laut.de-Kritik
Mit melancholischen Sounds raus aus dem Scheinwerferlicht.
Review von Toni Hennig2021 hatten seine Ex-Verlobte Evan Rachel Wood und mehrere andere Frauen Brian Warner alias Marilyn Manson sexuelle Gewalt und Missbrauch vorgeworfen. Einen Teil der Klagen konnte der Schockrocker beilegen, in einem Fall kommt es allerdings ab November nächsten Jahres zum Prozess. Ein Geschworenengericht nimmt sich der Angelegenheit der ehemaligen Assistentin Ashley Walters an. Sie wirft dem Musiker sexuelle Nötigung vor. Zwar wies man die Klage zweimal wegen Verjährung zurück. Das kalifornische Gesetz AB 250, das erst dieses Jahr in Kraft trat, macht es aber möglich, dass Walters Manson erneut verklagen kann. Ausgang: Ungewiss.
Die Zeit ab 2021 nutzte Warner, um sich vom Drogen- und Alkoholkonsum loszusagen und schrittweise wieder an seiner musikalischen Karriere zu arbeiten, nachdem sich Labels und Agenturen von ihm getrennt hatten. "One Assassination Under God - Chapter 1" war vor zwei Jahren Wiederauferstehung und Rundumschlag zugleich. Die Platte entstand gemeinsam mit Multiinstrumentalist und Produzent Tyler Bates sowie Drummer Gil Sharone. Die selbe Besetzung hört man nun auch auf "One Assassination Under God - Chapter 2", mit dem sich der US-Amerikaner mehr auf ruhigere, intimere anstatt nach außen gekehrte Töne fokussiert und so das Album-Duo gelungen abrundet.
"Unalive" dient vor allem in den sozialen Medien als Begriff, um über die Themen Tod, Sterben und Suizid zu reden. Es gibt aber auch das Sprichwort "What doesn't unalive you, makes you stronger" ("Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.") Ein Sprichwort, das letzten Endes als roter Faden der Platte dient. Musikalisch versinnbildlicht der Track mit melancholischen Strophen und rauen, aufbegehrenden Tönen im Refrain, dass es sich bei "One Assassination Under God - Chapter 2" um ein Album der Gegensätze handelt.
"Don't Answer The Door" baut eine dunkle, geradezu bedrohliche Stimmung auf und mündet in einer harten Schlussphase. "Front Toward Enemy" legt mit seiner aggressiven Marschrichtung gegenüber der Vorgängerscheibe an Härte zu, steht aber nicht repräsentativ für die Platte, wie das akustisch geprägte und elektronisch unterfütterte "All The Vilest Things" beweist. "You tried your best to destroy me / Don't want revenge / 'Cause you only made me stronger", singt Manson entschlossen in dem Track.
"None Of The Suns" stößt die Tür zu postpunkigeren Sounds weit auf, während der Gesang schon fast croonige Qualitäten annimmt. Eine Seite, die Warner äußerst gut zu Gesicht steht, wie auch das etwas mehr nach vorne gehende "Lucifer's Teardrop" verdeutlicht, das von einer modrigen, nebeligen Atmosphäre lebt. Vergleichsweise blutleer kommen "The Arsonist" und "Exit Wound" daher, wenn sich der US-Amerikaner etwas zu sehr auf seinen Industrial meets Alternative-Tugenden ausruht. Mit "Enantiomorph" darf wieder einmal ein langer Schlusssong nicht fehlen. Der fällt aber mit seinem etwas zu schleppenden Charakter weniger mitreißend aus wie "Sacrifice Of The Mass" vom Vorgänger.
Dennoch gleichen die experimentellen Ausflüge so einige Schwächen aus, die "One Assassination Under God - Chapter 1" gerade in der Mitte hatte, so dass sich die Scheibe besser am Stück hören lässt. Jedenfalls fungiert "One Assassination Under God - Chapter 2" als fokussierter, melancholischer Gegenpol zum Vorgänger und erinnert eher an Werke wie "Eat Me, Drink Me" oder "The Pale Emperor" als an "Antichrist Superstar". Textlich verlässt sich Marilyn Manson vielleicht zu sehr auf seine Rolle als Feind. Mensch und Kunstfigur lassen sich bei dem Musiker ohnehin nur noch schwer voneinander trennen. Klanglich wirkt die Platte aber eher wie eine bewusste Abkehr aus dem Scheinwerferlicht.


