laut.de-Kritik
Die alte Schule ist hier Fluch und Segen zugleich.
Review von Mathias Liegmal"Mit Sido auf der Bühne, 20 Jahre schon im Rap-Bizz / und seit 20 Jahren fragen die sich schon, wer Kat ist" tönt Kitty Kat gleich auf dem zweiten Track ihres neuen Albums und spielt damit natürlich auf ihren allerersten Part als neues Aggro-Berlin-Signing an. 20 Jahre später wirkt so eine Line allerdings eher wie ein Eigentor. Wieso wissen wir das eigentlich immer noch nicht - und kann "Furie" vielleicht endlich etwas daran ändern?
Große Überraschungen bleiben auch auf diesem Album aus, bewegen wir uns doch weitestgehend in altbekannten Gefilden. Bis auf wenige Ausnamen setzt Kitty auf klassische Selbstbeweihräucherung auf einem ebenso klassischen Soundbild, das mal mehr zur Eastcoast, mal mehr zur Westcoast schielt. Dass mit den Atzen, Silla, B-Tight und MC Bogy gleich fünf Berliner Schwergewichte mit Features vertreten sind, erhöht natürlich instant die Credibility - zumindest auf dem Papier. Die alte Schule ist hier leider Fluch und Segen zugleich, mangelt es doch sowohl Kitty als auch ihren Unterstützern an zeitgemäßen Lyrics, um nicht zu sagen: Skills.
Beispiele gefällig? "Ich bin multi-tasking, weil Frauen einfach bad sind/ zerfetze jeden Sugar Daddy, Blitz, Camera, Action" oder auch "Immer noch im Geschäft, immer noch in Gedächtnis / kannst mich hassen, wie du willst, ich bin epic" - mal abgesehen von den erstaunlich einfachen Reimen bleibt hier selbst für Battlerap-Verhältnisse einfach äußerst wenig Substanz zurück.
Was man sich aber merken kann, weil es wirklich ständig erwähnt wird: Eigentlich hätte Kitty ja viel mehr verdient, weil eigentlich macht sie das alles ja hier schon ewig, und eigentlich hatte sie es deshalb auch viel schwerer als alle anderen. So sehr man ihr all das sogar zugestehen will, weil sie vermutlich tatsächlich für viele der heute erfolgreicheren Rapperinnen ein Vorbild und eine Türöffnerin gewesen ist - diesen Umstand ständig zu betonen, wirkt letztlich wie ein verzweifelter Schrei nach Anerkennung. Aber Katzenjammer will halt niemand hören.
Auch vermeintlich deepe Songs kommen über Standardlines und altbekannte Klischees leider nicht hinaus. Der Anti-Drogen-Song "Steine Im Weg" ist beispielsweise aufgrund des dauerpräsenten Zeigefingers nur schwer hörbar und die Wirkung von Lines wie "Du musst nur verzeihen, Bro, mehr ist es doch nicht!" oder "Spuck auf die Dämonen, schmeiß das Zeug weg / Glaube mir, ohne dieses Zeug läuft es" (diese Reime, Herrgott!) darf - trotz des grundsätzlichen guten Ansinnens - stark bezweifelt werden. Ähnlich verhält es sich mit den Trennungssongs "Du Killst Mich" und "Wie ein Zombie": Der Anlass mag real und schmerzvoll gewesen sein, doch machen Lines wie "Du bist kalt wie der Winter" nichts davon greifbar.
Doch wenn Kitty auf "Sonne" dann kurz Suizid-Gedanken andeutet, wittert man die heißersehnte Chance, jetzt aber nun endlich mal Katharina Löwel kennen zu lernen! Aber auch hier wieder Fehlanzeige, stattdessen nichtssagende Zeilen über, na ja, die Sonnenseiten des Lebens halt. Immerhin liefert Silla hier noch halbwegs konkret Einblick in sein Seelenleben.
Für Kitty Kat hingegen ist es fast ein Glück, dass clubbigere Songs qua natura nicht über sonderlich ausgefeilte Lyrics funktionieren. Sowohl das als Opener fungierende Atzen-Feature als auch "Bhaddie Movez" gehören daher zu den besseren Nummern, was aber primär auf die hochwertige, detailverliebte Produktion zurückzuführen ist. Auch das als Outro fungierende "Come For Me" mit Cassandra Steen folgt letztlich diesem Schema: Liebevoll produziert, gesanglich eh über jeden Zweifel erhaben - und dann halt Parts, die so auch locker schon Anfang der 2000er hätten geschrieben werden können. Der große Hit bleibt aber in allen drei Fällen aus.
Auch das sechste Album in der Diskografie von Kitty Kat beantwortet die Frage nach ihrer Identität also leider nicht sonderlich gut - und macht sie damit dringlicher denn je. Mit 44 Lebensjahren und mittlerweile zwei Dekaden im Rap-Game sollte man annehmen, es gäbe da so einiges zu erzählen. Auf "Furie" finden sich diese Stories allerdings nicht.


6 Kommentare mit 5 Antworten
Wenn man mir nur das Cover vorgesetzt hätte ohne Namen drauf hätte ich die im Leben nicht erkannt. Abseits davon, ungehört 1/5.
Mehr Filter aus dem Cover als in Aschenbecher vor der Arbeitsamt.
auf
dem
diese ai cover suckt hart. Aber irgendwie hats auch was von nem us rap mixtape cover.
Liegmal ballz
Ich finde es sehr gut, wie sie Wörter in unterschiedlichen Rhythmen und Tempi aneinanderreiht, ganz so wie die Begleitmusik das nahelegt. Bin mir nicht sicher, aber man könnte meinen, sie hat sich die Zeilen z.T. vorher schon überlegt. Aber das tut der Sache keinen Abbruch.
Spontanität wird oft eh überbewertet.
Vielleicht gehört das u.U. auch dazu zu dem Gerne, dass man sich manchmal vorher Gedanken macht. Aber gut, man kann jetzt auch nicht erwarten, dass die so gründlich in sich gehen vor dem Sprechgesang. Es handelt sich immerhin nicht um einen Kommentar für laut.de, z.B.
Alles richtig, aber die erstaunlich einfachen Reime höre ich bei Shirin oder Ikki auch.