laut.de-Kritik
Vom druffen Pausenclown zum harmlosen TV Total-Promi.
Review von Yannik Gölz2022 war Ski Aggu ein vielversprechender Artist. Sein bis heute wirklich stabiles Debütalbum hatte alles, was ihn definierte - die Deadpan-Delivery, die sehr trockenen Puns, die Techno-Beats, den Pop-Appeal. Aber wenn man nur das Intro "Besoffen In Den Spiegel Schauen" gehört hat, fühlte sich Aggu an wie ein klamaukiger Botschafter aus einer abgefuckten Welt. Einer Welt, in der weirde Berliner Kids mit Outfit-Gimmicks um Aufmerksamkeit buhlen und sich mit harten Drogen selbst kaputt machen. Der Club war Eskapismus, aber Aggu war genauso gut darin, seine Euphorie zu kanalisieren, wie er subtil andeuten konnte, dass all die ulkigen Charaktere in seinen Songs vor etwas auf der Flucht waren.
Soll nicht heißen, Ski Aggu sei je deep gewesen. Aber in seiner druffen Pausenclown-Persona war ein Bezug zum echten Leben zu erkennen. 2026 ist Ski Aggu ein vollständiger TV Total-Promi. "Ski Aggu Musik" macht die Berliner Clublandschaft zum harmlosen Fernsehkulisse. Wenn das Album deep sein will, moniert es das Promi-Leben in belangloser Kokser-Melancholie. Wenn es Spaß machen will, ist es eine lieblose Assemblage von Gimmicks. Richtig grausam wird es selten. Aber auch nie mehr als auf eine witz- und seelenlose Art 'okay'.
Viele Songs arbeiten mit Konzept, ohne sich damit viel Mühe zu geben. Zum Beispiel die Lead-Single "Geld". Erinnert ihr euch, dass er dafür so richtig eine Marketing-Kampagne gefahren hat? Für die, die es vergessen haben: Sein Team hat hier über Monate einen Story-Arc vorbereitet, der mit einer Ansage von Urlaub in Australien begonnen hat und dann mit einer Morgenmagazin-Rückkehr mit neuer Brille und Hippie-Atmosphäre endete. Das wäre coole Promotion gewesen, wäre sie nicht an diesem unscheinbaren Dubstep-Zweiminüter um die Hook "Ich schmeiß im Club mit Geld" verschwendet. All das Getue, um dann den denkbar generischsten Ski Aggu-Song nachzulegen.
Eine weitere Idee, die so überhaupt nicht verfängt: Wir alle erinnern uns an "Friesenjung", ja? Ich bleibe dabei: Krasser Song. Denkt wohl auch Ski Aggu, weswegen er in Tradition großer One-Hit-Wonders beschließt, die Formel beachtlich stupide neu zu übersetzen. Denn was für unsere westlichen Nachbarn funktioniert hat, kann mit unseren östlichen Nachbarn nur noch mehr Spaß machen, oder?
Um den polnischen Markt zu erobern, hat er sich den Rapper Mr. Polska ins Boot geholt. Ihr ahnt, woher der kommen könnte. Ganz recht: Aus den Niederlanden. Hä? Egal. "Spring" versucht sich an der selben Form von druffer Völkerverständigung, hat aber nichts vom Charme von "Friesenjung". Wenn Mr. Polska und Ski Aggu Deutschland und Polen in "Döner" und "Kurwa" abhandeln, fühlt man sich wie auf einer extrem beschissenen Erasmus-Party. Wichtiger ist aber: Dieser Mr. Polska-Charakter? Er ist the worst. Was für ein charmeloser Kretin. Joost Klein war vielleich wenig mehr als ein niederländischer Bbno$, aber im Kontrast zu diesem Mr. Polksa könnte er genauso gut David Bowie sein. Schön, dass er auf dem ebenso lieblosen und sofort offensichtlichen "Hardtekk Tutorial" nochmal gastiert.
Das ist aber, was "Ski Aggu Musik" die ganze Zeit macht: Die Songkonzepte klingen, als könnten sie einigermaßen unterhaltsam geraten. Aber die Umsetzung gibt dann keine zwei Ficks, irgendetwas zu finden, was jenseits des Tracktitels überraschen würde. Die ganze Klitsche fühlt sich lazy und unsinspiriert an.
Aber natürlich ist da immer noch die deepe Seite. Wo Aggu davor gerade auch auf klamaukigen Songs wie "Tour De Berlin" ein bisschen Trübwetterstimmung in die Atmosphäre mischte, wird hier zwischen erzwungenen Memes und erzwungenem Ernst strikt separiert. "Verschwommen" klingt fast ein bisschen so, als würde er auf "Plattenbau O.S.T." rappen. Aber die meiste Zeit scheint er ein wenig zu überschätzen, wie sehr uns die Erkenntnis überrascht, dass auch er mal schlechte Tage hat. Das findet sich auch auf "Wer Ist Aggu?" - man spürt einfach, dass der Mensch Ski Aggu sehr in seiner Persona verschwindet. Es fühlt sich alles nicht mehr so geerdet, nicht mehr wirklich realitätsbezogen an.
Wenn er das Tape dann mit "384 Tage" beschließt, scheint das der wirklich verwundbare Moment des Projekts zu sein. Erstens ist das wirklich ein schönes Instrumental und Aggu wirkt hier mehr als sonst, als würde er sich mit dem Lyricism Mühe geben. Aber es ist auch interessant, was er über das Album selbst zu sagen hat: "Morgen ist endgültige, schon maximal nach hinten gedribbelte Bastard-Deadline für die Albumabgabe / Und das ist jetzt 384 Tage um genau zu sein her, dass ich den ersten Part geschrieben habe". Der Track erzählt implizit von Schreibblockade, von einer "kopfgefickten Zeit mit maximalem Schaden", die er leider nicht weiter illustriert. Es mündet dann darin, dass der Knoten jetzt geplatzt ist und er wieder auf sich selbst vertraut. Es ist ein guter, authentischer Moment, näher ist er an "Besoffen In Den Spiegel Schauen" in den letzten Jahren wohl nicht heran gekommen.
Dennoch: Mein Guy - 384 Tage sind nicht die Welt, um an einem Album zu arbeiten. Abgabe-Deadlines in Ehren, aber: Wenn Du selbst sagst, dass du das ganze Jahr Parts geschrieben hast, jetzt aber erst das Gefühl zurück kommt, dass du weißt, was du tust, dann glaube ich dir das. "Ski Aggu Musik" klingt nämlich tatsächlich wie ein nicht allzu lang gekochter Schnellschuss von einem Artist, der die meiste Zeit der Arbeit am Album nicht so richtig zu wissen schien, was er da eigentlich tun will.


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