laut.de-Kritik

Metal-Comedy mit prominenten Features.

Review von

Dass Bülent Ceylan seine neu entfachte Metalkarriere ernst meint, betonte er bereits rund um "Ich Liebe Menschen" deutlich genug. Dass nun mit "B.L.N.T." das zweite Album folgt, überrascht also kaum. Die Schlager-Vergleiche verfolgen den Mannheimer trotzdem, nicht ganz unschuldig daran dürften da Fernsehgarten-Aufenthalte sowie gemeinsame Gesangseinlagen mit Roland Kaiser und Helene Fischer sein.

Derartige Assoziationen verstärkt nun vor allem das "B.L.N.T."-Cover. Wo andere Amigos vor digital frisierten Mittelmeerküsten posieren, steht hier ein maximal überzeichneter Metal-Ceylan: Flammen, Ketten, Explosionen, T.N.T., yeah. Darüber der Hinweis: "Metal Inside, Highly Explosive". Bülent Ceylan möchte wirklich, wirklich, wirklich, dass alle wissen, dass er Metal macht.

Und genau darin liegt vielleicht das Problem. Je nachdrücklicher das Album seine Metal-Zugehörigkeit betont, desto stärker wächst die Versuchung, sie infrage zu stellen. Für manche dürfte es schließlich ungefähr genauso schändlich sein, das hier Metal zu nennen, wie Turnstile als Hardcore zu deklarieren.

Dabei wäre die Diskussion gar nicht nötig. Insgesamt präsentiert sich "B.L.N.T." als durchwachsenes, aber keineswegs ambitionsloses Album. Man hört dem Projekt Ceylans Freude an, es ist die Erfüllung seines Traums. Der Pressetext verspricht eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern, eine Kombination, die allerdings nicht immer zugunsten des Albums aufgeht.

Denn eigentlich gibt es zwei naheliegendere Möglichkeiten: Entweder nimmt man den Comedian mit in die Musik. Spaßtexte im Metal sind schließlich keineswegs verboten, siehe TBS und Co. Oder man zieht die Sache konsequent ernst durch. Ceylan möchte offenbar beides. Das funktioniert gelegentlich erstaunlich gut und manchmal gar nicht.

Los geht es eher mit dem Augenzwinkern. "Stumpf Ist Trumpf" ist hochproduziert, greift nach Gassenhauern und Parolen und bleibt letztlich wenig hängen. Mit "Fünf Vor Zwölf" folgt direkt darauf die Ernsthaftigkeit. Ceylan kombiniert aggressivere Passagen mit Klargesang, und siehe da: Die Idee funktioniert. Natürlich wird hier kein deutscher Master Of Puppets geboren. Muss er auch nicht.

Deutschsprachiger Rock mit klaren, konsensfähigen Botschaften ist auf dem Markt schließlich nicht gerade überrepräsentiert – "Fünf Vor Zwölf" findet darin eine Berechtigung.

Mit "Wir Haben Gelebt" folgt die erste Ballade. Klassischer Metal ist das nicht, textlich bewegt sich der Song irgendwo zwischen Deutschrock-Pathos und "Leben, lieben, leben", verfügt allerdings über eine durchaus annehmbare Melodie und eine überzeugende Gesangsleistung.

Auf "Wolfsherz" bekommt Ceylan prominente Unterstützung von Doro. Ob deren Anwesenheit grundsätzlich als Qualitätssiegel zu verstehen ist, darf jeder für sich entscheiden. Für Verneiner geht es jedenfalls kitschig und entsprechend soft weiter. Das Duett erfüllt ziemlich genau die Erwartungen, die man an eine gemeinsame Ballade von Bülent Ceylan und Doro Pesch haben könnte, weder mehr noch weniger.

"Keiner Kommt Hier Lebend Raus" bringt anschließend wieder mehr Wumms und warnt vorsorglich schon im Titel vor der Unausweichlichkeit des Lebens. Gut und gerne wird dabei erneut das letzte Wort einer Zeile überbetont, damit der Reim auch wirklich dort ankommt, wo er soll. Die Zeichen stehen auf Lindemann-Anleihe. Beschworen, bekommen.

