laut.de-Kritik
Wo queere Identität nicht erklärt, sondern gefeiert wird.
Review von Karina SadkovGlitzer, extravagante Outfits, ausdrucksstarke Posen und eine Tanzfläche, auf der Femininität keine Grenzen kennt. Wer Jennie Livingstons Dokumentation "Paris Is Burning" gesehen hat, kennt die Welt der New Yorker Ballroom Culture, in der vor allem Schwarze und lateinamerikanische queere Menschen einen Raum für Selbstinszenierung, Zugehörigkeit und Freiheit schufen. Eine ähnliche Atmosphäre beschwört Troye Sivan auf "She's The Best" herauf. Zwischen pulsierenden Beats und sinnlicher Euphorie wird die heimische Tanzfläche zum Safe Space, in dem queere Identität nicht erklärt, sondern gefeiert wird.
Mit dem Titeltrack "She's The Best" widmet Sivan den unterschiedlichsten Frauen und femininen Menschen, die ihn geprägt haben, eine Liebeserklärung. In den Strophen erzählt er mehr, als dass er tatsächlich singt, bevor seine Stimme im Refrain in die Höhe schießt und sich die Instrumentals gleich mit öffnen. Gitarren, Synthesizer und Hintergrundstimmen sorgen dafür, dass aus der persönlichen Hommage eine ziemlich große Popnummer wird. Der Song versprüht einen regelrechten Main-Character-Vibe. Kopfhörer auf, durch die Straßen schlendern und bei "She's the best, she's the best / She's the heartbeat bumpin' in my chest" so tun, als wäre man selbst die Hauptfigur im eigenen Musikvideo.
Im dazugehörigen Clip greift Sivan die New Yorker Ästhetik der Achtzigerjahre auf. Zwischen extravaganten Outfits und selbstbewussten Posen bekommen die Frauen, denen er seine Liebeserklärung widmet, auch ihren großen Auftritt. Mit dabei sind unter anderem Nicole Kidman und Dragqueen Sasha Colby.
An die Sounds der Ballroom Culture erinnern vor allem "Canada Dry" und "Party". Ersterer klingt mit seinen treibenden Beats, wilden Synthesizern und dem Wechsel zwischen Sprechgesang und Kopfstimme, als wäre er direkt für den nächsten Voguing-Ball geschrieben worden. Ständig tauchen neue Sounds auf, gegen Ende sogar eine Sirene. Wirklich viel Ruhe gönnt Sivan seinen Zuhörern jedenfalls nicht. Warum auch, wenn sich das Ergebnis so gut zum Tanzen eignet?
"Party" macht seinem Namen ebenfalls alle Ehre. Sivan feiert im Club, im Restaurant, unter der Brücke und gefühlt überall dort, wo sich noch ein bisschen Platz findet. Der Song lebt vor allem von seiner Produktion. Während Sivan hörbar nach Luft schnappt, rückt die Musik plötzlich in den Hintergrund, als stünde man selbst mitten in einem überfüllten Club. Dazu gesellt sich Madonnas "Music" als Sample im Refrain: "Music makes the People come together". Besser könnte die Botschaft kaum passen. Die ständigen textlichen Wiederholungen entfalten dabei einen beinahe hypnotischen Effekt. Viel passiert textlich nicht, musikalisch dafür umso mehr.
Überhaupt scheint der Pop-Sänger auf dem Album großen Gefallen daran gefunden zu haben, mit Sounds herumzuexperimentieren. Kaum hat man sich an einen Beat gewöhnt, kommt schon das nächste Detail dazu. Mal verschwinden die Drums für einen kurzen Moment, mal tauchen plötzlich ganz andere Instrumente auf. Auch "Troye Meets World" schlägt mit seinen jazzigen Anklängen eine andere Richtung ein. Hinter der verspielten Produktion steckt allerdings weniger Unbeschwertheit, als es zunächst scheint. Denn zwischen Auftritten, Reisen und unzähligen Begegnungen kann man sich offenbar auch ziemlich allein fühlen.
Damit ist die Party allerdings noch lange nicht vorbei. Nur zeigt Sivan zunehmend, dass sich zwischen all den Clubnächten und euphorischen Momenten auch eine ordentliche Portion Einsamkeit und Sehnsucht versteckt. Auf "Sex Star" stellt er sich eine Beziehung vor, die es bislang gar nicht gibt. Statt ausgelassener Beats dominieren hier ruhigere Töne und eine Melancholie, die man ihm durchaus abnimmt.
