laut.de-Kritik
Wenn Mainstream alternativ wirken soll.
Review von Philipp KauseFury In The Slaughterhouse waren in den Neunzigern eine Zeitlang das nächste große Ding aus Deutschland, und als ihr Name 1987 im Suff entstand, nutzte man noch keine Internet-Suchmaschinen. Für sie ist der Name, mit dem sich nie alle Bandmitglieder identifizieren konnten, ein Glücksfall, trotzdem gab es immer wieder "Changes" in Form musikalischer Stilwechsel bei ausgelagerten Nebenprojekten, und auch die hatten Google-taugliche Namen: Little Red Riding Hood, Wohnraumhelden, Wingenfelder, noch mehr Wingenfelder. Schlagzeuger Rainer engagierte sich eine Zeitlang dafür, Demenzerkrankten durch Trommel-Sessions Erinnerungen zurück zu bringen, und da klingen die Drums dann nicht so Gothic-mäßig erstickt und roboterhaft wie auf "Changes".
Alle Mitglieder waren immer irgendwo mit irgendwas öffentlich präsent, vernachlässigten dabei aber ihre Haupt-Band. Kommerziell gar nicht so geschickt, denn als Fury hatten sie Tonträger in heute unvorstellbaren Massen vertickt. Die nationalen Charts stehen ihnen nach wie vor offen, mit dem Comeback "Now" und dessen Nachfolger "Hope" setzten die Niedersachsen ihren Stil bereits fort. Auch "Changes" liefert die Fortführung des Markenkerns - Rock-Pop mit dezenter Wannabe-Foo Fighters-made-in-Germany-Färbung; möglichst mainstreamig und doch alternativ, in einem Paket.
Spätestens bei "woa-hoa-ho"-Hooks wie in "Youth Is Wasted On The Young" merkt man wieder, dass diese Musik höchstwahrscheinlich aus der BRD kommt. In anderen Ländern würde man sowas nicht als Erwachsenen-Musik verkaufen, insbesondere sobald man die Jugend besingt. Es ist ein wiederkehrendes Sujet: "When We Were Young" traktiert das Motiv geplatzter Träume aus Zeiten, in denen man beispielsweise naiv an die ewige Liebe glaubte. Enttäuschte Tagträume werden da zum Thema: "Reality was never my best friend". Dieser zwischen zuckersüßem Britpop und Bush-Dissonanz unentschlossene Gitarren-Track klingt so angestaubt, wie auch sein Inhalt abgegriffen, zigtausendfach besungen ist und ohne besondere Poesie hier durchgenudelt wird.
Punkte sammeln die Schlachthaus-Hannoveraner, wenn sie 'ihre' eigene Ära in Erinnerung rufen, mit Songzeilen wie "R.E.M. lost their religion" in "Believe", einem Song mehr über Skepsis und Desillusionierung als übers Glauben an etwas. An dieser Grunge-Ballade könnte man Feinheiten in der Abmischung verbessern, damit sie nicht ganz so glatt geschleckt wirkt. Aber Melodie und Message sind schön. "Years Of Thunder" überrollt uns mit einem Bierzelt-Mitgröl-Chorus zu George Ezra-Songstrukturen. "Dream About You" bedient sich als musikalische Synizese aus den Mustern der besagten Tracks "Years Of Thunder" und "Youth Is Wasted On The Young". Fury bereichern dieses Machwerk um eine ganze kurze Bridge, die nach Sitar und "Revolver" klingt. Abgesehen von diesen paar Takten scheint die Nummer wie aus den auffälligsten Parts der anderen blassen Tracks herbei recycelt und fusioniert.
Das Träumen und Hoffen, das etliche Stücke als roter Faden unterlegt, durchzieht weitere Nummern, und die Ambivalenz von Traum und Albtraum prägt den "Dream About You". In "Sorrowland" schickt sich Kai Wingenfelder an, das Klischee zu bestätigen, dass im deutschen Liedgut viel zu viel gejammert wird, nicht nur bei Bendzko, und so trantütet er "maybe tomorrow this misery should end". Es ist einer der Freundscham-Momente der Platte, zusätzlich zu den "woa-hoa-ho"-Stellen. Unterm Strich empfehlen wir mit der atmosphärischen Akustik-Ballade "Sister Moon" dann immerhin einen Anspieltipp und zugleich einen Tune, der sich von der umgebenden nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Mélange abhebt.


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