laut.de-Kritik
Eine glänzende Krone, geschmiedet aus Würde und Verletztlichkeit.
Review von Johannes JimenoSchaut man sich das Cover und hört sich die Leadsingle "A Good Day" an, entsteht der Eindruck, dass zwei Künstler ein Spaßprojekt kreieren mit vielen Neckereien und bekannten Soul-Samples. Der Schein trügt, denn warum sollte das Album dann "Heavy Is The Crown" heißen? Vielleicht eine sarkastische Anmerkung? Mitnichten. Anderson .Paak und Cordae gewähren erfrischend persönliche und teils drastische Einblicke in ihr Leben. Das Album beschreibt die Dualität zwischen dem glamourösen Aufstieg und der immensen mentalen, familiären sowie karmischen Last, die dieser Erfolg mit sich bringt. Es lässt sich in drei zentrale Stränge unterteilen:
Triumph und Unantastbarkeit
AP und Cordae inszenieren sich als unschlagbares Tandem mit dem klassischen Aufzählen von Statussymbolen. Das von J. Cole produzierte "58th Floor" eröffnet mit einem charmanten Skit, schwenkt dann im zweiten Teil um. Die beiden parlieren über den harten Weg an die Spitze und ihren Anspruch als Elite-Rap-Duo, das sowohl Arenen als auch den Jazzclub bespielt. Das anschließende "Airbender" serviert klassischen Oldschool-Hip Hop mit schiefen Streichern, garniert mit frenetischen Parts der Protagonisten. Gefolgt von "I'm On", bei dem sich der Beat vornehm zurückhält mit Piano und pendelnder Melodie. Thematisch mixen sie Flexing mit Selbstreflexion, wenn Paak über Bindungsängste und Cordae über finanzielle Unabhängigkeit, seine Tochter und Unternehmertum rappt.
Eines der großen Highlights in dieser Kategorie kredenzt uns Swizz Beats auf "Godfather 2". Cineastisch, dramatisch, hervorragend arrangiert im Mafia-Stil. Großes Kino!
Nostalgie, Liebe zur Kultur und Erkenntlichkeit
Das Duo vergisst nie, woher es kommt. "You're Mine" fungiert als tiefgründige Liebeserklärung und Metapher an den Hip Hop und Musik selbst über einen wunderbaren Funk-Soul dank des Samples "A Little Tear" von Claudio Roditi & Kenia. Darin interpoliert Paak auch Kanye Wests "Homecoming" in seinen ersten Zeilen. Das autobiografische "Days Go By" zelebriert erstklassigen Storyteller-Rap, wenn sie von Polizeigewalt, schwieriger Kindheit, Drogenmissbrauch oder familiären Traumata erzählen. "Days Like This" thematisiert Manifestation von Träumen, Stolz auf das Erreichte und spirituelle Dankbarkeit.
Verletzlichkeit, Reue und die Kehrseiten des Lebens
Das narrative Herzstück des Albums und besonders erlebbar auf dem Titeltrack "Crown". Conductor Williams zwirbelt zwei hochgepitchte Samples ineinander und sorgt für eine soulig-wehmütige Atmosphäre. Cordae reflektiert über Verlust, Justizungerechtigkeit im Umfeld ("left him dead on the scene like Alec Baldwin") und die Pflicht, die Familie zu versorgen. .Paak verbindet alte Erinnerungen mit jetzigem Luxus, spürt aber gleichzeitig eine tief sitzende Skepsis gegenüber der Scheinwelt. "Karma Tax" stellt Schmarotzer an den Pranger und bringt gescheiterte Beziehungen ans Tageslicht. Ein musikalisch warmes, leicht nebliges Kleinod und wiederum von J. Cole zusammengestellt. Im jazzigen "Helpless" gibt es fast gar keinen Beat, Streicher, Bläser, ein Gitarrenlick sowie das gleichnamige Sample von Dino & Sembello tragen den Song. Der intimste Moment dieser Platte: zerschellte Ehen, emotionale Überforderung, Alkoholprobleme, toxisches Verhalten.
Das eingangs erwähnte "A Good Day" dient als versöhnlicher Akt, all das zu verarbeiten und mit einem Lächeln zu begegnen. Ein sonniger Mashup aus etlichen Querverweisen: lyrische Anlehnungen an Ice Cubes "It Was A Good Day" und "Life Is Like A Dice Game" von Nas und Freddie Gibbs. Dazu noch das omnipräsente Sample von Bill Withers' "Lovely Day" sowie Adlibs von Fatman Scoop auf "It's Like That". Das macht einfach Spaß!
Am Ende bleibt zu konstatieren, dass "Heavy Is The Crown" ein vielschichtiges Porträt zweier Rap-Aushängeschilder bildet, die versatil und geschmeidig ihr Können zum Besten geben. Davon darf es gern mehr geben in Zukunft.


1 Kommentar
Wow, hätte ich nicht erwartet. Mag Anderson seit Malibu; die letzten VÖ haben mich aber nicht mehr so abgeholt. Auch "a good Day" als Vorab Single hat mich ähnliches befürchten lassen... Aber hey - ich bin positiv überrascht.