laut.de-Kritik

Tonnenschwer, dabei aber überraschend luftig.

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Man durfte nervös werden, als bekannt wurde, dass Andrew Wyatt die neue Interpol-Scheibe "This Mirror Weighs A Ton" produziert. Nicht, weil der Mann nichts könnte, sondern weil ein Produzent dieser Größenordnung schnell nach jener Sorte Neuerfindung riecht, bei der am Ende vor allem jemand anderes die kreativen Entscheidungen getroffen hat. Noch ein Klavier hier, ein bisschen Elektronik dort, ein paar neue Texturen – und plötzlich muss eine Band erklären, wie befreiend es gewesen sei, endlich einmal anders zu arbeiten.

Dabei hatten Interpol nie ein Songwriting-Problem, eher ein Erwartungsproblem. Oder ein Hörerproblem. Die ersten beiden Alben stehen derart monumental über allem, was danach kam, dass sich die Band seit zwanzig Jahren dafür rechtfertigen muss, weiterhin wie Interpol zu klingen. Warum eigentlich? "Marauder" war bärenstark, "The Other Side Of Make-Believe" fiel nur ein Stück ab und war immer noch sehr gut. Nichts auf die Erwartungen zu geben, wirkt schon lange wie eine Stärke der New Yorker und ihres Anführers: Paul Banks lässt sich zwischen Julian Plenti, Muzz und dem schönen "Sister Midnight"-Soundtrack seit vielen Jahren gekonnt treiben.

"This Mirror Weighs A Ton" hält das hohe Qualitätsniveau der Band. Das Album verändert Interpol ziemlich deutlich, aber erstaunlich organisch. Wyatt hängt ihnen keinen neuen Stil um, sondern verschiebt die Gewichte innerhalb des alten. Das ist schon deshalb interessant, weil die Band selbst komplizierter geworden ist: Brad Truax und Brandon Curtis gehören nun offiziell dazu, auf dem Album ist aber nur Truax zu hören, der den Bass von Banks übernimmt. Gerade bei Interpol ist das keine Nebensächlichkeit. Der Bass war nie bloß Fundament, sondern der Rhythmus des Steinschmetterers, zu dem der Rest der Mine hackte.

Der Titeltrack ist mit seiner komplexen Schwere deshalb hervorragend als Opener gesetzt: sofort Interpol, aber mit auffällig viel Luft zwischen den Elementen. "See Out Loud" ist klassischer Stoff, ohne rückwärtsgewandt zu wirken. Bei "Iron City" zeigt sich dagegen die Kehrseite. Der Song ist beinahe zu luftig, lässt zu viel Platz wie ein Popsong, während der eigentlich wütende Bass tief im Mix verschwindet. Man fragt sich, ob zwei so dominante Bassspieler wie Carlos Dengler oder Banks das früher zugelassen hätten. Hier zeigt sich Wyatts maßgebliche Produktionsentscheidung: Nicht die neuen Instrumente verändern Interpol am stärksten, sondern die Dynamik. Alles bekommt mehr Raum, gleichzeitig werden die Ausschläge begrenzt. Interpol sind kein wogender Tsunami mehr.

"Wounded Soldier" zeigt schön, warum das trotzdem funktioniert. Banks' Stimme hat sich über die Jahre enorm entwickelt; er kann heute einen reduzierten Song tragen, statt sich nur gegen Bass und Gitarren zu stemmen. Trotzdem darf man die Momente vermissen, in denen er gegen ein komplettes Klanggewitter annölte. Auch "Wings On Fire" und "Ever The Actor" sind im Kern klassische Bandsongs, nur federn sie anders. Interpol treiben ihre Pflugschar weiter durchs Feld, rammen sie aber nicht mehr wie Clarkson in Staffel eins seiner Farm bis zum Anschlag in den Boden. Das Ergebnis ist leichter, ohne an Gravitas zu verlieren. Weniger Indiedisco um zwei Uhr morgens, mehr Schwanken mit Whiskyglas im Wohnzimmer.

An "Darling Thoughts" hört man besonders gut, was sich im Songwriting verändert hat. Früher hätte sich so ein Stück noch zweimal in sich selbst verschraubt und verdreht; jetzt kehrt die Idee immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Bei "Wake Up", einem der besten Songs des Albums, funktioniert diese neue Ökonomie ausgezeichnet – und täuscht vielleicht sogar darüber hinweg, dass noch mehr drin gewesen wäre. Die Band hat hervorragend gelernt, Dinge wegzulassen, aber noch nicht immer neue Abschlüsse für die dadurch entstandenen Räume gefunden.

