laut.de-Kritik
Nachdenkliche Ambivalenz getragen von Indie-Sounds.
Review von Magdalena GregoriLangsame Gitarrenakkorde und viel Gesang stellen die Weichen für mehr Indie. Und so wie man auf einer langen Zugfahrt aus dem Fenster starrt und sein Leben überdenkt, hört sich auch Jugo Ürdens neues Album "Für Mich" an. Es ist eine Mischung aus "ich habe mich verändert, lebe gesund und bewusster" und "fühle mich trotzdem leer und unglücklich".
Nach einem kurzen Intro beschäftigt sich der Wiener Rapper mit nordmazedonischer Herkunft in "Dumm" mit dem großen Wort "müssen". Die Lösung? "Jetzt geh' ich dumm, denn wer dumm ist, ist auch glücklich". Die Suche nach dem Glück setzt der Rapper auch im Titelsong "Für Mich" fort und verpackt scheinbar spontane Gedanken in eine eingängige Melodie.
Mit sieben Jahren kam Jugo Ürdens aus Nordmazedonien nach Wien, wo er heute noch immer lebt. Wie es für ihn anfühlt, zwischen zwei kulturellen Welten hin und her zu pendeln, thematisiert er in "Aus Prinzip". Genauso ambivalent ist die Stimmung im nächsten Track. Gemeinsam mit Carlo5 ist Jugo Ürdens auf hüpfenden Beats "Dagegen" und blickt humorvoll auf politischen Aktivismus von privilegierten Menschen: "Vom Beruf Künstler und als Hobby Sozialist / Träum vom Weltfrieden unter warmen Sonnenlicht".
Das Gefühl, wenn etwas hochkocht und dann blubbernd übergeht, fängt Jugo Ürdens in "Panik" ein. Er konfrontiert sich mit Panikattacken und kreiert einen Sound, der wild, verdreht und erschreckend passend für diesen psychischen Ausnahmezustand ist. Mit einem Bass, der sich so anhört wie eine beharrende Hand, die nonstop an die Tür klopft, beginnt "So Wie Du". Bisschen so, als würde sich Jugo Ürdens mit seiner teils kopflosen Vergangenheit auseinandersetzen, die immer mal wieder durchbricht und die Gegenwart aufmischt.
Metaphern gibt's nicht nur in meinen Reviews, auch Jugo vergleicht das Chaos im Kopf mit dem in einer Handtasche, in der man nie etwas findet. "Aber fick auf was sie sagen, fick auf jedes 'Kopf hoch' / Deiner wiegt doch viel zu viel / Leg ihn einfach auf mein'n Schoß". "Kopf Hoch" ist kein verkrampfter Motivationsspruch, nur ein 'ich bin da für dich'.
Leicht schunkelnd und langsam plätschert "Café Europa", ein Lied, das sich einem Ort in Wien widmet, der als Gentrifizierungshölle gilt. Ähnlich freundlich ist auch "Kiwikopf", obwohl Jugo Ürdens übers Kaputtmachen und wieder Hinbiegen kreist. Und am Ende: "Alles Wird Gut". Zusammen mit der Münchner Indie-Pop-Band Mola singt der Wiener Musiker eine Ode an jemanden, der einen erinnert, auch mal das Gute zu sehen. Und obwohl die letzten Tracks des Longplayers nicht ganz so flowen wie der starke Einstieg, haben sie genauso wie negative Emotionen im Leben eine Daseinsberechtigung.
"Für Mich" ist ein Album, das der Melancholie Raum lässt, Gefühle akzeptiert und gleichzeitig auch impulsiv ist. Der Indiemantel, in den das Album gehüllt ist, steht Jugo Ürdens gut und bleibt hoffentlich noch länger in seinem musikalischen Kleiderschrank eins seiner Lieblingsstücke.


1 Kommentar mit 2 Antworten
Kommt es mir nur so vor oder existieren mittlerweile ein halbes Dutzend Udo Jürgens Verballhornunge da draußen?
+n
Das dachte ich mir auch gerade.