laut.de-Kritik

Eingängiger Black Metal mit epischen Gothic-Momenten.

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Die Wölfe verlassen ihren Thronsaal und nehmen uns mit an ein Ästuar, eine trichterförmige Flussmündung. Diesen Ort wählen Kody Keyworth und die Gebrüder Weaver als Schauplatz einer außergewöhnlichen Geschichte. Die Band entwirft eine postapokalyptische Welt tausend Jahre nach dem Untergang der Zivilisation. Die Natur hat die Städte zurückerobert. Menschen leben in kleinen Gemeinschaften zwischen Ruinen, mutierten Kreaturen und den Relikten einer untergegangenen technischen Welt.

Perfektionistisch, wie man sie kennt, bilden Wolves In The Throne Room ihre Lyrics auch musikalisch ab. Im Titeltrack "Estuary" tauchen immer wieder dunkle Streicher, kalte Industrial-Fragmente und leichte Folk-Momente auf, während der wunderbare Atmospheric Black Metal mit Double-Bass-Attacken und Blastbeats unaufhaltsam rollt. Auch am Mikro symbolisiert der Wechsel zwischen Nathan Weavers charakteristischen Black Metal-Screams und tiefen, beinahe Death Metal-artigen Growls die Gegensätze aus Bedrohung, Vergangenheit und lebendiger Natur.

"Estuary" endet im Epic Doom, den das nachfolgende "Knights Of Tiamat" zunächst dankend aufnimmt, nur um danach wieder loszuknüppeln. Die choralen Synthies zerren an den Synapsen, das Gefühl der Bedrohung verstärkt sich. Doch dann breitet sich eine unerwartet große, eingängige Harmonie aus. Das Tempo wird wieder auf Doom-Niveau gedrosselt, und helle, klare Chöre erklingen am majestätischen Ende.

Am weitesten wagen sich Wolves In The Throne Room auf "Foretold In Reflections" in diese neuen Gefilde. Der Titel lässt sich als Rückblick auf eine längst vergangene Welt lesen, vielleicht sogar auf jene Zeit, in der die untergegangene Zivilisation ihren technologischen Höhepunkt erreicht hatte. Der Sound taucht jedenfalls noch tiefer und länger in Industrial- und Doom-Gefilde ab. Die Basslinien von Galen Baudhuin stechen hervor, und Kody Keyworth übernimmt die dunklen, klaren Gothic-Doom-Vocals. Doch insgesamt schleppt sich der Song ins Nirgendwo. Am Ende funktioniert er vor allem als Einleitung und Fundament für das optimistische "The Orca Cliffs".

Die postapokalyptische Welt lässt auch Hoffnung zu. Meeresartiges Rauschen versprüht friedliche Vibes, der eingängige Black Metal mit melancholisch-epischen Gothic-Momenten lädt zum Verweilen an diesem Ort ein. Doch nichts ist von Dauer.

Weiter führt die Reise durch die verwilderten Überreste der alten Welt. Noch eingängiger, ja fast hitverdächtig, preschen die Geister auf "Ghosts Among The Obelisks" zwischen den Steinen hervor. Ein Krieger durchquert die vergessenen Ruinen auf seinem Weg von den Tiefländern zu einem Heiligtum in den Bergen. Die mächtige Lead-Melodie, die Synthies und die bekannten Gothic- beziehungsweise Doom-Passagen stehen Wolves In The Throne Room hervorragend zu Gesicht. Dazu kommen erneut Keyworths klare, dunkle Gesangspassagen. Für den Schlusstrack "Wretched Spirits, Land Of Light" erinnern sich die Amerikaner zwar noch einmal an ihre schwarzen Wurzeln, bündeln aber auch die neuen Ideen bis zum großen, bombastischen Ende.

Wie schon auf "Primordial Arcana" erforschen die Amerikaner auch mit ihrem achten Studioalbum die Randgebiete ihres Black Metal-Sounds. Der eingängige Gothic-Touch steht ihnen dabei genauso gut zu Gesicht wie die schweren Industrial-Doom-Ansätze. Das macht "Estuary" zu einem der besten Alben des Jahres.

Trackliste

  1. 1. Estuary
  2. 2. Knights Of Tiamat
  3. 3. Foretold In Reflections
  4. 4. The Orca Cliffs
  5. 5. Ghosts Among The Obelisks
  6. 6. Wretched Spirits, Land Of The Light

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