laut.de-Kritik
Die Stadien der Trauer.
Review von Dani FrommDanger Dan ist - inzwischen - ein Medienprofi. Der Mann weiß entweder genau, welche Knöpfe es zu drücken gilt, um sich ins Gespräch zu bringen. Oder aber, er hat Menschen in seinem Umfeld, die es wissen. Wahrscheinlich beides. Wie schon seinerzeit mit "Das Ist Alles Von Der Kunstfreiheit Gedeckt", hat er mit dem Titeltrack seines neuerlichen Klavieralbums auch wieder den perfekten Aufschlag hingelegt.
Die Reaktionen auf sein siebenminütiges gesungenes Anfänger-Handbuch zum antifaschistischen Widerstand erfolgten präzise nach Drehbuch: Die einen verklärten den erneut zum Liedermacher gemorphten Rapper zum heldenhaften Revolutionär, die anderen zerrissen sich geifernd das Maul über den vermeintlichen Linksterroristen und seine angeblichen Aufrufe zur Gewalt. Egal, welcher Seite man sich zugehörig fühlte: Alle hatten zu "Keine Angst" irgendetwas zu sagen, und sie sagten es auch, das wird man ja wohl noch dürfen. Das Resultat: mediales Bohei deluxe, Plan voll aufgegangen. Glückwunsch.
Es fühlt sich wahrhaftig seltsam an: Auf der einen Seite nehme ich Danger Dan seine antifaschistische Grundüberzeugung, sein Engagement gegen Rechts voll ab. Ich glaube ihm in jedem Moment, dass ihm alle diese schönen Dinge am Herzen liegen, die Faschist*innen, warum auch immer, so verbissen zu zerstören trachten: Menschenrechte, Gleichberechtigung, Freiheit, Demokratie, das Leben, die Liebe ... das kann keine Pose sein, das ist Haltung.
Zugleich funktioniert, siehe oben, die Promomasche aber auch einfach zu gut, sie funktioniert mit Ansage, und sie funktioniert nicht zum ersten Mal. Angesichts der reibungslosen Vorhersehbarkeit bekomme ich den Verdacht nicht abgeschüttelt, dass ich mich doch irgendwie verarschen lasse, von einer cleveren Marketing-Strategie, kombiniert mit (wie ein Kollege es einst nannte) halt wirklich verdammt gutem Linksradikalen-Cosplay. Schwierig.
"Keine Angst", das komplette Album, hinterlässt ebenfalls diesen Eindruck: schwierig. Wenn auch aus ganz anderen Gründen. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, mir in den letzten zwanzig-plus Jahren schon einmal ähnlich verzweifelt eine Möglichkeit gewünscht zu haben, Texte und Musik getrennt voneinander bewerten zu können.
Ginge es nur um die Lyrics: Danger Dan wäre mit diesem Album haarscharf an der Bestnote vorbeigeschrammt. Die hätte er verdient gehabt, hätte er sich das immerhin kurze, dafür aber ekelerregend witzelige "Der Versicherungsvertreter Lebe Hoch" verkniffen, zusammen mit "In Der Roten Rose", das bis hin zum Männerchor wirklich jedes Hafenkneipen-Klischee bedient. Als wolle es eine*n verarschen, birgt letzteres obendrein die Zeile "... doch das ist 'ne Erzählung für einen anderen Song": Okay, so erzählt dieser hier halt gar keine Geschichte, danke für nichts.
"Nie Zur Ruh" wirkt ebenfalls merkwürdig ziellos, führt genau nirgendwo hin. Dafür entschädigt hier aber das Bild. Wie da dem Teufel ein Altar aufgeschichtet wird, aus Zigarettenrauch und Schnaps: sehr anschaulich und, anders als die Streichholz-ins-Benzin-Metaphern rundherum, so gar nicht abgenutzt.
Der Rest der Songs ist schlicht virtuos getextet, und das völlig unabhängig davon, ob Danger Dan gerade in seiner Vergangenheit wühlt, über tief persönliche Befindlichkeiten schreibt, politische Handlungsempfehlungen gibt oder Lebensratschläge erteilt. Selbst wenn es, wie meistens im Leben, um elende Gemengelagen geht, findet Danger Dan die richtigen Worte, um Gefühle, Situationen, Stimmungen präzise auf den Punkt zu bringen.
"Die Meisten Meiner Freunde" etwa steht klar in der Tradition von Hannes Waders "Heute Hier, Morgen Dort": Das Lied beschreibt Rast- und Ruhelosigkeit, Getriebenheit und die daraus folgende Entwurzelung, an der eine ganze Generation laboriert (oder zumindest eine Bubble innerhalb davon). Es unterschlägt aber auch das Gemeinschaftsgefühl nicht, das entsteht, hält man sich unter seinesgleichen auf. Wenn alle seltsam ticken, wird die Seltsamkeit zur Norm.
