laut.de-Kritik
Ein Album ohne Abschiedsschmerz.
Review von Emil DröllKnapp ein Jahr ist es her, dass Black Sabbath mit "Back To The Beginning" endgültig den Vorhang zuzogen. Eine Band, die nicht weniger als den Heavy Metal aus der Taufe hob. Geezer Butler und Bill Ward haben sich ihren Ruhestand verdient, Ozzy Osbourne ist tot. Und Tony Iommi? Der Mann, dessen Riffs das Fundament für ein ganzes Genre legten, macht einfach weiter. Dabei war es gerade der Gitarrist, der Black Sabbath über all die Jahrzehnte zusammenhielt, durch wechselnde Besetzungen und musikalische Irrwege navigierte und selbst dann noch weitermachte, wenn vom ursprünglichen Bandgefüge kaum etwas übrig war.
Ob Ozzy, Ronnie James Dio oder Glenn Hughes: Iommi wusste stets, wie er seine Mitstreiter in Szene setzen musste. Sein letztes Soloalbum liegt allerdings schon über zwei Jahrzehnte zurück. Damals stand Hughes am Mikrofon, nun darf Jørn Lande ran. Produziert hat Mike Exeter, Iommis langjähriger Kompagnon. Becky Baldwin übernimmt den Bass, Karl Brazil sitzt am Schlagzeug. Dass Letzterer vor allem für seine Arbeit mit Robbie Williams und James Blunt bekannt ist, spielt hier keine Rolle. Was zählt, ist der Metal. Und der sitzt.
Schon das Cover macht klar, dass Iommi keine Lust auf Experimente um ihrer selbst willen hat. Sein ikonisches Kreuz, das seit jeher seine SG-Gitarre ziert, steht sinnbildlich für das, was folgt: schwere Riffs, dunkle Atmosphäre und eine ordentliche Portion Weltuntergang. Das klingt zunächst nach einem ziemlich sicheren Geschäft. Tatsächlich hat Iommi aber mehr im Gepäck als eine bloße Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit.
Die schweren, schleppenden Riffs erinnern an die Anfangstage und das gleichnamige Debüt "Black Sabbath", während sich die Gesangsmelodien stärker an der Dio-Ära und "Heaven And Hell" orientieren. Auch spätere Sabbath-Veröffentlichungen wie "13" schimmern gelegentlich durch. Das Album bewegt sich damit in einem vertrauten musikalischen Kosmos, ohne sich vollständig auf Nostalgie zu verlassen. Überraschungen sollte man trotzdem nicht erwarten. Wer bei Tony Iommi auf der Suche nach einem radikalen Neuanfang ist, hat ohnehin den falschen Gitarristen gewählt.
Schon der Opener "Over The Violent Sun" macht klar, weshalb. Die Riffs wuchten sich düster und organisch aus den Boxen, die Produktion klingt druckvoll, ohne den Songs ihre Ecken und Kanten zu nehmen. Dann setzt Jørn Lande ein und plötzlich braucht es einen Moment, um sich mit der Kombination anzufreunden. Natürlich ist es unfair, jeden Sänger an Ozzy oder Dio zu messen. Wenn man allerdings mit Tony Iommi arbeitet, muss man sich solche Vergleiche gefallen lassen. Landes melodische Linien und seine markante, leicht angeraute Stimme erinnern bisweilen an einen kratzigeren Dio.
Das ist nicht unbedingt ein Problem, aber eben auch nicht immer ein Vorteil. Denn während Iommi seine Riffs mit stoischer Coolness durch die Songs schiebt, neigt Lande dazu, jede Zeile mit maximaler Bedeutung aufzuladen. Textlich ist die Sonne ohnehin selten zu sehen, und gesanglich muss es dann auch noch nach dem Weltuntergang klingen. Meistens funktioniert das, gelegentlich schießt der Norweger aber übers Ziel hinaus. Wo die Musik mit ihrer Schwere überzeugt, setzt der Gesang mitunter auf eine Spur zu viel Pathos. Bei Masterplan geht diese Mischung aus großen Melodien und dramatischem Vortrag häufig wunderbar auf. Hier geraten Stimme und Riff gelegentlich aneinander.
Jemand wie Glenn Hughes wäre für dieses Material vermutlich die geschmeidigere Wahl gewesen. Seine stärker im Classic Rock verwurzelte Stimme hätte sich womöglich natürlicher in die schweren Arrangements eingefügt. Andererseits wäre ein Iommi-Album, das sich ausschließlich für den bequemsten Weg entscheidet, auch eine kleine Enttäuschung. Und Lande bekommt die Kurve durchaus noch.
"Black Times" etwa beginnt im tiefsten Lowtempo und beschwört eine Atmosphäre herauf, die direkt aus den frühen Sabbath-Tagen stammen könnte. Hier stimmt beinahe alles: die schleppenden Riffs, die düstere Produktion und Landes schauriger Gesang, der sich diesmal wunderbar in das instrumentale Fundament einfügt. Mike Exeter lässt den Sound gleichzeitig modern und traditionsbewusst klingen. Nichts wirkt künstlich auf alt getrimmt, nichts überproduziert. Das ist Heavy Metal, der seine Geschichte kennt, ohne sie ständig vor sich hertragen zu müssen.
