laut.de-Kritik

Von wegen ausgestorben!

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Seit dem Erscheinen von "Hushed And Grim" vor nunmehr fünf Jahren hat sich in der Welt und vor allem im Umfeld des mächtigen Mastodons eine Menge getan. Persönliche Schicksale, Naturkatastrophen und vor allem der medial ausgeschlachtete Ausstieg und das kurz darauf überraschende Ableben von Gründungsmitglied, Songwriter und Co-Sänger Brent Hinds. Obwohl er ein tiefes Loch hinterlässt, wird schnell klar, dass die verbleibenden Bandmitglieder keineswegs die Waffen strecken und alles daransetzen, ihren Weg trotz der massiven Widrigkeiten weiterzugehen.

"Marrow Deep" setzt sich mit allen erlebten Tiefschlägen auseinander, künstlerisch inspiriert vom Mythos der drei griechischen Schicksalsgöttinnen Klotho, Lachesis und Atropos, den Herrinnen über die zerbrechlichen Fäden, die Leben, Verlust und Schicksal miteinander verbinden. Klingt natürlich wie üblich äußerst dramatisch, passt nun aber wie gewohnt zur unfassbar vielschichtigen und emotionsgeladenen Musik.

In einer guten Stunde zeigen sich die Urtiere zwar nicht wirklich von einer komplett neuen Seite, jedoch werden die Einflüsse der beiden Neuzugänge Nick Johnston (Gitarre) und João Nogueira (Keys) schnell deutlich. Gleich mit "Barbarians Blood", zu dem Converge Drummer Ben Koller seinen rhythmischen Senf dazu gibt, passiert in wenigen Augenblicken bereits genug, um klarzumachen, dass wir es nicht mit greifbaren middle-of-the-road Kompositionen zu tun bekommen. Die wie üblich raumfüllenden Drums, die stets im Wandel befindlichen Riffs irgendwo zwischen Stoner Rock und Sludge, die unterkühlten Melodien und Troy Sanders Rasselstimme erfüllen direkt alle Erwartungen. "We're in danger" heißt es da, und genau so fühlt es sich an. Zum Ende des Openers erscheinen zum ersten Mal wilde 70s Prog Keyboards, die uns noch für einige weitere Songs begleiten werden.

Die erste Hälfte des Albums könnte man vermutlich als typisch Mastodon beschreiben, wobei allein das einen schon sehr weitläufigen Begriff darstellt. So sind "Poisonous Weapons" und "Snakes For Dinner", bei dem Steinzeitkönigin Josh Homme die stellenweise engelsgleiche Stimme von Drummer Brann Dailor unterstützt, noch recht greifbare Stoner Metal-Stücke. Das Spiel mit Geschwindigkeiten, sich überlagernden Parts und Melodien klappt hervorragend, es bleiben sogar einzelne Teile bereits auf Anhieb im Gedächtnis. Post Rock-Anteile tragen die Stücke, teils schleichen sich scharfe Thrash-Kanten ein, es wird allerhand geboten. "Your Ghost Again", die direkte Widmung an den verstobenen Brent Hinds, erzeugt Chaos. Progressive Rock Riffs im Wechsel mit psychedelisch-spacigen Episoden, verzweifeltes Geschrei und cleaner Gesang, dazu gequälte und doch hymnische Melodien, im Ergebnis steht authentische Trauer.

"Out Like A Lamb" lebt von einer stetigen Steigerung und gewissermaßen von Widersprüchen. Leise, verhaltene Töne, lauernde Stimmung und trotzdem erscheint alles brüllend laut und sehr schwer zu greifen. Düster und beklemmend geht es zu, obwohl der cleane Gesang doch irgendwie Wärme ausstrahlt. Ähnlich einem aufziehenden Gewitter in Form von dissonanten Black Metal Riffs und einer zweckentfremdet klingenden Orgel. Zum Ende hin verziehen sich die Wolken und der Himmel reißt auf, epische Klänge und ein unwahrscheinlich episches Solo besetzen das Finale. Die anschließende Halbballade "In The Ruins" beschreibt ebenfalls erst die Ruhe vor dem Sturm (tatsächlich geht es auch um die Schäden durch einen Hurricane und die erlittenen Verluste) mit spacigen, psychedelischen, doppelstimmigen Parts. Im Kontrast dazu steht die kratzige Stimme und aufkommendes Geschrei. Natürlich wandelt sich das Stück im Laufe der Spielzeit, natürlich wird irgendwie alles verändert, aber am Ende bleibt die spürbare Verzweiflung zwischen melodischen und ungewohnt eingängigen Riffs.

