laut.de-Kritik

Die schmerzhafte zweite Phase eines Neuanfangs.

Review von

Es ist einfach frech, mit welcher Selbstverständlichkeit Chelsea Wolfe seit "Pain Is Beauty" von 2013 ein gutes Album nach dem anderen raushaut, ohne auch nur einmal wirklich danebenzugreifen. Mit "The Dark" hält sie ihr hohes Niveau nun zum sechsten Mal in Folge. Andere Acts wären froh, nach ihrer gesamten Karriere auf so viele gelungene Longplayer zurückzublicken. Schämen Sie sich, Frau Wolfe!

Dass sie Album Nummer neun "The Dark" nennt, wirkt allerdings in etwa so kreativ, als würden The Cure eines "Sad", Depeche Mode eines "Black" oder Mark Forster eines "Kappe" nennen. Die Dunkelheit gehört seit Beginn zu ihr und frisst sich tief in ihr Werk. Beides zu trennen, dürfte sich als schier unmöglich herausstellen.

Nach dem stark von Elektronik bestimmten "She Reaches Out To She Reaches Out To She" (2024) wandert diese weitestgehend wieder zurück in den Keller. Das mit der neuen Co-Autorin Jennifer Decilveo und ihrem langjährigen musikalischen Weggefährten Ben Chisholm produzierte und geschriebene "The Dark" bestimmen stattdessen akustische Momente, wie auf "Birth Of Violence" (2019) sowie harte, dramatische Gothic-Rock-Elemente. Trotz der dem Sound zugrunde liegenden Schwere zeigen sich die Melodien dabei so eingängig wie selten zuvor.

Inhaltlich setzt "The Dark" dort an, wo "She Reaches Out To She Reaches Out To She" aufhörte. Auf die Euphorie nach ihrem Alkoholentzug ("rosa Wolke") folgte die Erkenntnis, dass die eigentliche Arbeit damit erst beginnt. Wolfe beschäftigt sich mit dem Älterwerden, mit Beziehungen, für die sie sich selbst lange vernachlässigt hat, und der Frage, welche Teile ihrer Identität tatsächlich zu ihr gehören. Sie trennte sich von Menschen und Dingen, die sie liebte, die aber ihr nicht guttaten. "The Dark" handelt damit von der schmerzhaften zweiten Phase eines Neuanfangs, erzählt davon, sich zu verändern, ohne sich selbst aufzugeben.

Sollte Chelsea Wolfe irgendwann ihr "Automatic For The People" schreiben, es würde vermutlich mit einem Song wie "Cold" beginnen. Akustische Gitarre, Klavier, Schlagzeug, ein wenig Schmuck und vor allem die volle Präsenz ihrer Stimme reichen aus für eine gleichzeitig verletzliche und ungemein starke Ballade über das Loslassen einer Beziehung, die ihr längst schadet. "Crying underwater, screaming at the surfacе / Told me that you cared once, tеll me it was worth it", singt sie. Damit gibt das Lied nicht nur inhaltlich den Ton des Albums vor, sondern birgt auch eine der schönsten Melodien, die Wolfe bislang geschrieben hat. Tieftraurig und melancholisch, dabei aber so unmittelbar und eingängig, wächst "Cold" zu einer Schönheit.

Das darauf folgende "Seethe" rückt den Eindruck, mit "The Dark" könnte es sich um ein rein von Balladen getragenem Werk handeln, allerdings umgehend zurecht. Angetrieben von einer aggressiven Bassline, auf der Wolfe den Song komponierte, bricht sich bedrohlicher Gothic-Rock Bahn, der noch am ehesten auf dem Vorgänger seinen Platz gefunden hätte. Als weibliche Assassinin singt sie von der Gewalt, die in den Menschen verborgen liegt: "I see the ill in all of you / The violence hidden out of view." Unterstützung findet sie beim Queens Of The Stone Age-Gitarristen Troy Van Leeuwen, mit dem sie schon auf "Hiss Spun" zusammenarbeitete. Dabei klingt sie, als wäre sie gerade selbst frisch von ihrer Ausbildung auf der Bergfestung Alamut zurückgekehrt.

Der betörende Dark-Folk des Titelsongs ist laut Wolfe ein "Liebeslied an die Dunkelheit". Ebenso, wie der Song langsam heranwächst, stellt die Finsternis für Wolfe nicht nur ausschließlich Bedrohung und Depression dar, sondern auch einen Ort, aus dem Neues entsteht. Damit man die Sterne sehen kann, muss es erst richtig dunkel werden. Im letzten Drittel öffnet sich "The Dark" mit Warpaint-Schlagzeugerin Stella Mozgawa und dem ehemaligen Nine Inch Nails-Bassisten Justin Meldal-Johnsen aus der Zurückhaltung.

Tief von Melancholie durchdrungen ringen in "Death Is Not The End" gespenstische Ruhe und von Robin Fincks (Nine Inch Nails) Gitarre eingeleitete Doom-Elemente miteinander und führen die beiden Seiten von "The Dark" zusammen. Im Closer "Dancer In The Sky" steht Wolfe kurz davor, in Richtung Lana Del Rey zu kippen.

Am Ende erfindet sich Chelsea Wolfe auf "The Dark" nicht neu, zeigt sich deutlich weniger experimentierfreudig als in der Vergangenheit. Vielmehr setzt sie einzelne Versatzstücke daraus geschickt zusammen und verbindet sie mit unmittelbaren und teils ungewohnt eingängigen Songs. Dass all diese Dunkelheit die Stücke nie unter sich begräbt, darin liegt vielleicht die größte Stärke des Albums.

Trackliste

  1. 1. Cold
  2. 2. Seethe
  3. 3. Humours
  4. 4. Swallower
  5. 5. Halo
  6. 6. The Dark
  7. 7. Turn The Key
  8. 8. I'm Not There
  9. 9. Death Is Not The End
  10. 10. Dancer In The Sky

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Chelsea Wolfe

Wenn man keine Lust mehr auf die ewig gleichen Sounds dieser Welt hat, warum dann nicht einfach einen ganz eigenen erfinden? Chelsea Wolfe (ja, das ist …

Noch keine Kommentare