"Habt Euch Endlich Alle Lieb" orientiert sich instrumental ebenfalls deutlich am Rammstein-Kosmos, während der Gesang stellenweise auch problemlos als Lindemann-Cover durchgehen könnte. Gern genutzte Antithesen stehen hier wie bei Lindemann am Start: "Du willst es haben, dann will ich's nicht / Ich träum' im Dunkeln, du strahlst im Licht". Trotzdem funktioniert der Song. Wer den Rammstein-Sound mag, aber auf eine Persönlichkeit verzichten will, die einem das Kotzen schmackhaft macht, könnte hier durchaus fündig werden.

"Lange Haare" gerät anschließend endgültig komödiantisch: Uptempo, ein wenig Industrial-Anleihe, voilà: Auch das ist gar nicht schlecht. Ernst nehmen kann man es textlich allerdings nicht. "Randale Und Radau" macht danach eine Arschbombe in den Feelgood-Rock. Mit Michael Rhein von In Extremo besingt Ceylan den (lyrischen?) Rocker-Lifestyle. Das erinnert stellenweise unliebsam an Deutschrock, auf einem Ceylan-Album wirkt es allerdings eher wie deren jugendfreie Version. Musikalisch kein Ausreißer, aber einer der Tracks, die stärker hängen bleiben – nicht zuletzt wegen einer kurzen Mundharmonika-Einlage, die dem ansonsten eher unauffälligen Songwriting mehr Leben einhaucht.

Auch "Ein Hoch Auf Die Beschissenen Zeiten" lässt wenig Interpretationsspielraum. Musikalisch geht es mit Vollgas Richtung Stadionrock. "Leck Mich Tag" wiederum steht stark als unverblümtes Statement gegen all jene, auf deren Meinung wirklich kein Wert gelegt werden sollte", wie der Promotext erklärt. Ceylan singt davon, künftig nur noch das zu machen, worauf er selbst Bock hat. Und dass er Bock auf diese Musik hat, daran besteht ohnehin kein Zweifel.

Mit "Diktatürk" folgt dann die direkteste Vermischung von Comedy und Musik, die gleichnamige Show lässt grüßen. Musikalisch startet der Song mit einem tatsächlich schweren Riff. Ein konsequent ernst gemeinter Text hätte daraus möglicherweise sogar ein echtes Aushängeschild des Albums machen können. So geht es auch klar, verschenkt aber etwas Potenzial.

"Am Ende Gut" bildet schließlich den Epilog: "Blaue Wahlplakate / Kein Bock drauf". Manch einer möchte da vermutlich reflexartig Festival-Ausladungen aussprechen. Ceylan formuliert seine politischen Ansichten klar genug, ohne den Song vollständig in eine Wahlkampfrede zu verwandeln.

Am Ende liefert Bülent Ceylan mit "B.L.N.T." solides Clubrock-Handwerk mit Metal-, Industrial-, Deutschrock-, Pop- und Schlageranleihen. Genau darin liegt auch das Problem: Das Album möchte Metal sein, aber gleichzeitig Pathosrock, Balladenplatte, Rammstein-Fantasie, Comedy-Projekt und ein bisschen Schlager-Pop nicht vollständig hinter sich lassen. Der Enthusiasmus dahinter ist trotzdem jederzeit spürbar. Auch die persönlichen und politischen Botschaften wirken überwiegend ehrlich und selten unangenehm belehrend.

Trackliste

  1. 1. Stumpf Ist Trumpf
  2. 2. Fünf Vor Zwölf
  3. 3. Wir Haben Gelebt
  4. 4. Wolfsherz
  5. 5. Keiner Kommt Hier Lebend Raus
  6. 6. Habt Euch Endlich Alle Lieb
  7. 7. Lange Haare
  8. 8. Randale Und Radau
  9. 9. Ein Hoch Auf Die Beschissenen Zeiten
  10. 10. Leck Mich Tag
  11. 11. Diktatürk
  12. 12. Am Ende Gut

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