laut.de-Kritik
Speicher fast voll.
Review von Alex KlugDas Knistern ist weg. Dabei dienten den Avalanches noch 2020 die Voyager Golden Records als Inspiration: 1977 ins All geschossene Schallplatten, gefüllt mit Bildern, Tönen, Emotionen. Stattdessen im Zentrum von Album Nummer vier: Disketten, MP3-Player und Festplatten als Klangquellen für neue Musik. Daraus ergibt sich ein für The Avalanches ungewohnter Grundvibe: Hektik statt Leichtigkeit.
Ein kurzes, schnell produziertes Partyalbum war geplant, doch dann traten Nokia-Systemsounds, historische Toshiba-Audiologos und Windows-Fehlertöne auf den Plan. Auf der Suche nach den perfekten Werbejingles komponierten The Avalanches irgendwann einfach selbst welche.
Schon mit "Xerox Altalink B8055" quetscht sich die Frage aller Fragen zwischen zwei Songs: "Are you worried about a floppy disk losing all your accounts?" Ja, danke, jetzt irgendwie schon, vor allem mit dem Wissen, dass sämtliche "Since I Left You"-Samples seinerzeit auf Disketten gespeichert waren.
Überhaupt, diese Interludien: Mal sprechen Mike Patton und Haley Joel Osment eine fiktive Konsolenwerbung ein, mal fragt eine überdrehte Stimme in "3D Glasses Not Included": "Two Megabytes? In that?!" Es geht im Schleudertrauma durch die Digitalisierungsstufen der letzten 50 Jahre. Ohne Orientierung, ohne Rücksicht auf Motion Sickness.
Die selbst zusammengeschraubten Werbeschnipsel erzeugen dabei ein tückisches Uncanny-Valley-Dreamcore-Gefühl: Irgendwie fühlt es sich an, als sollte ich das noch kennen. Aber ist diese Nostalgie wirklich meine?
Große Gedanken in teils erfrischend kleinen Songs. Schon früh spielt "Every Single Weekend" mit Jamie xx alle Fake-Nostalgie-Trümpfe aus: polyphone Jamba-Sparabo-Synthesizer, hochgepitchte Vocals und ein Geöffnete-Coladose-Sample. Das hätte doch eigentlich Zeug zum Sommerhit gehabt. Nicht zum letzten Mal in den kommenden 52 Minuten fragt man sich: Warum ZUR HÖLLE erscheint dieses Album eigentlich im Oktober?
Und es ist ja von allem genug da, angefangen bei den klassisch samplebasierten Tracks: "I Give Everything I Have 2 U" groovt sich auf einem smoothen The Esquires-Sample ins Ohr, veredelt vom Jungle-Nebenprojekt Loaded Honey. Selbiges gilt für "One More Fantasy", das Samples aus Carly Simons "Make Me Feel Something" um fette 808s und die dicksten Subbässe des Jahres erweitert – und dabei vermutlich unfreiwillig Vaporwave-Vibes versprüht. Solche Banger schütteln The Avalanches mit ihrer Kunst des Essenzierens anscheinend immer noch mühelos aus dem Handgelenk, nur um sie im Rausch dieses Zapping-Werks oft in unter zwei Minuten zu verheizen.
Zumindest einige Featuregäste erhalten mehr Zeit zum Atmen: Karen O (Yeah Yeah Yeahs) ist bereits zum zweiten Mal auf einem Avalanches-Album vertreten und fügt ihre Vocals nahtlos ins Italo-Disco-Sample von Blue Gas' "Shadows From Nowhere" ein, als hätten ihre Vocals schon immer zum Original gehört ("Blue Shadows").
Richtig groß wirds auf "All The Time In The World", in dem The Avalanches Rivers Cuomo auf Produzent Vegyn (wann Headache-Meilenstein?) treffen lassen. Es sind Momente wie das plötzlich auf dem rechten Speaker auftauchende Flöten-Sample, die zeigen, dass die Menschen hinter dem großen Sampling-Meilenstein des frühen Jahrtausends immer noch dieselbe kuratierende Magie in sich tragen.
Immer wieder dazwischen: echte Instrumente, echte Synthesizer. Für einen guten Teil dessen zeichnet Neu-Bandmitglied Andy Szekeres (ehemals Midnight Juggernauts) verantwortlich, der schon dem Vorgänger Fairy-Dust-Synth-Pads verlieh und sich hier mit vollem Körpereinsatz in die hohe Kunst der Werbejingle-Komposition stürzt. So verzaubert er auf "Total Recall" mit einer wobbelnden Synthorgie, während das "Hit By Traffic"-Interludium mit einigen "Trans Europa Express"-Arpeggios überleitet. Ist das noch echte Pokémon-Magie oder schon generisches Geklimper?
"No Bad Memories" ist ohnehin kein Album der einsamen Samplearbeit, sondern eines der Kollaborationen. Die üppige Featureliste vereint echte Studiokollaborationen und absurde Werbesprecher-Cameos mit Sample- und Co-Producer-Credits. Hier muss insbesondere die tunesische Footwork-Produzentin Khadija Al Hanafi erwähnt werden, die gleich mehrere Tracks in ihre Bestandteile zerlegt und wieder aufgebaut hat. The Avalanches pushen die nächste Generation.
Der Titeltrack "No Bad Memories" hingegen ist für Avalanches-Verhältnisse fast schon simpel gestrickt und bewegt sich im hart gecutteten Fahrwasser von J Dilla-MPC-Produktionen – mausert sich aber gerade drum zum heimlichen Dauergast im Gehörgang. Das als Vollversion Reprise feiernde "I Give Everything I Have 2 U" (jetzt "Final Credits") erdet den furchtbar durchgeschüttelten Hörprozess noch einmal nachhaltig.
Chater, Di Blasi und Szekeres hätten es sich leicht machen können: Doch statt ein Clubalbum mit Werbesprecher-Gags aufzunehmen, widmet sich "No Bad Memories" der kompositorischen Frage, was genau Werbung eigentlich so faszinierend, aber auch manipulativ macht.
Denn klar ist: Nur dank dieser manipulativen Techniken teilen wir alle dieselbe Klingelton-Nostalgie, dieselben Erinnerungen an dieselbe Michael Jackson-Pepsi-Werbung. Wird diese Form von Nostalgie in Zeiten von Affiliate Marketing noch eine Zukunft haben? Wird es ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis geben?
Und: Wird das vertraute Vinyl-Knistern zurückkehren? Für den Moment bleiben Bitcrushing, EQ-Schweinereien und Verzerrungsfilter und trotzdem ist "No Bad Memories" mal wieder eine verdammte Liebeserklärung – wie immer an die Musik, aber hier auch konkret an die (aussterbende) kollektive Nostalgie-Erfahrung selbst.
Geht das zu Lasten des Hörvergnügens, wenn nach dreißig Sekunden schon die nächste Idee anklopft? Manchmal. Haben sie sich daran konzeptionell überhoben? Vielleicht.
Aber es ist wohl gerade dieses Zuviel, das "No Bad Memories" so (sorry) memorable macht. Denn am Ende des Tages suchen The Avalanches immer noch nach demselben bittersüßen Gefühl wie vor 26 Jahren.


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