Aber hier verändert sich das Konzept des Albums leicht. In den ersten Durchläufen etwas stärker, allerdings rundet sich die starke Kante bei mehrfachem Genuss nach und nach weiter ab. Wäre das Narrativ weitergelaufen wie gehabt, wäre zu befürchten gewesen, dass ein zu fest gesponnener, roter Faden "Marrow Deep" dezent verdirbt. "They're Coming For You" walzt ungefragt mit Sludge und Death Metal-Riffing und komplizierten Melodien voran und erscheint sofort experimenteller und vertrackt. Klassischer Progressive Rock hier, drogige Psychedelica dort und ausgelassenes Geschrei im letzten Drittel - wie in frühen Tagen der Band weiß man zum später nicht so recht, was einen da gerade überrollt hat. Das folgende "Golden Spires" wirkt nicht weniger finster, dafür aber streckenweise umso aggressiver und wieder fühlt man sich an moderneren Thrash Metal erinnert. Wieder sind es die beiden Gegensätzlichen Stimmfarben von Sanders und Dailor, die das Stück besonders machen. Und das apathische Synth-Geklingel dazwischen.

Das ruhigere "Moth And Bone" geht ebenfalls als einer jener Songs durch, die vermutlich eben so lange brauchen, um eine blühende Dolde zu entwickeln, wie etwa ein Fliederstrauch. Ich habe keine Ahnung, wie lange so etwas dauert, aber ich fand den Vergleich gut. Die hippieske Orgel erzeugt zusammen mit der hypnotisch anmutenden Akustikgitarre tatsächlich ein leicht blumiges Feeling, das entfernt an frühe A Perfect Circle erinnert und spätestens mit den walzenden Stoner Riffs und dem richtig geilen Mathrock Part verwelkt. Es fällt nicht leicht hier durchzusteigen, aber das Dranbleiben lohnt.

"A Vampire's Demeanor" mit Randy Blythe (Lamb Of God) und Nate Newton (Bass bei Converge) als Unterstützung groovet fast wie Musik aus den 90er Jahren, fällt dafür aber zu finster und leider auch etwas zu unspektakulär aus und rauscht damit irgendwie durch, allerdings auch ohne weiter stören. Leider tatsächlich störend wirkt das etwas lang geratene Bass-Intro von Doom-Gott Geezer Butler in der klaren Sabbath-Hommage "The Vanishing", das hätte man kürzen können oder zumindest erneut irgendwo im Song verbauen können. So wirkt es irgendwie verzichtbar. Verträumte, angezerrte Gitarren spielen wieder wunderschöne Melodien, der Gesang benutzt den gleichen Effekt wie einst der Prince of fuckin' Darkness bei "Planet Caravan" (Paranoid, 1970). Es hätte gar nichts ausgemacht, wäre das Stücke ruhig zu Ende gegangen, aber passend zum Rest wird am Ende wieder aus fetten Rohren gefeuert. Eine Beschwerde auf hohem Niveau.

Der sehr lange Schlussakkord "The Three Fates" fasst das Album letztlich in einem wilden, durchaus theatralischen Akt zusammen. Zu behaupten, es fehle dem Song an Substanz, wäre unangebracht und zudem etwas vorschnell geurteilt. Wir hören Sludge mit Hammond Orgel, kleine Ausflüge in den Free Jazz und Spannungsaufbau durch leise und laute Parts im Wechsel, wie man es kennt und liebt, dazu noch ein filigranes Solo und ein Neil Fallon von Clutch, der einen comicartigen, überzeichneten Spoken Word Part beiträgt. Das Album wächst mit jedem Durchlauf, ob das letzte Stück dazu passt, kann der Verfasser dieser Zeilen bis dato nicht abschließend beurteilen.