Auch "FF" dreht sich um die Suche nach Liebe. Der Titel steht für "Fucking Forever", doch hinter der ziemlich selbstbewussten Ansage steckt vor allem der Wunsch nach jemandem, der tatsächlich bleibt. Besonders deutlich wird das, wenn Sivan "Be my baby" singt und sich die Instrumentierung zunehmend öffnet. Die Drums setzen kurz aus, nur um anschließend umso kraftvoller zurückzukehren. So bekommt die Sehnsucht, die sich durch den Song zieht, auch musikalisch immer mehr Raum.
"Love So Big It Hurts" schlägt musikalisch noch einmal einen anderen Weg ein. Akustikgitarre, Streicher, Drums und eine beinahe fröhliche Melodie lassen zunächst wenig von der Melancholie erahnen, die sich durch den Text zieht. Während Sivan von einer Liebe schwärmt, die so groß ist, dass sie wehtut, bekommt er nachts kein Auge zu und versucht sich tagsüber mit Putzen und Kochen abzulenken. So manch einer kennt die Strategie und weiß, dass sie meistens nicht so richtig funktioniert. Wenn er den Refrain stellenweise mehr spricht als singt, klingt die überschwängliche Liebeserklärung plötzlich gar nicht mehr so unbeschwert. Liebe kann eben auch ganz schön anstrengend und schmerzhaft sein.
Dass die Experimentierfreude nicht immer aufgeht, zeigt ausgerechnet der letzte Track. "Lost Time" beginnt mit einem französischen Monolog von Lily-Rose Depp durchaus vielversprechend. Danach übernimmt allerdings eine derart stark geautotunte Stimme, dass von Sivans angenehmen Gesang kaum noch etwas übrig bleibt. Der Beat hat zwar durchaus etwas Eingängiges, trotzdem hätte das Album einen überzeugenderen Abschluss verdient.
Während auf "Blue Neighbourhood" noch die Unsicherheiten der ersten Liebe und des Erwachsenwerdens im Vordergrund standen, feiert Sivan auf "She's The Best" seine Sexualität mit einer neuen Selbstverständlichkeit. Die Sehnsucht nach Liebe ist geblieben, nur kann er sie mittlerweile ohne große Zurückhaltung ausdrücken. Nach dem Erfolg von "Something To Give Each Other" scheint er außerdem erst richtig Gefallen daran gefunden zu haben, musikalisch neue Wege einzuschlagen. Die Produktion steckt voller Ideen und bewegt sich zwischen ausgelassener Club-Euphorie und melancholischer Sehnsucht, ohne dabei ihren roten Faden zu verlieren. Sivan klingt erwachsener, aber längst nicht langweilig. Denn so viel Euphorie "She's The Best" auch versprüht, die Einsamkeit lässt sich eben nicht einfach wegtanzen.


2 Kommentare mit einer Antwort
"Feiern" nennt man das also. Feiern! Drei Tracks, die für den bis dahin auf soft changierenden Zeitgeist-Pop getrimmten langjährigen Hörer (Blue Neighbourhood immer noch eine Pop-Blaupause) wohl rüberkommen wie dem Radiohead-Hörer seinerzeit der Wechsel von OK Computer auf Kid A. Aber gut, kann ja nicht schaden wenn sich der Pop jenseits von "loopt gut" mal ausprobiert. Insofern chapeau.
Was den Grossteil des Albums angeht, scheint mir der Titel als auch der Einstieg aber eine einzige grosse Mogelpackung – völlig unabhängig der Frage, welche Rollen Frauen eigentlich in diesem ganzen Ding spielen; ein heisses Eisen, dass man auch lieber nicht weiter ergründet. Dafür wird das "Feiern" der queeren Peergroup nämlich viel zu schnell zum eigenen Scheitern an der (konstruierten) Fantasie eines "forevers". Verzweifelt wirft man den Flur vor die Wurst und hofft es käme einer, irchendeiner, der hinginge und mit in den Cottage-Dog-Fairy-Lights-Zustand hinüber meddelt, nachdem man die eigene Körperlichkeit all die Jahre eher als verfügbar gesehen als auch künstlerisch dargestellt hat. Aber, well well, hoffen darf man ja.
Inkohärentester Post hier seit langem und das will wirklich was heißen
Schwaches "dahindudel" Album ohne Höhepunkte. Zwar ganz gut produziert mit netten Soundspielereien, aber auf gutes Songwriting wartet man vergebens. Sicher auch als Hintergrundmusik in Supermärkten und Fahrstühlen gut geeignet. Oder zu Hause beim Hemden bügeln. Schade, ein klarer Abfall zum catchy Vorgänger Something To Give Each Other.