Auch "Bird And The Serpent" bekommt ein starkes letztes Drittel nicht vollständig aufgelöst. Interpol haben eine neue Grammatik gefunden, aber noch nicht für jeden Satz den Punkt. "Interpol" hätte im Jahr 2010 schwarzes Pech an diese Stellen geklebt, aber eine Grundstimmung über das zu erwartend Melancholische hinaus strebt der Tonnenspiegel gar nicht an.

Gerade deshalb überrascht, wie geschlossen "This Mirror Weighs A Ton" klingt. Kein Potpourri, keine demonstrative Neuerfindung, kein Synthesizer-Gemucke über Gebühr. Die Veränderungen sitzen tiefer im Klangbild. Nicht alles gelingt. "So Rides The Reindeer" ist nicht nur blöd benannt, sondern wirkt allzu sehr wie eine Fingerübung. Früher lag selbst in schwächeren Interpol-Songs oft dieses Gefühl: Genau so musste die Nummer raus. Hier fehlt das Zwingende. "Enemy" ist schlicht stinklangweilig, und Banks' alte Kitschneigung darf sich über Keyboard- und Gitarrengeschmachte mit Achtklässlerlyrics austoben. "Sudden" wiederum schreit geradezu: Guck, ich bin ein deeper Closer. Langsam, schwer, bedeutungsvoll – unnötiger Ballast.

Dass diese Ausfälle das Album kaum beschädigen, spricht für seine hohe Grundqualität. "This Mirror Weighs A Ton" ist keine Neuerfindung, und zum Glück versucht es auch keine zu sein. Interpol haben ihren eigenen Sound um einige Zentimeter verschoben und damit erstaunlich viel verändert. Die Schwere bleibt, die Melancholie sowieso, Banks bleibt Banks und Kessler erkennt man nach zwei Gitarrentönen. Nur steht zwischen ihnen plötzlich mehr Luft. Manchmal fehlt dadurch der alte Sog, manchmal wünscht man sich die Pflugschar noch einmal tiefer im Boden. Aber nach mehr als zwei Jahrzehnten ist diese kontrollierte Lockerung vielleicht die glaubwürdigste Form von Weiterentwicklung, die Interpol wählen konnten.

Trackliste

  1. 1. This Mirror Weighs A Ton
  2. 2. See Out Loud
  3. 3. Iron City
  4. 4. Wounded Soldier
  5. 5. Wings On Fire
  6. 6. Ever The Actor
  7. 7. So Rides The Reindeer
  8. 8. Darling Thoughts
  9. 9. Wake Up
  10. 10. Enemy
  11. 11. Bird And The Serpent
  12. 12. Sudden

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6 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 10 Tagen

    Ich wünschte, ich könnte das Album mögen. Die ersten drei Alben waren großartig, dann war für mich leider der Ofen aus. Das betrifft nicht nur das Songwriting, sondern auch die erbärmliche Produktion von "Marauder" oder "The Other Side...". Banks' Gesang habe ich auch noch nie so quengelig empfunden wie auf dem aktuellen Album, obgleich sich das bereits auf der letzten Tour für mich abzeichnete.

  • Vor 10 Tagen

    Super Album, finde ich auch. Es sind nicht die allergrößten Melodien drauf, aber ich mag die verspielten Arrangements, die laid-back Atmosphäre und den Aufbau der Songs. Abwechslungsreicher als viele ältere Alben von ihnen.

  • Vor 8 Tagen

    Ich schließe mich dem Lob für den Rezensenten an. Obwohl wir uns hier bei kaum einem Song einig sind, gehört Herr Maurer zu den Autoren, die ich hier am liebsten lese.

    Die Platte ist wirklich gut geworden. Ich mag die Atmosphäre sehr, die sich im Mittelteil und gegen Ende entfaltet und finde es toll, wie sich die Band weiterentwickelt hat und gleichzeitig erkennbar bleibt. Nachdem die mir in den Zehnern echt egal waren, ist die Platte genau wie ihr Vorgänger ein Jahreshighlight.
    Favoriten: Ever the Actor, Darling Thoughts und The Bird an the Serpent (groß).

    Die Band hat im Alterungsprozess das Gefährliche, Provokante, Übergriffige verloren, das die ersten Platten noch hatten, aber sie schaffen es, die Melancholie die geblieben ist, spannend zu halten.

  • Vor 7 Tagen

    Top Album, mit den ersten Songs konnte ich erst wenig anfangen, aber das sind alles Grower, wie das gesamte Album.