laut.de-Kritik
Zwei Gitarren auf hoher See.
Review von Emil DröllDass sich Steve Hackett und Steve Rothery über acht lange Jahre immer wieder diesem Album gewidmet haben und es erst jetzt veröffentlichen, könnte durchaus eine verdammt weltbewegende Platte erwarten lassen. Schließlich passiert in acht Jahren eine Menge. Bei den beiden Steves scheint ein gemeinsames Album nach eigenen Angaben allerdings eher ein Sonntagsprojekt gewesen zu sein.
Ihr Gitarrenalbum haben sie jedenfalls "The Roaring Waves" genannt. Klar, instrumentale Gitarrenmusik muss man schließlich entweder den Untiefen des Meeres oder den unendlichen Weiten des Weltraums widmen. Der Münzwurf hat offenbar Wasser befohlen.
Also geht es los mit "The Storm". Meeresrauschen, Möwen und Streicher eröffnen den Track. Letztere schmachten im ersten Moment beinahe nach dem einen Ring, schlagen dann aber doch eigene Melodien ein, bevor die erste Gitarre übernimmt. Ein Marschrhythmus untermauert das zunehmend lauter werdende Spiel. Ein Donnergrollen später geht es mit einem metallisch anmutenden Riff weiter. Obwohl auf diesem Album natürlich ständig irgendwo Gitarren solieren, bauen Hackett und Rothery auch Atmosphäre auf und lenken den Fokus nur dann auf die Instrumente, wenn er dort auch liegen soll.
"Sandsend" setzt sich mit seinen höheren Tönen direkt im Ohr fest und orientiert sich stärker an klassischen Songstrukturen. Mit unter fünf Minuten fällt das Stück dementsprechend vergleichsweise kompakt aus. "Red Dragon" beginnt mit einem Pipes-Synth-Vorspiel. Die Gitarren geraten anschließend bewusst kantiger, wodurch das Stück verspielter und weniger glatt wirkt als seine Vorgänger.
Am stärksten überzeugt allerdings der Titeltrack. "The Roaring Waves" öffnet sich mit Akustikgitarren, geht anschließend in Streicher über und lässt die Gitarre zunächst wie aus der Ferne solieren. Dann setzt das Schlagzeug ein und spielt mit den Dynamiken des Stücks. Das Gitarrenspiel wirkt dabei einladend, nimmt einen an die Hand und trägt durch die knapp sieben Minuten, die erstaunlich schnell verstreichen.
"K-129" borgt sich seinen Namen offenbar bei einem sowjetischen U-Boot, daher wohl auch die sonarartigen Sounds und die leicht hallenden Gitarren. Zwischendurch klopfen Drums an, die immer wieder klingen, als würde gleich "Money For Nothing" losbrettern. Tut es aber natürlich nicht. Stattdessen hält der Track konsequent an seinem nervösen, experimentellen Charakter fest, bevor er sich zum Ende hin in einem starken Gitarrensolo auflöst. Der verworrenste und zugleich mutigste Track des Albums.
"The Black Sea" wird anschließend wieder harmonischer. Hier fügt sich alles zusammen, nichts will anecken. Anecken tut dann aber sicher "Pacific Coast Highway". Der Song sprengt das Album regelrecht auf und will so gar nicht zum Rest passen. Ein Blues-Rock-Track, geführt von Mundharmonika, Background-Gesang und Bass. Mitreißend ist das durchaus, passt mit seinem deutlich traditionelleren Ansatz aber kaum zum experimentellen Charakter der übrigen Stücke. Vielleicht hatten acht Jahre Arbeit dann doch zu viele verschiedene Einflüsse hinterlassen.
Dennoch bleibt "The Roaring Waves" vor allem ein Album, auf dem sich zwei Gitarristen glücklicherweise nicht selbst, sondern dem jeweiligen Stück und seinem gemeinsamen Konzept verschreiben. Hackett und Rothery harmonieren hervorragend miteinander, statt sich in einem endlosen Wettstreit um das spektakulärere Solo zu verlieren. Nicht jeder Ausflug ins offene Wasser führt dabei zum Ziel, insgesamt aber tragen die beiden ihre musikalische Verständigung überzeugend über die Spielzeit.


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