laut.de-Kritik

Influencer-Marketing mit Balladen und Pop-Schleichern.

Review von

Rückblicke in die Y2k-Epoche wirken immer etwas putzig: die letzte große Zeit der Jugendmagazine, Casting-Shows und des Musik-TV. Tokio Hotel stammen aus dieser Ära. Ihr Image stand überraschend früh, und die Plattenfirma wusste genau, in welchem begrenzten musikalischen Rahmen sich alles bewegen konnte. Schon damals war Bill Kaulitz kein begnadeter Sänger, wurde aber zwischen Pop-Punk und Emo-Pop durchaus effektiv in Szene gesetzt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markierte "Humanoid" - kein herausragendes Werk, aber das Maximum, das sich aus dieser Band herausholen ließ. "Geisterfahrer", zusammen mit Jana Pallaske eingesungen, wäre auch im Spätwerk von Echt kein Ausfall gewesen: solider, moderner Alternative Rock. Der Werdegang erinnert bis dahin an Echt, ebenfalls eine Band, die mit ihrem letzten Album "Recorder" ebenfalls aus dem Teenie-Rock-Image raus wollte und kommerziell scheiterte. Für eine gelungene Dokumentation fand sich die Gruppe noch einmal vor der Kamera zusammen, ansonsten haben sich die meisten freiwillig aus dem Rampenlicht zurückgezogen.

Die Brüder Bill und Tom Kaulitz sind dagegen so präsent wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Mit hohem Tempo geht es zurück an einen Punkt, den beide einst als unerträglich empfanden: ständige Aufmerksamkeit, obsessive Stalker-Fans, kein Privatleben. Deshalb waren sie fluchtartig nach Los Angeles aufgebrochen. Nun füttern sie die Trash- und Klatschpresse verlässlich mit Gossip aus Toms Eheleben und Bills Liebesgeschichten. Quietschbunt, schrill und von beeindruckend infantiler Fröhlichkeit bietet dieses Format den kompletten Kontrast zu Existenzängsten und gesellschaftlichen Umbrüchen. Am 5. Dezember moderieren sie "Wetten, dass..?", eine einstige Großveranstaltung des deutschen Fernsehens, die heute nur noch als Nostalgie-Event taugt. Auch auf ihrem siebten Album "Encore" gehen Tokio Hotel die "Memory Lane" entlang, wie schon die gleichnamige Single andeutete. Der Moment ist gut, zumal das Nullerjahre-Revival gerade besonders präsent ist.

Früher herrschte Frust darüber, dass sich sämtliche Medien mehr für das Privatleben als für die Musikgruppe Tokio Hotel interessierten. Heute ist die Musik ein weiteres Business, das man irgendwie abhandeln muss. "Dye My Hair" ist ein müde vorgetragener Song über Trennungsschmerz und die darauffolgende Typveränderung, gesungen von einem Mann, der klingt, als läse er Tagebucheinträge eines Teenagers vor. Das wütende Bockigsein von "Schrei" klang für Erwachsenenohren niedlich, fasste aber immerhin die simple Trotzigkeit eines Kindes gegenüber der Erwachsenenwelt zusammen. "Dye My Hair" beschreibt dagegen eine toxische Beziehung, in die Bill mit großer Naivität immer wieder hineinstolpert und die er als Influencer sofort vermarktet.

Aus solchem Schmerz entstanden große Songs wie "Back To Black" von Amy Winehouse oder "Sour Times" von Portishead; bei Tokio Hotel klingt er nur seelenlos. Dank der kompletten Offenlegung seines Privatlebens weiß man, dass Bill unter der erfolglosen Suche nach Liebe leidet, in der lieblos überproduzierten Ballade wird dieser Schmerz jedoch nicht greifbar. Ein Song, der die Radiopop-Vorgabe erfüllt, mehr nicht. Balladen sind per se nichts Schlimmes, aber Bill fehlt die Stimme, dem Rest das Können und die Motivation, hier etwas von Bedeutung zu erschaffen.

