laut.de-Kritik

Befreiung und Erneuerung aus dem Fiebertraum.

Review von

"You kill the fire to watch me freeze / And hold me in a fever dream." Haken bewegen sich auf ihrer neuen EP in einem Fiebertraum. Oder besser: Sie werden von jemandem oder etwas in diesem Zustand gefangen gehalten. Die toxische Abhängigkeit ist bereits im Titeltrack omnipräsent. "I followed you (I followed you) so recklessly / Too blind to see what was happening / You held me down so senselessly." Das lyrische Ich wird hier wiederholt verletzt, bleibt aber willenlos unter dem Einfluss des Gegenübers. Nach Manipulation und Gefangenschaft im Titeltrack verstärkt "Delirium" die Auflösung des Ichs: "No hope for freedom / In this flesh prison."

Musikalisch überrascht "Delirium". Haken spielen hier gekonnt mit Gegensätzen und erhöhen so die Intensität. Gab es in "In A Fever Dream" neben wabernder, eben fiebernder Atmosphäre noch polyrhythmische Drum-Parts, das dynamische Gitarrenspiel von Richard Henshall und mehrschichtige Gesangsharmonien von Ross Jennings, so schlägt "Delirium" trotz oder gerade wegen dieses verzerrten, hoffnungslosen Zustands härtere, aber auch wesentlich kompaktere Töne an. Der Refrain öffnet sich wie gewohnt mit viel Pathos, doch der Rest positioniert sich straight zwischen Metalcore und Alternative Rock. Die alte Prog-Verspieltheit scheint in weiter Ferne – und genau hier liegt eine mögliche Interpretation des Fiebertraums.

Gitarrist Charlie Griffiths und Bassist Conner Green verließen Anfang 2026 die Band. "In A Fever Dream" entstand erstmals als Quartett und mit einem externen Produzenten. Wenn eine Band auf einen Schlag ein Drittel ihrer langjährigen Mitglieder verliert und über den Gründen für die Trennung weitgehend Schweigen herrscht, kann man Verletzungen, Enttäuschungen und viele andere Gefühle nur erahnen. Haken selbst sprechen im Zusammenhang mit dieser Phase von Verletzlichkeit, Reflexion, Wiederentdeckung, Herausforderung und Erneuerung. Eine künstlerische Verarbeitung solcher Brüche ist spätestens seit Nightwishs "The Poet And The Pendulum" nichts Neues. So liegt zumindest die Interpretation nahe, dass Jennings und seine Mitstreiter hier nicht nur ein lyrisches Ich, sondern auch die eigene Band in einen Fiebertraum beziehungsweise eine Phase der Transformation schicken.

Das Fehlen von Charlie Griffiths und Conner Green ist auch unüberhörbar. Gitarre und Bass stehen bei weitem nicht mehr so dominant im Vordergrund wie zuvor, auch wenn renommierte Gastmusiker wie Bryan Beller (The Aristocrats, Dethklok, Joe Satriani) und Adam "Nolly" Getgood (Periphery) am Bass mit von der Partie sind. Produzent George Lever sorgt für weitere neue Einflüsse und verpasst Haken einen extrem modernen Sound. Kein Wunder, arbeitete er doch in der Vergangenheit unter anderem mit Sleep Token und Loathe.

Antreiber von "In A Fever Dream" bleibt jedoch Jennings und der Kampf des lyrischen Ichs um Freiheit und Neuanfang. Dabei beweisen Haken lyrische Qualitäten, indem sie mehrere Ebenen ihrer Geschichte zumindest als Lesarten ermöglichen. Der Bogen reicht von der eigenen künstlerischen Entwicklung der Band über zwischenmenschliche Abhängigkeiten in einer Beziehung bis hin zu gewalttätiger und gesellschaftlicher Unterdrückung.

Der dritte Track "Eclipsed By You" offenbart daher auch einen ersten Riss im endlosen Grau des Deliriums: Es reift die Erkenntnis über den eigenen Zustand.

"Cracks in the mirror / Casting a shadow on my mind / I've been eclipsed by you / Cracks in the mirror / Learning to leave that life behind / I've been eclipsed by you."

Das Selbstbild ist beschädigt. Die andere Person verdunkelt das Denken. Das eigene Ich wird vom Gegenüber überstrahlt und unsichtbar gemacht. Aber zum ersten Mal entsteht eine Bewegung weg von diesem Zustand. "Eclipse" ist als Bild wunderbar gewählt, denn eine Sonnenfinsternis bedeutet, dass das Licht grundsätzlich noch existiert, aber vorübergehend verdeckt wird. Hoffnung keimt auf.

Der Song selbst zeigt eine andere Seite der EP. Gehauchte Lyrics erzeugen atmosphärische Spannung, Stimmeneffekte und ein minimalistisch-kalter Beat lassen den Hörer zunächst in einem gespannten Wartezustand zurück, nur, um im letzten Drittel mit Drum'n'Bass-Tempo und melodischen Chören nach vorne zu gehen. Das Ich hat verstanden und kämpft.

Doch Wandel bedeutet Schmerz. Oft wird es erst einmal schlechter, bevor es besser wird. Das gilt für Bands genauso wie für Partnerschaften, Unternehmen oder andere existenzielle Konflikte. Bei Haken "blutet der Himmel", als der Erzähler seine ganze Wut für den Ausbruch nutzt, obwohl er selbst dabei verletzt wird: "Blood red, the colour of my rage / A stain upon my heart / It left me broken, broken." Passend dazu wechselt "Bleeding Sky" zwischen schweren Momenten, sonnigen Harmonien und hektischen Keyboard-Passagen. Gleichzeitig taucht erstmals der Abschied als konkrete Bewegung auf: Das falsche Utopia soll zurückbleiben, aus seiner Asche ein neuer Tag entstehen.

"Lotus" bildet dann den krönenden Abschluss – und damit Befreiung und Erneuerung. Musikalisch nimmt der Song die Motive des Anfangs wieder auf, groovt jedoch mit Growls und harten Riffs inklusive wunderbarer, vielschichtiger Gesangsharmonien wie in früheren Tagen. Die Schlacht ist gewonnen, doch auch die Sieger liegen noch am Boden und suchen nach neuer Energie.

"On my knees on the floor / My cold heart is still beating / Shedding skin in the moon glow / I am in bloom / A silver sky / A chrome dawn."

Der Lotus wächst aus schlammigem Wasser und wird häufig als Bild für Reinheit, Überwindung und geistige Erneuerung gelesen. Der Fiebertraum ist beendet. Das Erblühen erfolgt jedoch auf Knien, die Erneuerung bleibt ein Prozess, der gerade erst begonnen hat. Und so lässt sich "In A Fever Dream" auch auf die Entwicklung der Band selbst beziehen. Haken haben nach den Ausstiegen nicht einfach ihre alte Form mit zwei neuen Musikern rekonstruiert. Sie nutzen die Zäsur, um sich neu zu sortieren – und haben zumindest auf dieser EP einen Weg aus dem Fiebertraum gefunden.

Trackliste

  1. 1. In A Fever Dream
  2. 2. Delirium
  3. 3. Eclipsed By You
  4. 4. Bleeding Sky
  5. 5. Lotus

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