laut.de-Kritik
Mit dem Rückwärtsgang in die Sackgasse.
Review von Mathias LiegmalDJ Tomekk war schon immer ein Grenzgänger. Schon der Weg von Krakau nach Berlin machte ihn im wahrsten Sinne des Wortes dazu, doch auch seine daran anschließende Karriere ist geprägt vom Überschreiten musikalischer, kultureller und nationaler Grenzen.
Welcher Deutschrap-Artist kann schon von sich behaupten, den Durchbruch zuerst in den USA gehabt zu haben, bevor er auch hierzulande langsam Anerkennung bekam? Wer kann schon behaupten, sich mit die heftigsten Sell-out-Vorwürfe der Szene eingefangen zu haben, obwohl er mit KRS-One, Grandmaster Flash, Flavor Flav, Lauryn Hill, Run-DMC und Kurtis Blow, aber auch mit Torch, den Stieber Twins, Afrob und MC René zusammengearbeitet hat? Wer hat Lil' Kim zu einem deutschen Satz in einer Hook überredet und dann den bis dahin unbekannten Newcomer Trooper Da Don mit auf den Song gepackt?
Mehr als zwei Dekaden später ist von all diesen Wahnsinnsgeschichten kaum noch etwas übrig. Es waren weitaus mehr als Warhols berühmt-berüchtigte 15 Minuten Ruhm, aber irgendwann ist nun mal ein wenig die Luft raus - und das sollte man dann auch erkennen und akzeptieren.
Was man hingegen nicht tun sollte, ist, ein Intro aufzunehmen, in dem man all seine Erfolge noch einmal nacherzählt, ohne dabei zu reflektieren, wie uncool es doch eigentlich ist, sich nur auf Dinge zu berufen, die rund 20 Jahre her sind. Und erst recht sollte man dies nicht tun, wenn man gerade so als durchschnittlicher Rapper durchgeht. Aber wirklich nur gerade so.
Dieselbe Verzweiflung zeigt sich im Versuch, ältere Songs noch einmal neu aufzukochen. Bei "Ride Or Die 2026" ist der Austausch von Trooper gegen Geofrey Peterson nicht wirklich gravierend, weil der Vorgänger schon recht unspektakulär war. Bei "Ich Lebe Immernoch für Hip Hop" kommt die veränderte Besetzung dann aber doch massiv zum Tragen: Wo früher GZA, Prodigal Sunn, Curse und die Stiebers waren, sind es jetzt dann Cappadonna, Mikey Shine und Big Book Eddie. Äh, sorry, wer?
Natürlich ist legitim, nicht immer die ganz großen Namen zu versammeln. War mit Trooper ja auch schon so. Zum Problem wird dieser Ansatz erst dann, wenn die Performance dieser namenlosen Künstler zu wünschen übrig lässt. Auch das war mit Trooper schon so.
Gleichzeitig gelang es Tomekk schon mehrfach, einen eigentlich schwachen Song durch eine starke Produktion zu retten. Auf "Return Of Tomekk" scheint diese Gabe jedoch irgendwie abhanden gekommen zu sein. Stilistisch sind die Beats größtenteils im New York knapp nach der Jahrtausendwende angesiedelt, gehen dabei primär in Richtung Rap und vereinzelt auch in Richtung R'n'B ("Vivre La Vie", "Separation"), lassen aber allesamt das Hitpotenzial vermissen - und daran muss man sich nun mal messen lassen, wenn man den Mund so dermaßen voll nimmt. Hinzu kommen noch eine Ambient-Ballade ("Wir sind Berlin"), ein Deep House-Versuch ("Do It Again"), nahezu undefinierbarer Bed-Room-Pop ("Irgendwann einmal") sowie der Versuch, Lil Waynes "Lollipop" noch mal neu unter dem Titel "Wonder" aufzunehmen.
Wie genau das zusammen passen soll, erschließt sich bis zum Ende nicht. Wieso manche Songtitel auf Spotify normal und manche komplett in Großbuchstaben eingetragen sind, auch nicht. Wieso der zweite Song "Denn Ich War Nie Weg Pt. 2" heißt, während der vermeintliche Part 1 hingegen erst an neunter Stelle platziert ist, ebenso wenig. Wieso sich beide Songs nur dadurch unterscheiden, dass auf Part 1 zusätzlich noch Sentino einen Part hat, auch nicht. Und wieso das Album dann eigentlich "Return Of Tomekk" heißt, obwohl er doch laut Songtitel nie weg war, erst recht nicht. Wirklich vieles an diesem Album-Konzept ergibt absolut keinen Sinn, man stolpert aber unweigerlich über diese ständigen Widersprüche und Ungereimtheiten. Als Gesamtwerk wirkt dieses Album daher nicht nur chaotisch, sondern vor allem lieblos.
Wenn Tomekk im Intro selbstbewusst "Zweieinhalb Millionen Platten täuschen sich nicht / es gibt keinen anderen, der so neu ist, so frisch" reimt, dann stimmt leider nur der erste Teil. Neu und frisch ist hier nichts, wie denn auch, wenn man so krampfhaft an der Vergangenheit festhält? Nur weil Lumidee ihre englischsprachige Hook plötzlich mit einem einzelnen deutschsprachigen Satz abschließt, haben wir noch kein zweites "Kimnotyze". Selbst Cover und Titel des Albums nehmen Bezug auf Tomekks "Return Of HipHop" aus dem Jahr 2001. das schlimmste daran: Dieses Album hier wäre auch schon 2001 allenfalls Durchschnitt gewesen.
Den einzigen Lichtblick bildet ausgerechnet der Song "90ies Supershow Anthem", auf dem Tomekk Mola Adebisi, Oli. P und Jan van der Toorn vor dem Mikrofon versammelt hat. Klar, auch hier wieder ein Blick in die Vergangenheit. Und ja, musikalisch auch nicht gerade weltbewegend. Aber die Idee ist wenigstens irgendwie innovativ und die Besetzung eine, die sicherlich nicht jeder so organisieren können!
Was bleibt, ist ein Album, das vor allem von der Vergangenheit erzählt, diese dabei aber nicht wieder aufleben lassen kann. Vielleicht ist DJ Tomekk tatsächlich nie weg gewesen. Nur scheint die Musikwelt in der Zwischenzeit einfach weitergezogen zu sein – und "Return Of Tomekk" liefert leider wenig Gründe, auf ihn zu warten.


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