Mastodon haben mit "Marrow Deep" ein aufregendes, vielschichtiges, in Teilen wirklich spektakuläres Album geschaffen. Brent Hinds war ein tragender Pfeiler der Band, er fehlt, aber die Show muss weiter gehen.

Trackliste

  1. 1. Barbarians Blood
  2. 2. Poisonous Weapons
  3. 3. Your Ghost Again
  4. 4. Snakes For Dinner
  5. 5. Out Like A Lamb
  6. 6. In The Ruins
  7. 7. They're Coming For You
  8. 8. Golden Spires
  9. 9. Moth And Bone
  10. 10. A Vampire's Demeanor
  11. 11. The Vanishing
  12. 12. The Three Fates

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8 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 19 Tagen

    Der letzte Absatz wirkt ziemlich kalt, so als hätte man die Rezension zum Ende schnell abwürgen wollen. Will so überhaupt nicht zum vorangehenden, überwiegend sehr euphorischen Text passen.

  • Vor 18 Tagen

    Nach 3 Durchläufen definitiv mein Album des Jahres!

    • Vor 18 Tagen

      Entweder wird es Marrow Deep, oder es wird Perfecth von QOTSA. Hab bei beidem noch nicht alles gehört, aber was ich bisher gehört habe, war herrlisch....

  • Vor 18 Tagen

    So nach einem Durchlauf: Sehr gutes und sehr emotionales Album. Oftmals hab ich echt Gänsehaut gehabt. Auch wagt die Band neue Sounds, allein durch den neu hinzugekommen Keyboarder und ich mags. Irgendwie klingt die Band anders als auf allen bisherigen Platten. Klar, man geht zu alten Härten zurück, aber ohne die Tiefe zu verlieren, die die, ich sag mal drei letzten Alben gebracht haben. So klingt es nach einem guten Kompromiss aus altem, kürzlichen und neuem Sound.

    Ich hatte ja befürchtet, dass man Brent Hinds nicht ersetzen kann und letztlich stimmt das auch. Aber im Grunde bin ich sehr positiv dem neuen Gitarristen zugewandt. Er machts echt sehr sehr gut und haut auch echt nice Soli heraus. Er schafft's für mich, die Nostalgie um Hinds ganz klein zu halten.
    Für ein genaues Fazit ist es noch zu früh, aber bisher echt super Scheibe.

  • Vor 15 Tagen

    Eine der wenigen gehypten Bands, die ich wirklich uneingeschränkt genießen kann, obwohl es garnicht so ganz meine Mucke ist. Ich würde da z.B. eher zu Nevermore oder Primordial greifen. Klingt etwas weit hergeholt, empfinde ich aber garnicht so. Man kann auch Sachen abfeiern, die man jetzt nicht unentwegt hört. In Sachen Metal war dieses Jahr, bis auf einige Black Metal Outputs, sowieso etwas mau bei mir

    • Vor 14 Tagen

      @Puschel
      Das trifft sich doch gut, wenn das Output dieses Jahr nicht so war für Dich, da hast Du doch einen umso klareren Blick auf das, was für Dich über die Jahre die Metal Alben waren die Dich geprägt haben.
      Denk also an deine Liste. Die User waren ja schon fleißig und nun fehlt nur noch Deine.

    • Vor 14 Tagen

      Meiner Meinung nach muss(!) man sogar Sachen abfeiern, bei denen die Parameter das Gegenteil vermuten lassen, wenn sie einem dennoch taugen. Das ist doch das schöne an Musik, dieser Heureka-Moment, wenn man etwas richtig cooles entdeckt.

      Erinnere mich gern an die Reunionshow von FNM, die ich auf dem Hurricane 2009 gesehen habe. Hatte die Band nicht auf dem Schirm und meine Fresse hat mich das umgehauen! Allerdings war das schon auch mein Genre, irgendwie.

