laut.de-Kritik

Das Album, das ihr kaum noch jemand zugetraut hätte.

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Ein Album mit einer Ziffer zu benennen, ist ein bewusstes Signal. Man verbindet es damit gleich zu Beginn mit dem letzten Werk dieses Namens, auf dem man (in diesem Fall: vor über zwanzig Jahren) noch mitten im Geschehen stand und der Mittelpunkt der Popwelt war. Das wirkt zunächst wie künstlerische Kapitulation, wie das Schwenken einer weißen Flagge. Unbewusst vermittelt es den Wunsch der Künster:innen, noch einmal so wichtig, noch einmal so angesagt und gefragt zu sein wie damals. Ulkigerweise stellt sich genau dieses Vorgehen bei "Confessions II" jedoch als Madonnas beste Idee in den vergangenen Jahrzehnten heraus.

Wieder arbeitet Madonna mit Stuart Price zusammen - seit ihrer ersten Zusammenarbeit herrschte lange Funkstille zwischen den beiden. Ihr gemeinsames Ziel: Den Leuten Vergnügen und etwas Sonnenschein schenken. Draußen herrschen Krieg, Wahnsinn und Klimakrise, hier darf getanzt werden, hier kann man zu sich selbst und zur Freude finden. "Friede im Rhythmus" lautet der ebenso einfache wie wirkungsvolle Gedanke hinter "Confessions II".

Dieser einfache Grundgedanke und die Entscheidung, dem Album mit Hauptproduzent Stuart Price einen beständigen Sound zu verpassen, verleihen dem Sequel eine durchgehende Seele. Etwas, das den oft im Chaos versinkenden letzten vier Alben fehlte. "Madame X" war 2019 zweifellos das spannendere Album. Als Madonna funktioniert die Sängerin 2026 aber so gut, wie man es eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Dabei liegt eine der größten Stärken darin, mal nicht zwanghaft vorne dabei sein oder die Welt neu erfinden zu müssen. Vieles lehnt sich an ihre besten Zeiten an, ohne diese ganz zu erreichen. Der durchgehende Dancefloor-Sound erinnert an Part I, anderes wiederum an das zum Release missverstandene "Erotica", liefert Querverweise zu Songs wie "Vogue". Überall finden sich kleine Versatzstücke, die man von ihr bereits kennt, ohne dass das Ganze zur bloßen Selbstkopie verkommt. Ein schlüssiges Klangkonzept trägt die tatsächlich wieder guten Songs und zieht sich konsequent durch den gesamten Longplayer. Wer hätte all die Jahre gedacht, dass das Rezept so einfach ist?

Im Mittelpunkt der Texte stehen über weite Strecken das Tanzen, der Dancefloor und (Überraschung!) Sex. Die Sängerin, die einst auf jedem Album mindestens einen Skandal provozierte, hat ihren größten Skandal inzwischen längst gefunden. Sie hat es gewagt, alt zu werden und sich trotzdem weiterhin erotisch zu kleiden, über Sex zu singen und ihn wahrscheinlich auch noch zu haben. Diese Freiheit nimmt sie sich ganz bewusst heraus und wird damit wieder zu einer Wegbereiterin, was man ihr heute so oft abspricht. Viele der ach so offen denkenden Stimmen, die heute lautstark über sie lästern, wirken inzwischen prüder als jene, die sich einst über brennende Kreuze und ihr "SEX"-Buch empörten.

"People think that dance music is superficial / But they've got it all wrong", stellt Madonna in "One Step Away" klar. Der Dancefloor ist kein Ort, sondern ein Übergang, ein Ritual, in dem Bewegung die Sprache ersetzt. "I Feel So Free" dient mit dem Sample des 1989 so notorisch nervtötenden "French Kiss" von Lil Louis als Clubtür, durch die die Türsteher:innen ausnahmsweise jedoch jeden lassen. Währenddessen erzählt Madonna von Misstrauen und Unsicherheit: "It's really hard for me to trust people / Can you blame me? / I never know what people like me / That's why I like to go dancing".