"Terminal 1" hat immerhin ein grandios fehlplatziertes Saxophon, das überhaupt nicht in den Pop-Schleicher passt, aber für einen kurzen Wachmoment sorgt - und später für einen Lacher, wenn Bill sich zu einem unmotivierten "Woo" zwingt. Selten hat ein Sänger einen Song so lustlos performt; auch der Rest um Tom, Georg und Gustav macht keine Anstalten, mehr als nötig abzuliefern. Das Produzententeam legt den Maßstab irgendwo zwischen unbegabter Justin-Bieber-Kopie und One Republic-Wannabes an. In Bills Stimme fehlt schlicht jede Phrasierung; wie in "Without You" wird zu hoch eingesungen, obwohl der Song eigentlich traurige Stimmung transportieren möchte.

Auch sonst greift das Produzententeam zu billigsten Tricks, um dieser Stimme Druck zu verleihen: Autotune, Stimmdopplung und massiver Hall sollen die Unzulänglichkeiten von "Encore" überdecken. Nur wenige Momente ergeben immerhin solides Rock-Material. "Wanderlust" fühlt sich zwar an wie eine Plastikversion von Radioheads "Creep", bekommt aber Luft zum Atmen. Hier blitzt eine Ahnung von Songwriting auf, und ohne Bombast, nur mit Akustik-Gitarre entsteht sogar so etwas wie eine Lagerfeuer-Romantik. Es ist ein Umfeld, das keinen der Beteiligten vor eine zu große Aufgabe stellt.

"Shout 2 The Universe" scheitert dagegen am Versuch, einen großen Stadionrock-Moment zu erzeugen. Wieder muss Autotune die schwache Gesangsleistung über die Ziellinie retten, weil Bill keine Intensität hinbekommt. Das liegt nicht allein am Sänger, alles ist falsch um ihn herum arrangiert. "Wanderlust" funktioniert noch, weil hier niemand aus Bill einen Bieber, Bono oder Bon Jovi machen will.

So viel Lebensfreude die beiden in Podcast und TV-Formaten auch ausstrahlen: "Encore" soll etwas wiederbeleben, das längst nicht mehr existiert. Das Album steht nun als weiterer Artikel im Kaulitz-Imperium, neben einer Tequila-Marke, Kosmetik, veganen Nahrungsergänzungsmitteln, unzähligen Werbedeals und der Beteiligung an einem Aperitif-Start-up. Bei den anderen Waren ist es egal, wie sehr die Kaulitz-Brüder naive Golden-Retriever-Tollpatschigkeit inszenieren, während sie in Wirklichkeit gemeinsam mit Bassist Georg Listing äußerst smart ein lukratives Firmennetzwerk aufbauen.

"Encore" aber ist eine fast schon zynische Haltung gegenüber allem, was an Musik schön und gut ist: ein synthetisches Produkt, das wirkt, als solle es nur noch eine KI für das nächste Album anlernen, und so tut, als ließen sich Gefühle künstlich herstellen. So gesehen ist es perfektes Influencer-Marketing und erfüllt seinen Zweck. Eine Sache lässt Musikfans dennoch Hoffnung schöpfen: Auch mit viel Geld und Publicity lässt sich keine Seele kaufen.

Trackliste

  1. 1. Changes
  2. 2. Without You
  3. 3. Call Me By Your Name
  4. 4. Lover’s Cove
  5. 5. Memory Lane
  6. 6. Wanderlust
  7. 7. Shout 2 The Universe
  8. 8. Homesick
  9. 9. Dye My Hair
  10. 10. Terminal 1
  11. 11. California Nights
  12. 12. Perfect Ending

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LAUT.DE-PORTRÄT Tokio Hotel

In Tokio gibt es viele Hotels. Sonderbare sogar. Hotels, in die so viele Menschen wie möglich hinein gequetscht werden, dass sie in kleinen Röhren schlafen …

4 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 5 Stunden

    Ich war früher auch einer derjenigen, die damals die Homophobie und anderen sonstigen Hass gegenüber Tokio Hotel mitgemacht haben. Ich war noch viel zu jung, um kein Arsch zu sein.

    Im Rahmen meiner Erkenntnisse habe ich der Musik der Band tatsächlich eine faire Chance gegeben, aber muss gestehen, dass ich sehr unterwältigt war. Bis auf die bekannten Songs war die Musik nicht mal wirklich gut, auch nicht gut produziert.