    • Vor 12 Tagen

      Mastodon ist eine Band, die eben nicht abgehypt wird. Und in Deutschland ganz bestimmt nicht. Wenn es ein Beispiel für eine abgehypte Band gibt, ist das für mich Down. "Blood Otah" klingt dermaßen uninspiriert, das ist viel Geriffe, kaum Song. Ich höre da keine Spielfreude wie auf den ersten beiden Alben. Nichts was irgendwie überrascht. Und dabei hat das Cover von "Right Place Wrong Time" Lust auf mehr gemacht. Die sind meines Erachtens in ihrer Pose erstarrt. Doch dadurch bin auf Dr. John gekommen. Danke an Down.

  • Vor 13 Tagen

    Ich werde irgendwie noch nicht ganz warm mit dem Album.

    Insgesamt würde ich sagen, die erste Albumhälfte gefällt mir besser.

    "Barbarians Blood" legt mit einem schweren Riff los und geht am Ende fast schon in Richtung Meshuggah.

    "Poisonous Weapons" legt dann deutlich an Geschwindigkeit zu, hat in der Mitte aber auch einen sehr melodischen Teil mit Branns tollem Gesang.

    Darauf folgen die beiden Singles. "Your Ghost Again" hat einen Oldschool Mastodon Vibe den ich sehr mag. "Snakes for Dinner" ist dann das Highlight für mich. Hier passt einfach alles. Im Refrain spürt man den Schmerz über die Verluste, die die Band im vergangenen Jahr erleiden musste.

    "Out like a Lamb" ist etwas atmosphärischer. Hier sticht das tolle Solo von Nick Johnston heraus.

    "In The Ruins" schließt sich da an.

    Mit der zweiten Hälfte tue ich mir schwerer..."They're Coming for you" hat einige progressive Elemente, bliebt aber nicht wirklich hängen. Ähnlich geht es mir mit "Golden Spires".

    "Moth and Bone" gefällt mir auf der zweiten Seite am besten. Mit über weiten teilen Akustik Gitarren erinnert es mich etwas an die "Cold Dark Place" EP.

    "A Vampire's Demeanor" hat wieder einen Oldschool Mastodon Vibe und hätte auch gut auf die ersten beiden Alben gepasst. Das spooky Solo von Nick Johnston gefällt mir hier auch sehr gut.

    Die beiden letzten Songs "The Vanishing" und "The Three Fates" sind für mich überlang und nicht sonderlich spannend. Da hilft auch das Bass Intro von Geezer Butler und die Black Sabbath Hommage auf "The Vanishing" nichts.

    Insgesamt würde ich sagen, Nick Johnston integriert sich gut in den Mastodon Sound und liefert einige herausragende Soli Ab. Trotzdem fehlt Brent Hinds einfach sehr. Er war ja nicht nur Lead Gitarrist sondern auch Sänger und Songschreiber. Er fühlte sich wie ein wichtiger Teil der Band an. Nick Johnston macht einen tollen Job, fühlt sich aber im Moment noch eher wie ein Angestellter an. Ich hoffe er kann sich in Zukunft noch mehr am Sound der Band beteiligen.

    Ansonsten sind einige starke Lieder auf dem Album und "Snakes for Dinner" hat das Zeug zum Live Klassiker. Super Song. Lieder sind für mich auch ein paar Filler auf dem Album.

    Mal schauen ob das Album in den kommenden Jahren für mich noch wächst. Im Moment sehe ich es in der (sehr starken) Discographie eher weiter unten.

  • Vor 12 Tagen

    Ich höre Mastodon am liebsten beim Zeichnen. Da windet sich das erst so richtig in die Gehirnwindungen. Die Musik ist dermaßen vielschichtig.

    • Vor 12 Tagen

      Ich denke, ich werde es demnächst beim Wichsen hören. Da windet sich das so richtig in die Schwanzwindungen. Die Musik ist dermaßen vielbitchig.

    • Vor 11 Tagen

      Ich wünsche dir viel Erfolg dabei. Man merkt du hast dir viel im Leben vorgenommen.

    • Vor 11 Tagen

      Habe ich tatsächlich, nämlich: Chillen & in Ruhe gelassen werden. Die härteste Aufgabe im deutschen Shit-Gebiet, die man sich vorstellen kann. Alles andere ist einfacher.