laut.de-Kritik
Opi erzählt aus seinem Leben.
Review von Franz MauererVor zwei Jahren förderte Reinhard Mey mit "In Aschaffenburg – Die Wiedergefundene Tournee 1992" einen Mitschnitt aus einer Zeit zutage, in der er schneller sprach, schärfer sang, verspielter Gitarre spielte und seinem Publikum eher etwas erzählte, als ihm die Welt zu erklären. Das Ergebnis überraschte auch diejenigen angenehm, die beim Alterswerk des Berliner Liedermachers längst eine gewisse Vorsicht entwickelt haben.
"Schatzhauser" müsste nun eigentlich die ideale Fortsetzung sein. Mey räumt musikalisch alles beiseite, bleibt mit Stimme und Gitarre allein und will erklärtermaßen noch einmal von vorne anfangen. Den Titel leiht er sich bei Wilhelm Hauff: Der Schatzhauser aus "Das kalte Herz" erfüllt Sonntagskindern Wünsche. Mey, montags um 0:15 Uhr geboren, hofft auf fünfzehn Minuten Kulanz und wünscht sich den Neubeginn. Eine hübsche Idee. Nur führt der Weg zurück zum Wesentlichen hier leider vor allem zu all den Marotten, die Mey schon lange mit sich herumschleppt.
"Wunderarzenei" legt das Problem gleich offen. Mey-Begriffe werden zu Mey-Sätzen kombiniert, alles klingt vertraut, warm, verständig und vollkommen folgenlos. Musik als Lebenselixier, Erinnerungen, Dankbarkeit, ein wenig Weisheit: Das besitzt sämtliche Zutaten eines Reinhard Mey-Lieds, nur keinen zwingenden Grund, weshalb gerade dieses Reinhard Mey-Lied noch existieren müsste. Die Melodie wiegt sich dazu so sanft in den Schlaf, dass sie kaum als Gegenargument taugt. "'S Isch Guet Gsi" macht es besser. Mey raunt zwar zunächst, als wolle er gleich eine verschollene Wahrheit über das menschliche Dasein preisgeben, erzählt dann aber 'nur' von der Freundschaft zu einem Schweizer. Gerade diese Beschränkung bekommt dem Stück. Viel Nostalgie später gibt der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit der Erinnerung plötzlich Gewicht: Man versteht, weshalb dieser Mensch für Mey wichtig war und warum er ihn festhalten möchte. Auch hier bleibt die Gitarre vor allem Begleitung, kompetent und angenehm wogend, aber immerhin trägt sie etwas, das den Aufwand wert ist.
"D-ELVJ" fällt prompt wieder in die andere Mey-Kategorie: das verschmitzte Kunst-Humorlied, von dem er im Lauf von sechs Jahrzehnten schlicht zu viele geschrieben hat, als dass ein weiteres allein aufgrund seiner Meyhaftigkeit noch Charme beanspruchen könnte. "Tristan" ist schlimmer. Ein Öko-Anklagelied, das in der Schlichtheit und Pauschalität nicht funktioniert, da die Menschheit nun mal nicht nur aus gedankenlosen Deppen besteht und Reinhard Mey die Sesamstraßen-Latzhose noch nie besonders gut stand. Der Mensch zerstört alles, Mey hat es durchschaut, und selbst der Nachwuchs ist qua Existenz schon zu viel: Erkenntnisgewinn null. Vor allem sabotiert das Stück die Idee des Albums. Wer mit dem "Schatzhauser" noch einmal von vorne anfangen möchte, müsste wenigstens gelegentlich einen Gedanken formulieren, der nach 2026 klingt. "Tristan" könnte praktisch unverändert aus irgendeinem früheren Jahrzehnt stammen.
"Mimi La Moustache" ist dagegen ein liebevolles Schmählied auf eine Französin und zugleich ein ziemlich ideales Beispiel für Meys Methode. Natürlich geht es um die betreffende Person, natürlich um eine Familiengeschichte – und irgendwann vor allem wieder um Reinhard Mey. Das ist keineswegs nur autobiografisch gemeint. Auf "Schatzhauser" existiert die Welt beinahe ausschließlich insofern, als sie Mey passiert ist, Mey erinnert wird und Mey etwas über Mey verrät. Das Album verabreicht eine Überdosis seines Autors. "Mimi La Moustache" funktioniert immerhin als charmante vertonte Erzählung, auch wenn "Lied" fast schon zu viel musikalische Eigenständigkeit suggeriert. "Mit Dir An Meiner Seite" kippt dann in schmierigen Beziehungskitsch und wird von Mey nicht einmal mit jener Überzeugung vorgetragen, die das Material vielleicht noch retten könnte. "Zwei Köfferchen" zieht als kleine Reisegeschichte vorbei, ohne großen Schaden anzurichten und ohne viel zurückzulassen.
