laut.de-Kritik
Auf der Suche nach dem äußersten akzeptablen Rand der Atzigkeit.
Review von Yannik GölzBattlerap ist in einem ulkigen Zustand. Wenn man es so richtig konsequent zu Ende denkt, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du nutzt ihn für zeitkritischen Diskurs, oder du lässt ihn ganz bleiben. Alle haben ja inzwischen gelernt, dass man besser nach oben statt nach unten tritt. Die Konsequenz ist also klar.
Wer aber nun die letzten Jahre beobachtet, wird mir wahrscheinlich zustimmen, auch wenn es gemein klingt: Battlerapper, die ihre innere soziale Verantwortung entdeckt haben, machen keinen Spaß. Juse Ju-Type-Rapper haben inzwischen mehr Reimwörter auf AfD gefunden als zehn Jahre Battlerapper Reimwörter auf VBT. Und zumeist krankt es doch an dieser Poetry Slam-Krankheit, dass man ob der richtigen Gedanken respektvoll applaudieren möchte. Aber wenn ich Battlerap denke, dann denke ich eigentlich an eine Tradition völlig bodenloser IDGAF-Attitüde, die seinerzeit mit Leuten wie Taktloss angefangen hat. Battlerap muss ein bisschen unhinged sein. Das Bedürfnis, allen zu zeigen, dass man jetzt ein erwachsener, respektvoller, antifaschistischer großer Junge ist, beißt sich damit meist.
Das ist offensichtlich die Konfliktsituation, mit der sich auch Jenny Prenzlberg (früher als Captain Jenny bekannt, ein Name mit irgendwie mehr Swag) zu beschäftigen scheint. Album Nummer Zwei heißt "Die Drecksarbeit" und - bevor jemand ob der grölenden Stimme und der Haudrauf-Atmosphäre auf falsche Gedanken kommen könnte - erstmal dem Antifaschismus via Casablanca-Poster huldigt und das Wort Atzen gendert. Aber das schöne an "Die Drecksarbeit" ist, dass erwachsen ungleich klug bedeuten muss - und Jenny sich alle Freiheit lässt, dumm und dümmer und dümmer zu gehen.
"Wenn die Welt schon untergeht wie in so einem Scheiß Final Fantasy / Dann will ich auch wissen wie man Blitze mit seinen Händen schießt / Rede mit Rappern nur mit angefressenem Unterton / Ich glaub' die sind AI und der Prompt war 'Hundesohn'", rappt er zum Beispiel auf "Es Gibt Wieder Sekt". Und hier spürt man einfach einen guten Punchliner heraus. Auch im Rap-über-Rap-Rap kann man unerwartete Bilder zeichnen. Vor allem aber kann Jenny Pointen setzen und delivern. Es ist im Grunde immer unterhaltsam, dem Mann zuzuhören.
"Die Drecksarbeit" hat aber ein anderes Verkaufsargument: In den zehn bis fünfzehn Jahren, in denen Battlerapper versucht haben, sich von ihren jeweiligen Turnieren zu emanzipieren, entzieht Jenny sich ein bisschen dem Kompromiss. Eher hat man im Laufe des Tapes das Gefühl, dass Jenny einer der ersten ist, die das musikalische Format "Battlerunde" überzeugend in Songform gießt. Viele der Nummern hier überspringen den Versuch, Zitat, 'richtige Musik zu machen', und gehen frontal auf all das was Battlerunden damals direkt, zündend und aufregend gemacht hat.
Jenny fühlt sich musikalisch wenig hängengeblieben an. Ab und zu hört man ein bisschen Memphis-Vibes und immer wieder bauen sie gute Trap-Bounces ein. Trotzdem ist man sich nicht zu schade, hier und da den hängengebliebenen Dubstep aus 2011 zurückzubringen. Man spürt insbesondere auf den Tracks mit der Crew viele Jahre Live-Erfahrung heraus. Die Kuration erfolgte offensichtlich nach dem Maßstab, welche Spielarten des Hip Hop die größte Live-Eskalation ermöglichen. Trotzdem hält das Moshpit-Maxxing die Beats nicht davon ab, stellenweise liebenswert detailliert zu klingen: "Dümmer Und Dümmer Und Dümmer" hat ein übertrieben hypes Sample, "Pisser" hat geile Percussion und der Pre-Chorus von "Es Gibt Wieder Sekt" macht ein richtig geiles Synth-Motiv auf.
Cool ist auch, wie gerade in der zweiten Hälfte das Battlerap-Format variiert wird, um Storytelling unter die Punchlines zu platzieren. Akustisch ist "Werder" zum Beispiel überhaupt nicht aus der Norm des Tapes raus, aber trotzdem entwickelt er im Laufe der Erzählung ein klaustrophobisches Gefühl über diese Kleinstadt à la Grim104, um am Ende dennoch die Ost-Vorurteile einmal übers ganze Land zurückzuschießen. "Schläge" erzählt von Hackordnungen und Mobbing während seines Aufwachsens. Aber der wohl coolste Weg, das Format aufzubrechen, ist auf "Dümmer Und Dümmer Und Dümmer" einen Track über Freundschaft via gemeinsamer Punchlines zu erzählen. Im Grunde drehen sich auch die Parts von Klaus Bugatti und Baumi nur um unterhaltsames Trashtalken. Aber mit der Hook entsteht diese Meta-Ebene, die der Verbindung und Geschichte des Trios huldigt. Ziemlich süß!
"Die Drecksarbeit" ist absolut kein revolutionäres Album. Aber es macht eine Sache, die in dieser Form in meinen Augen keiner bisher so rund hinbekommen hat: Es kanalisiert die besten musikalischen Erinnerungen an die VBT-Ära, ohne dabei hängengeblieben oder nostalgieblind zu sein. Eher entwickelt es ein musikalisches Format Battlerap via Live-Kontext entschieden und konsequent weiter und gibt den Punchlines die Untermalung, die sie immer verdient gehabt haben. Für die leidige Frage, wie Battlerap 2026 klingen könnte, ist das hier eine überraschend entschiedene Antwort.


1 Kommentar
Fand Sekt Era musikalisch runder, gerade was die Features angeht. Aber allein für die Punchlines trotzdem weit über Durchschnitt.