laut.de-Kritik

Mit neuem Sänger optimistisch in die Zukunft.

Review von

Bei Schandmaul-Frontmann Thomas Lindner wurde 2023 ein Karzinom im Rachenraum diagnostiziert. Mittlerweile gilt er glücklicherweise als krebsfrei. Doch die Krankheit hat deutliche Spuren hinterlassen, und Lindner reichte das Mikrofon vor zwei Jahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge an Marco Klingel alias Till Herence weiter, der die Band zuvor schon live unterstützt hatte. Thomas blieb der Band aber an der Akutikgitarre und nun erstmalig auch am Keyboard treu. "Sternensegler" ist das erste Album nach der Umbesetzung.

In "Nimm Alles Mit" lassen die Bayern zu treibenden Tönen die "Vergangenheit" hinter sich und schauen nach vorne, alle Zeichen stehen auf Neubeginn. Dabei versucht Till erst gar nicht, Thomas eins zu eins zu ersetzen, sondern drückt den Songs mit seinem klaren, hellen Organ einen eigenen Stempel auf. Daran muss man sich zwar erstmal ein wenig gewöhnen, zumal die Schroffheit von Lindners Stimme fehlt. Doch über Albumlänge funktioniert die neue Stimme erstaunlich gut, zumal die Band dafür sorgt, dass der Sound nicht zu sehr in seichte, schlagereske Gefilde abdriftet.

Der Titeltrack schlägt in eine ähnlich geradlinige Kerbe, hält aber mehr akustische Momente bereit. Inhaltlich kreist der Text darum, den "Augenblick" festzuhalten. "Beide Füße In Der Luft" erzählt die Geschichte eines rastlosen Falschspielers. Zwar gesellen sich ein paar metallische Elemente hinzu, musikalisch bleibt der Song aber leichtfüßig.

Ganz anders das harte und aggressive "Flagge", das zwölf Jahre nach "Bunt Und Nicht Braun" Hass und Hetze wieder eine Absage erteilt und zu Solidarität und "Vielfalt" aufruft. "Nosferatu" ist eine Vampirgeschichte und lebt von eher düsteren Tönen. "Wo Sprache Aufhört" findet sich in recht balladesken Gefilden wieder und beschreibt den Zustand, dass einem auch mal die Worte fehlen können, wenn es darum geht, den eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

"In Der Hand" erweist sich als rockige, von einem Fantasyepos aus der Chronik der Drachenlanze beeinflusste Fan-Hymne und richtet den Blick erneut geradeaus, wenn es heißt: "Wir geben keine Ruh', um uns wird es niemals leise, und ihr gehört dazu, mit uns'ren Herzen in der Hand!" Ebenso nach vorne richtet sich das von einem Zitat des Schriftstellers Jack London inspirierte "An Beiden Enden", das mit tanzbaren Folk-Rock-Klängen aufwartet.

Vielleicht etwas zu gefühlig gerät dann "Lass Nicht Los", was der Text jedoch wieder wettmacht, der davon handelt, ausgetretene Pfade zu verlassen. In "Trag Dich" besingt Herence zu durchgängig akustisch gehaltenen Tönen die "Liebe". Das Beste heben sich Schandmaul aber für den Schluss auf: Dabei ist "Zwei Raben" nicht mal ein originäres Stück der Band, sondern eine alte Nummer, die von Lindners momentan auf Eis liegender Nebenformation Weto stammt, die man mit Laura Fella von Faun neu eingespielt hat.

Der Song startet als zuckersüßes, akustisches Duett, das davon handelt, als Gefährten oder als Liebende den gemeinsam eingeschlagenen Weg bis ans Lebensende weiterzugehen, und könnte schnell kitischig werden. Doch ein langes, gefühlvolles Gitarrensolo sorgt ab der Mitte des Tracks für einen Gänsehautmoment nach dem anderen, bevor man sich in ein episches und versöhnliches Finale hineinsteigert. Was für ein Wahnsinnstrack!

"Sternensegler" liefert letzten Endes den gelungenen Einstand für den neuen Mann am Mikro. Zwar treten interessante Geschichten zugunsten größtenteils zuversichtlicher Klänge in den Hintergrund. Dafür besinnen sich Schandmaul auf ihre musikalischen Stärken und gehen den rockigen Kurs des Vorgängers weiter, ohne dass Verschnaufpausen zu kurz kommen würden. Im Vergleich zu anderen Bands im Folk- und Mittelalterbereich hat die Musik noch immer etwas Authentisches und Bodenständiges.

Trackliste

  1. 1. Nimm Alles Mit
  2. 2. Sternensegler
  3. 3. Beide Füße In Der Luft
  4. 4. Flagge
  5. 5. Nosferatu
  6. 6. Wo Sprache Aufhört
  7. 7. In Der Hand
  8. 8. An Beiden Enden
  9. 9. Lass Nicht Los
  10. 10. Trag Dich
  11. 11. Zwei Raben

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