Das Duett "Bring Your Love" mit Sabrina Carpenter kreist um Selbstbehauptung, Zusammenhalt und die ewige öffentliche Bewertung weiblicher Popstars, spielt mit Inner Citys "Good Life". Als Highlight des Auftakts stellt sich jedoch das nach einem New Yorker Clubs in den 1980er betitelte "Danceteria" heraus. Musikalisch mit deutlicher "Vogue"-Schlagseite. Ein Blick auf eine vergangene Zeit, inklusive Namedropping der sich im Haus herumlausenden Berühmtheiten (Keith Haring, Fab 5 Freddy, David Byrne, The B-52's u.v.m.). "Everyone here is a work of art". Dazu noch ein "Walk On The Wild Side"-Zitat (Lou Reed) und ein herrlicher Show-Down. Ein herrlicher Banger und so nah an Peek-Madonna, wie es 2026 eben geht.

"Fragile" verarbeitet den Verlust ihres Bruders Christopher Ciccone und ihrer Stiefmutter Joan Ciccone, die beide Ende 2024 starben, und greift so die familiären Traumata auf, die den Ausgangspunkt für das Album bildeten. Madonna schrieb den Song unmittelbar nach einem letzten Telefonat mit ihrem Bruder, beschrieb den Entstehungsprozess später als "Katharsis" und "wie einen Exorzismus". Nach dem öffentlich ausgetragenen Zerwürfnis auf Grund seines Enthüllungsbuch fanden sie erst kurz vor seinem Tod wieder zusammen. So bietet "Fragile" einen emotionalen Nachhall, eine Versöhnung und Vergebung. Während Madonna auf dem übrigen Album häufig einen harten, fast gesprochenen Vortrag wählt, erinnert ihre verletzliche Gesangsperformance hier an die Melancholie ihrer "Ray Of Light"-Ära. "People really think that / There's a beginning and ending / To this thing called life / But energy never dies / This is just a portal we're going through."

In "Betrayal" thematisiert sie hingegen das schwierige Verhältnis zu ihrer Stiefmutter: "When the book of love is written, I am the writer / And by the last page, you will not be mentioned." Der Track überrascht dank Marco Parisis Trompete mit ungewohnten Jazz-Anleihen. Im fein wumpenden "Bizarre" mit mitreißender Hook knöpft sie sich ihren Ex-Mann Sean Penn vor: "Movie star, deep blue eyes / In Hollywood, we're a perfect prize / ... / Roll out the carpet for us but you won't share it / I guess you're threatened by me, you won't admit it."

Umgeben von diesen gelungenen Songs bleibt das mit Stromae verzierte "My Sins Are My Savior" eher unauffällig. Im eher verzichtbaren "The Test" kommt es zum zweiten musikalischem Aufeinandertreffen mit ihrer Tochter Lourdes "Lola" Leo, wobei diese sich erstmals am Songwriting beteiligt. Mit der entzückenden Gitarrenballade "L.E.S. Girl", eine Erinnerung an ihre jungen Tage an der Lower East Side in New York, verlässt Madonna schlussendlich den Dancefloor. Das Licht geht an, die Sonne auf, aufkehren sollen andere.

Ein Alterswerk, auf dem eine brave Madonna mit Gitarre zu Country-Klängen über ihr Leben sinniert, sollte man von Frau Ciccone sicher nicht erwarten. Im Grunde stellt "Confessions II" aber genau dies dar, nur eben mit den Mitteln einer Madonna. Sie konzentriert sich auf ihre Stärken und findet sie mit Abstrichen im Blick zurück. Naturgemäß ohne die vergangene Größe zu erreichen, denn die tragen selbst Pop-Titanen wie sie nur für drei oder vier Longplayer in sich. In den Augenblicken jedoch, in denen sie in ihren Texten mehr als Tanz zulässt, findet der Longplayer seine wahre Stärke. "Confessions II" ist das gute Album, das Madonna kaum noch jemand zugetraut hätte.

Trackliste

  1. 1. I Feel So Free
  2. 2. Good For The Soul
  3. 3. One Step Away
  4. 4. Bring Your Love
  5. 5. Danceteria
  6. 6. Read My Lips
  7. 7. Everything
  8. 8. Love Sensation
  9. 9. Love Without Words
  10. 10. Bizarre
  11. 11. School
  12. 12. Fragile
  13. 13. My Sins Are My Savior
  14. 14. Betrayal
  15. 15. The Test
  16. 16. L.E.S. Girl

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