Danach löst sich "Schatzhauser" zeitweise fast in Selbstbetrachtung mit Gitarrenuntermalung auf. "Mein Wald" mäandert durch Erinnerungen, Bilder und Gedanken, "In Meinem Garten" tut in seiner alten und nun erneut aufgenommenen Form etwas Ähnliches. Beide Stücke wirken weniger komponiert als gesprochen, während die Gitarre darunter höflich Anwesenheit signalisiert. Das kann Intimität erzeugen, hier erzeugt es vor allem Statik. Gerade die extreme Reduktion, die als programmatische Rückkehr zum Anfang gedacht ist, zeigt ihre Kehrseite: Nichts fordert Mey heraus, nichts reibt sich an ihm, kaum etwas treibt ihn voran. Wo seine besten Lieder aus einer präzisen Beobachtung, einem scharfen Gedanken oder einer melodischen Bewegung Spannung gewinnen, genügt sich "Schatzhauser" immer wieder im Erinnerungsfetisch.
"Abendlied" erreicht anschließend die volle Kitschdosis. Bitte geh nicht, bleib noch hier, die Nacht kommt: keine zweite Ebene, kein überraschender Haken, keine sprachliche Brechung, nur maximal weichgezeichnetes Gefühl. "Alter Ego" ist wenigstens unfreiwillig faszinierender. Endlich bekommt Mey sein eigenes "I Love Kanye": Reinhard Mey singt über Reinhard Mey beziehungsweise über Frédérik Mey, und mit zunehmender Dauer wird unklarer, wie viel echte Selbstironie eigentlich im Spiel ist. Das Problem ist nicht, dass Mey sich selbst zum Gegenstand macht – das tut er auf dieser Platte schließlich fast permanent. Das Problem ist, dass die Distanz zwischen Autor, Erzähler und bewundernd betrachtetem Objekt verdächtig klein bleibt.
Erst "Wo Sind All Meine Freunde Hin" zeigt, wie stark dieses Album hätte werden können. Plötzlich geht es nicht um eine nostalgisch konservierte Vergangenheit, sondern um eine Gegenwart, die aus dieser Vergangenheit entstanden ist. Ein alter Mann stellt fest, dass die Menschen um ihn herum verschwinden. Das hat einen späten Johnny Cash-Moment: keine angestrengte Altersweisheit, sondern Alter als tatsächlicher Zustand, Verlust als Erfahrung im Jetzt. Musikalisch behandelt Mey auch diesen Gedanken viel zu unbedarft, aber wenigstens besitzt der Text eine Dringlichkeit, die weite Teile des Albums vermissen lassen. Und selbst das gefährlich betitelte "Kinderlied" überrascht zum Schluss. Es handelt gar nicht von Kindern, sondern von Kindheit. Die Erinnerung liegt hier weit genug zurück, dass Mey sie nicht mehr rechtfertigen, ordnen oder als kleine Lehrgeschichte präsentieren muss. Er teilt sie einfach. Gerade deshalb berührt sie. Man wünschte Mey fast Amnesie, dann könnte der Musiker Mey befreit vom Menschen Mey musizieren.


2 Kommentare mit 3 Antworten
wäre alles das selbe, nur der Künstler ein Singer Songwriter mit englischen Texten aus dem Ausland, dann gäbs minimum 4/5.. So wird der gute Herr Mey hier als "Opa" degradiert
Der Gartennazi hats nicht anders verdient
Neil Young hat tatsächlich schon deutlich schlimmere Platten gemacht. An einen Donavan zum Beispiel kam Mey in Bezug auf songwriting eh nie ran.
Noman, genau so isses..
@NutMaster: dumme Aussage, zumal du selbst Fan von 2 wesentlich exzentrischeren Frontmännern bist (NIN und Tool)
Die Texte von ihm sind heutzutage zum Teil schwer zu konsumieren. Mey ist aus der Zeit gefallen. Tristan zeigt einen Opa, der den Klimawandel nicht so ganz erfasst hat. Bleibt an der Oberfläche ohne jede tiefe oder systemische Analyse. Aber warum auch, Mey ist ja ein reicher Opa...