laut.de-Kritik
Blut gegen Blut: Die ernüchternde Ehrenrunde.
Review von David Maciej LaskowskiOh mein ... was ist das für ein Cover?! KI?!? KI-"Ästhetik"?!?! Wohl ersteres, denn wenn schon das Musikvideo zur Singleauskopplung "Blick Richtung Himmel" wie gepromptet aussieht, dann sollte Massiv auch vor der Nutzung künstlicher Intelligenz für das Cover-Artwork nicht zurückschrecken. Aber ja, damit sind wir bei "BGB Reset" angekommen, dem jüngsten Ableger seiner "Blut Gegen Blut"-Saga. Ebenso glanzlos wie das Cover gestaltet sich leider auch ein Großteil der Musik.
Wirklich grottenschlecht ist die Platte nicht. Sie zeigt sich tauglich für einen netten Listen-Through, gerade weil sie durchweg eine recht wuchtige Atmosphäre aufweist. Für Pumper (vermutlich eine der Kern-Zielgruppen solcher Musik) bestens geeignet. Für diejenigen, die mehr in die Materie einsteigen wollen, bietet das Album einen äußerst homogenen Blob aus harten, zum Teil auf Retro-Synths basierenden Straßenrap-Beats, die zugegebenermaßen perfekt auf Massivs gewohnt kräftige Delivery zugeschnitten sind, Hood Representation, Motivationssprech, Aufstiegsnarrativen und Gottesanhuldigungen inklusive.
Auch wenn der Vergleich vielleicht etwas hinkt, da das Album nun über neun Jahre her ist, denke ich gerne an den Vorgänger der Reihe "BGB X" zurück, für mich eines der skurrilsten, aber auch unterschätztesten Alben des Deutschrap-Kosmos. Es hatte natürlich auch die anthemischen "Boom-Boom-Chack"-Brecher, aber auch elektrisierende Trap-Produktionen, und grundsätzlich hatte jeder Beat einen markanten Wiedererkennungswert. Dazu kam ein Massiv mit so herrlich sinnbefreiten oder durchgeknallten Lines wie: "Während Rapper Harzer Käse auf den Tisch roll'n / Knallt Massiv bares Cash auf das Mischpult", oder: "Kampfstern Galactica, Bruder, nenn mich Darth Vader / Meine Schulterbreite locker drei Quadratmeter." Und das alles auch noch ohne jegliche Schimpfwörter.
Auf "BGB Reset" hat Massiv seinen Hang zu Zeilen solchen Kalibers nicht vollends verloren. Beispiele: "Ein Viertel von 'ner Tonne ist mein Körper schwer / Misch' mein Müsli mit Uran und einem Löffel Teer / Ich komm' mit hundert schlecht gelaunten Beduinen / Die mitten in dei'm Dorf ihren Schwarztee genießen" ("M A S S I V 2026"), oder: "Nix Amore, ich bin Endgegner / Das ist wie Optimus Prime gegen Tomb Raider" ("Schalldicht"). Meistens bekommt man aber eher üblich stumpfe Prahlerei: "Fahre mit dem SL, check, offenes Verdeck / 100k im Gepäck, Richtung Horizont-Parkdeck / Goldene Patek, Ziffernblatt ist besetzt / Rotterdamer Diamanten, guck, mein Platin-Amulett" ("Im Cafe"), oder Pep Talk: "Ich hab' mein Mindset geupdated / Ich mache Rap für die Straßen und für Brüder, die im Knast leben" ("Spiegel TV").
Mit dem bereits erwähnten "M A S S I V 2026" sowie auch "Undertaker" vereinen sich die einst ewig zerstrittenen Kumpanen Massiv und Basstard nun auch musikalisch wieder. Auf ersterem Track ist der "Horrorkore"-OG lediglich in der Hook anzutreffen, doch erzeugt sein hoher Stimmeinsatz einen sehr schönen Kontrast zu Massivs druckvollem Vortrag. Dazu sprengen einem fette orientalische Synths auf dem Beat das Trommelfell weg. Es ist der beste Track auf dem Album. Auf seinem Part auf "Undertaker" hingegen wirkt Basstards Stimmeinsatz im Gegensatz zu Massiv dann doch aber viel zu zierlich.
Die meisten der anderen Features entpuppen sich als kaum herausstechend oder fallen sogar etwas ins negative Licht. Bei Kurdo auf "Ashiret" und SadiQ auf "Ghettolied 2026" kommt es einem gar vor, als müsse der Beat extra ein bisschen zurückfahren, damit deren lascher Part überhaupt durchdringt. "Ghettolied 2026" rettet sich wenigstens durch die Produktion. G-Funk auf einem sehr dreckigen, deutschen Straßenrap-Beat? Klingt ungeschliffen und doch spaßig, besonders in Kombination mit Massivs euphorischer Hook: "Hamdulillah, eh, mir geht es gut / Ich bau' mir eine Festung und ich denke mir: 'Inshallah' / Mashallah, ist diese Welt schön / Der Typ aus Wedding macht noch immer deinen Traum wahr."
Diesen paar guten Momenten zum Trotz: Im Großen und Ganzen wirkt die ganze "BGB Reset"-Experience ein wenig ernüchternd. Nichts scheint sonderlich schlecht, besonders die Solo-Songs sind aber schnell vergessen. Dieses Album ist für alle, die noch ein Stückchen vom "Blut Gegen Blut"-Kuchen abhaben wollten. "Reset" hin oder her: Der Kuchen ist alt und trocken geworden, und bei diesem halbherzig angefertigten Cover stellt sich mir auch die Frage, wieviel Massiv höchstpersönlich für diese Albumreihe noch übrig hatte.


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