das siebte Album ohne große Vorankündigung und nur mit einer schnöden Release-Ankündigung im eigenen Webstore. Dieses Verhalten kann man kindisch-trotzig finden oder den Sturkopf für seine Anti-Haltung gegenüber der Industrie bewundern - es passt beides ganz gut.
So rollt "G.O.D. And The Broken Ribs" in gewohnt brachialer Art und Weise wie eine Elefanten-Stampede auf einen zu, von den White Stripes und ihrem Lo-Fi-Blues trennt diesen Song eigentlich nur, dass Meg White nicht mehr am Schlagzeug sitzt, sondern eine ganze Band im Hintergrund den Song hektisch nach vorne antreibt. Einen Trommelwirbel hätte sich Meg White sicherlich in ihrer strengen Drum-Technik verboten, aber diese kurze Einlage unterstreicht nur noch mehr die ständige Angriffshaltung von "Frozen Charlotte".
Es ist ein ziemlich breitbeiniges und rohes Album, das wieder einmal irgendwo in der Ur-Essenz des weißen Blues-Rock badet. "There's Nobody There" atmet extrem viel AC/DC-Benzinluft und ist dabei bewusst einfachster Rock'n'Roll. Das war ja schon die Idee der White Stripes, die alles bewusst fehlerhaft und dreckig beließen. So hallt auch auf "Frozen Charlotte" alles etwas nach, vibriert der Boden eine Spur zu heftig vom Bass, und man kann förmlich den Staub, der vom Boden aufgewirbelt wird, einatmen. Das ist kein großer Unterschied zu "No Name", aber "Frozen Charlotte" versprüht eindeutig mehr spontanen Jam-Charakter. Das geht natürlich zu Lasten einer Hit-Dichte, und nicht jede Solo-Idee musste ganz dringend sein, aber dass sie eben nicht einfach weggeschnitten wurde, verleiht der ganzen Angelegenheit genau den erwünschten, unperfekten Live-Album-Charakter.
Bei näherer Betrachtung steckt neben Punk und Blues auch ein großer Freestyle-Jazz-Charakter in den meist stark improvisierten Stücken. Genau das hatte Flea wohl bei seinem Jazz-Album "Honora" im Kopf gehabt, aber leider nicht überzeugend umgesetzt. "She's In A Frenzy" versprüht mehr MC5-Protest-Attitüde als das gesamte Album des Red Hot Chili Peppers-Bassisten.
Anstrengend ist nur, dass Jack White in diesem Impro-Zirkus diesmal die Zügel lockerer lässt und jedes Bandmitglied spontan einwerfen darf, was im Nachhinein nicht immer zielführend gerät. "Thick As Thieves" zerfasert zu einem ziellosen Band-Meeting ohne wirkliche Kohärenz. White möchte nun mal innerhalb seiner auferlegten Grenzen bleiben und schauen, wie man aus minimalen Mitteln doch etwas Großes erschafft. So bastelt er auf seiner Ranch wie ein Amish-Priester weiterhin mit absoluter Konsequenz seinen wertkonservativen Rock.
Ansonsten hört man wieder sehr viel Led Zeppelin durch die Effekt-Pedal-Steuerung durch. Das ist nun mal sehr geil, und "Making Contact" ist genau dieser Punk-Blues, der die komplette Existenz von Trittbrettfahrern wie The Black Keys infrage stellt. Die füllten irgendwann nach den White Stripes das Vakuum auf und waren immer Blues ohne Sex und Punk. Jack White trägt wirklich das Feuer weiter, und es ist gut, dass er immer noch lichterloh brennt. "You'll Never Fix Me" ist eigentlich eine prototypische Edgelord-Ansage, der perfekte Aufkleber-Spruch für ein Muscle Car, um diesem modernen Zeitgeist den doppelten Fickfinger zu geben. Wobei man bei der herrlich zynischen Zeile "Chat your friends that you will never fix me / Just take a shot, and you'll miss me" dreckig lachen muss.
White ist vor allem dann in Hochform, wenn er aufrichtig pissig und wütend seiner Gitarre den puren Hass entlockt. "You can't control me / Unless you owe me / And you don't own me / Unless I owe you", zischt er in "Dollar Bill" angriffslustig. Diese fehlende Impulskontrolle machte seinen Bandmitgliedern, Freunden und Partnerinnen bestimmt das Leben schwer, auf dem Album klingt diese hysterische, unerwachsene Trotzigkeit genau richtig. Im Privatleben sollte er seine Dämonen besser im Griff behalten, aber "Frozen Charlotte" profitiert ungemein von diesen ständigen, griesgrämigen Ausbrüchen.
Das Album nervt manchmal in seiner präteniösem Bockigkeit, in seiner ewigen Streitlust, mit einem Jack White, der einem "Na und? Du hörst doch trotzdem hin! Buhuhu!" entgegenkotzt. Er hat damit vollkommen recht und gewinnt am Ende sogar. Weil Jack White alles niemals egal ist und er genau mit dieser Leidenschaft auch am Ende den Hörer mit in Flammen setzt. Egal, wie sehr es schmerzt und brennt, aber diese Art von Lebendigkeit gibt es derzeit nicht mehr so häufig.


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