Dass sich die meisten Songs Zeit lassen und regelmäßig die Fünf-Minuten-Marke überschreiten, kommt dem Album zugute. Iommi schreibt keine Drei-Minuten-Hits, sondern lässt seine Riffs arbeiten. Die Stücke bauen sich auf, nehmen Umwege und gönnen sich ausgedehnte instrumentale Passagen. Gerade die Gitarrensoli sind dabei erfreulich unaufgeregt. Statt sich in technischer Angeberei zu verlieren, setzt Iommi auf Melodie und Atmosphäre. Er muss niemandem mehr beweisen, wie schnell seine Finger sind. Er muss nur ein paar Töne spielen, und die Sache ist erledigt.
"World Alone" zieht das Tempo wieder etwas an. Der Gitarrensound drückt ordentlich, das Midtempo-Riffing schiebt, und nach der vorherigen Doom-Einlage kommt der Song gerade recht. Auch Lande wirkt hier deutlich weniger bemüht, jeder Silbe eine weltgeschichtliche Tragweite zu verleihen. Er singt freier, lässt der Musik Luft und überlässt Iommi zwischendurch das Feld. Genau diese Balance tut dem Album gut. Das dazugehörige Musikvideo wirkt zwar etwas willkürlich, ist aber keineswegs lieblos. Bei einer Produktion dieser musikalischen Altersklasse darf man sich über solche Lebenszeichen durchaus freuen.
"Beyond The Dead" schlägt zunächst wieder die dunklere Richtung ein. Das Lowtempo-Intro verbreitet maximale Schlechtwetter-Attitüde, die Riffs kriechen bedrohlich voran. Dann übernimmt allerdings erneut der Hang zum großen Gefühl. Landes melodische Gesangslinien sind eingängig, aber nicht jede davon muss gleich den Weltuntergang vertonen. Ein längerer instrumentaler Abschnitt hätte dem Stück gutgetan. So bleibt ein Song mit echtem Ohrwurmpotenzial, der sich stellenweise selbst im Weg steht. Die Musik braucht keine zusätzliche Dramatisierung, um düster zu wirken. Iommi hat das schließlich schon vor fünfzig Jahren verstanden.
"Stormwatcher" hält sich mit solchen Übertreibungen zurück und setzt stattdessen auf klassische Heavy Metal-Tugenden. Das Riffing ist direkter, das Gitarrensolo ausgedehnt und die Atmosphäre weniger schwer beladen. Der Song braucht keine großen Umwege, um zu überzeugen. Auf "Death Wake" kehrt Lande anschließend zu seinem wehmütigen Vortrag zurück. Diesmal funktioniert das Zusammenspiel deutlich besser, weil das Arrangement Platz lässt und nicht gegen den Gesang anarbeitet. Der Track drängt sich nicht in den Vordergrund, gehört aber gerade deshalb zu den stimmigsten Momenten des Albums.
"Return Of The Arbalist" ist kürzer, dafür einer der treibendsten Songs der Platte. Nach den ausgedehnten Doom-Passagen tut ein wenig mehr Vorwärtsdrang gut. Iommi zeigt hier, dass seine Riffs nicht zwangsläufig im Schneckentempo marschieren müssen, um Gewicht zu entwickeln.
Zum Abschluss wartet "Legacy" mit knapp sieben Minuten Spielzeit auf. Das zentrale Riff sitzt sofort, der Song nimmt immer wieder Fahrt auf und fällt anschließend in seine düstere Grundstimmung zurück. Dieses Wechselspiel hält die Spannung hoch, ohne dass Iommi dafür irgendwelche Tricks bemühen müsste. Das Gitarrensolo ist herausragend, die unterschwellige Aggressivität sitzt, und auch Lande findet hier endlich die richtige Balance zwischen Pathos und Zurückhaltung. Die beiden Musiker arbeiten nicht gegeneinander, sondern verstärken sich gegenseitig. Ein würdiger Abschluss, der noch einmal vorführt, wie viel Kraft in diesem scheinbar vertrauten musikalischen Rezept steckt.
Was Iommi hier präsentiert, ist kein Versuch, das Erbe von Black Sabbath künstlich zu verlängern. Dafür ist das Album zu eigenständig und seine Besetzung zu sehr auf die Gegenwart ausgerichtet. Vielmehr zeigt sich hier ein Musiker, der auch nach dem Ende seiner legendären Band noch genau weiß, was er kann und vor allem, worauf es ankommt. Die Riffs sitzen, die Produktion verbindet zeitgemäßen Geist mit traditionellem Sound, und das Songwriting vertraut auf die Kraft der Musik, statt sich krampfhaft an moderne Hörgewohnheiten anzubiedern.
Nicht jede Kombination geht dabei wunschlos auf. Lande und Iommi kommen sich gelegentlich in die Quere, wenn der Sänger seinen Hang zum großen Drama über die ohnehin schon gewichtigen Riffs stülpt. Das bleibt allerdings Kritik auf hohem Niveau. Denn sobald beide ihre Stärken zusammenbringen, entsteht genau jene Mischung aus Schwere, Melodie und düsterer Erhabenheit, die Iommi seit Jahrzehnten auszeichnet. Black Sabbath mögen Geschichte sein. Tony Iommi ist es mit 78 Jahren scheinbar noch lange nicht.


2 Kommentare
Solides Album! Old school muss eben nicht immer schlecht sein. Und die Formulierung "kratzigerer Dio" trifft es auf den Punkt.
Der Vergleich mit Ronnie James Dio hinkt schon gewaltig, denn dort wo Dio durch seine Stimme selbst musikalisch schwächere Alben auf ein höheres Level heben konnte, tut Lande durch seinen doch arg eindimensionalen Gesang dem Ganzen keinen Gefallen.
Insgesamt ein gutes Album, das mit einem anderen Sänger, oder vielleicht auch verschiedenen Sängern, noch besser sein könnte.