    Und genau da reiht sich auch dieses Album ein: All Style no substance, und nein, ich glaube nicht, dass wir es bei Tokio Hotel mit außergewöhnlichen Musikern zutun haben. Bill klingt auf vielen Songs wie jemand, der gerade mal seit 3 Wochen Gesangsunterricht nimmt und alles von den Songstrukturen bis zu den Visuals ist einfach vorhersehbar und uninteressant.

    Die Brüder wissen es anscheinend auch selbst ganz gut: Ohne den ganzen Gossip und Reality TV wären die beiden schon längst von der Bildfläche verschwunden, durch ihre Musik wurden sie schon damals nicht wirklich unsterblich.

    • Vor 5 Stunden

      Erstaunlicherweise hat ihnen die Musik aber schon damals ein Leben in L.A. ermöglicht, das dem von Hollywoodstars entspricht. Da kommt offenbar massiv Kohle rein, durch die Reality TV Produktionen natürlich nochmal mehr. Das Konzept funktioniert offensichtlich, denn die Shows sind gut nachgefragt. Die Musik ist nicht so doll, aber ich hege da irgendwie Sympathien. Vielleicht auch, weil ich genau wie du, als Teenager zu unreflektiert für einen fairen Umgang mit der Band und ihren Fans war.

    • Vor 4 Stunden

      Ernsthafte Frage, wenn ich lese "als Teenager zu unreflektiert". Da sind doch wahrscheinlich nur Teenager auf dem Konzert? Das stelle ich mir wie bei Nina Chuba vor. Ich habe früher auch einiges von Take That gehört, Step-by-step rauf und runter. Ist doch völlig okay. Merkwürdig ist es nur, wenn mit dem Alter dann nicht auch der Musikgeschmack reift, aber jeder hat halt seine Prioritäten und seinen eigenen Geschmack.

    • Vor 3 Stunden

      Ich habe Tokio Hotel im Rahmen eines Festivals live gesehen und war vollkommen unterwältigt. Bis auf "Durch den Monsun" haben die keinen einzigen Song, der im Gedächtnis bleibt. Das ganze Set plätscherte dahin, Bill hat ein absolut dünnes Stimmchen, das ohne entsprechende technische Unterstützung sofort absaufen würde. Alle warteten auf den Hit, den alle kennen, obwohl natürlich früher alle Anti Tokio Hotel waren... Der ganze Auftritt war rundherum enttäuschend.

    • Vor 3 Stunden

      Hä? Ich find die Dudes irgendwie unterhaltsam, ihre Musik ist Schund. Meine Affinität erkläre ich mir daher teilweise damit, dass ich mit 16 (oder so) unfair mit der Band und ihren Anhängern ins Gericht gegangen bin. Was das mit meinen Prioritäten und meinem Musikgeschmack zu tun hat, weißt nur du.

    • Vor 3 Stunden

      Ich rede ja auch über Musik und nicht über unterhaltsame Dudes

    • Vor 9 Minuten

      "Erstaunlicherweise hat ihnen die Musik aber schon damals ein Leben in L.A. ermöglicht, das dem von Hollywoodstars entspricht."

      Das mag sein, aber ich würde sogar sagen, dass schon damals nicht die Musik ihr unique selling point gewesen war. Die waren damals schon medial omnipräsent als Presse-Lieblinge in der Zeit vor Social Media und Heidi Klum, vor allen in den ganzen Teenie-Magazinen verstrich kaum eine Woche, ohne dass die banalsten Dinge von und mit ihnen kommentiert wurden.

      Es wurde ja auch versucht, Tokio Hotel international erfolgreich zu machen, als sie damals die Evergreens auf Englisch vertonten, aber das war ja auch nicht von Erfolg gekrönt. Und wenn ich mich richtig erinnere, war in L.A. der Fokus eher Fashion und nicht die Musik. Auch hier glaube ich, dass die beiden eine gewisse Self-Awareness hatten/haben, denn ihre Musik war einfach zu uninspiriert, gerade für den amerikanischen Markt und vor allem L.A. Das, was die Band immer ausgemacht hatte, war ohnehin der Style von Bill und Tom und die Kontroversen. Und das geht eben auch ohne aufwendige Musikproduktionen.

  • Vor 2 Stunden

    Das Album Cover ist schon mal stark. Platte hab ich noch nicht angehört, aber habe ein gutes Gefühl