5 Kommentare mit 5 Antworten
Ich finde es gut, dass sich ernsthaft mit der Platte auseinandergesetzt - und nicht pauschal niedergemacht wird.
Ich möchte an der Stelle auch nicht auf das Privatleben von Manson eingehen. Das vielleicht ein ander Mal.
Doch was gibt uns Manson 2026 musikalisch?
Um das erörtern zu können, muss man etwas in die Vergangenheit blicken. Schon immer war der Name MARYLIN MANSON größer als seine eigentliche Musik - damit tritt er ganz klar auch in die Fusstapfen von Kollegen Alice Cooper.
Aber was ist die Musik noch wert, wenn die Legende klein geworden ist? Es wird ernüchternd.
Was also auf der Haben Seite? Manson hat eine coole Stimme und einen nicen Style. ABER: zu oft vergreift sich Manson musikalisch. Nach wie vor taugen seine Shouts - aber die werden immer seltener. Stattdessen dieses ewige Gejammere wie ein alter weißer Mann der zeigen will dass nichts an ihm liegt.. So nicht!
Meine Meinung: We are Chaos wäre noch mal ein halbwegs geretteter Abschluss gewesen. Hätte der Mann damit nur aufgehört. Besser wäre natürlich noch gewesen er hätte irgendwann zwischen Holywood und Eat Me Drink me aufgehört
"Ich möchte an der Stelle auch nicht auf das Privatleben von Manson eingehen. Das vielleicht ein ander Mal."
Es gibt da wenig Neues. Nur ist die Darstellung seines mutmaßlichen Missbrauchs als "Privatleben" etwas euphemistisch, fürchte ich.
Ich bin nicht sicher, ob ich mir die Platte anhören werde. Hab seit 2021 nichts mehr von ihm hören können.
Dann höre die Platte nicht.. Du verpasst auch nichts.
antichrist superstar: 4,5/5
mechanical animals: 4/5
holywood: 4/5
golden age: 4/5
eat me drink me: 3,8/5
high end: 3,2/5
born villain: 3,3/5
pale emperor: 3,8/5
heaven upside: 3,5/5
we are chaos: 3,9/5
one ass 1: 2,9/5
one ass 2: 3/5
Mit The Golden Age of Grotesque begann Manson irrelevant und unhörbar zu werden, was der Text des zweiten Tracks auf der Platte erschreckenderweise sogar noch ankündigte ("Everything has been said before / There's nothing left to say, anymore / (...) / So, let us entertain you")
Das genau so hoch zu bewerten wie Holy Wood möchte ich fast als kriminell bezeichnen.
ja. er war halt dann reich, erfolgreich und saturiert. dadurch wurde sein sound beliebig und er wollte nun "künstler" sein und hat parallel bilder gemalt mit absinth... davor wollt er wütender gg allin rip off für akademiker sein...
golden age: 3,9
Theoretisch war das Peak Manson. Das war die zeit wo er überall im TV war egal ob auf Taff oder TV Total. Das war die Zeit wo sogar Tainted Love im Radio kam und die Zeit wo das Best Of rauskam
Aber ich verstehe was du meinst. golden Age ist etwas sehr direkt in die Fresse rein und nicht so deep aber es ist das letzte Manson Album das Spass machte zu hören.
Wahrscheinlich war das Best Of der Top Moment um aufzuhören
"Mensch und Kunstfigur lassen sich bei dem Musiker ohnehin nur noch schwer voneinander trennen."
Hätte man so nicht erwarten können. Traurig, dass es nach Jahrzehnten nun diese Wendung genommen hat. Ich sehne mich sehr nach den Zeiten, als alles noch so klar und separat war. Aber gut für ihn, dass er jüngst den Drogen abgeschworen hat.
finde tatsächlich auch das artwork der ASS Alben nicht gelungen
Nine Inch Nails für Leute, die NIUS lesen. 2 von 5 Punkten, weil er diesmal wenigstens keine superschlechte Coverversion auf dem Album hat.