"Zum Späti" ist ein unaufgeregtes Liebeslied, funktioniert aber auch als eine Art Sittengemälde. Im Grunde möchte man gar nicht so genau wissen, ob Danger Dan da ein individuelles Gegenüber ansingt, oder vielleicht doch die ganze etwas abgewrackte Szenerie, die nachts in der Großstadt rund um den Kiosk erblüht. So oder so spürt man seine Zugewandtheit in jedem Moment.
"Wenn Man Nazis So Behandelte Wie Frauen" schlägt ein Konzept zum Umgang mit Faschos vor, das ich für unbedingt erprobenswert halte. So lustig das auf den ersten Blick scheint: Auf den zweiten lässt die Beschreibung misogyner Ungeheuerlichkeiten, die uns nur deswegen so absolut normal vorkommen, weil wir sie unentwegt erleben, dann doch das Blut kochen.
Je näher ein Thema an ihn herankommt, um so stärker brilliert der Texter Danger Dan. Die sperrige Wortwahl in "Warum Es Nicht Geklappt Hat" spiegelt perfekt die widerstreitenden Emotionen, die er da mit Blick auf eine verflossene (Beinahe-)Beziehung beschreibt. Die Aufregung, mit der dieser Song gerade medial zu einem Coming-Out aufgeblasen wird, zeigt eigentlich nur, wie weit wir noch von dem Tag entfernt sind, dessen Ankunft uns Marcus Wiebusch vor Jahren schon versprochen hat. "Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still": Wie schön wäre das für uns alle, und wie ungeheuer erleichternd für Menschen, die außer mit ihrer eigenen Verwirrtheit im Inneren auch noch mit homophoben Anfeindungen von Außen klarkommen müssen.
An vielen Stellen dreht sich "Keine Angst" um Verlust. "Für Immer" geht locker als eins der schmerzhaftesten, weil zutreffendsten Lieder über das Wesen der Trauer durch, die mir je zu Ohren gekommen sind. "Das Brutalste am Leben, dass es einfach weitergeht": Möglicherweise steckt darin die härteste Wahrheit von allen, wenn man jemanden verloren hat, dicht gefolgt von der Feststellung, dass selbst das Abklingen von Schmerz schmerzhaft sein kann. Weil es bedeutet, dass da jemand wirklich für immer gegangen ist. "Die Zeit wirft einen Schleier aus Nebel, der sich über alles legt ... ich muss unweigerlich zusehen, wie die Erinnerung zerfällt." Wie wahr ist das, wie traurig, und zugleich wie tröstlich, dass es offenbar genau so sein muss, wenn andere ebenso empfinden.
Die verschiedenen Phasen der Trauer auf dem Weg zur Akzeptanz beschreibt auch "Dass Es So Schön Ist". Hier geht es nicht um bereits erlittenen Verlust, sondern um einen, der erst noch droht: der des Augenlichts, nämlich. Nachdem bei ihm eine Krankheit festgestellt wurde, die zur Erblindung führt, beschreibt Danger Dan hier so nahbar wie schonungslos seine Versuche, mit dieser Diagnose irgendwie zurechtzukommen. Flucht in den Exzess, Verdrängung, Hadern, Angst, Wut: Letzten Endes führt alles zu der bittersüßen Erkenntnis, dass man viel zu oft erst zu schätzen weiß, was man hat, wenn es fort ist oder zu entschwinden droht.
Genau daraus resultiert dann auch das Recht und die verdammte Pflicht, das eine Leben, das uns zwischen den Eckpfeilern Geburt und Tod zugestanden wird, zu nutzen, wertzuschätzen und auszukosten. Wir haben tatsächlich ja nur dieses eine, "jede Grenze, jedes Gesetz, jeder Gott ist nur Fantasie, und alles andere ist nur Gewäsch". Es gilt also, das Richtige zu tun, statt sich zu einem Rädchen in einer Maschine degradieren zu lassen. Deswegen dürfen wir es an dieser Stelle doch noch einmal Mantra-mäßig wiederholen: "Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst."
Dieses Album, es wäre fantastisch, wenn da nicht auch noch die Musik wäre. Leider krankt es in dieser Beziehung erheblich. Dass Danger Dan nicht der größte Sänger unter der Sonne ist, wäre problemlos zu verschmerzen. Auch, dass er vielleicht ein ganz passabler Barpianist ist, aber lange nicht der Klaviervirtuose, für den ihn weite Teile seiner Anhänger*innenschaft halten, würde nicht weiter stören, gerieten die Songs nur ein wenig interessanter.
Was sie aber leider nicht tun: Jeder einzelne Track wirkt viel länger, als er ist, weil nirgends eine unerwartete Wendung oder Entwicklung wartet. Danger Dan hat zudem offenbar genau zwei Modi zur Verfügung: Entweder bedient er sich hüpfender, irgendwie Comic-artiger Melodien, die wirken, als habe er sich zur Inspiration abwechselnd Stummfilm-Begleitmusik und alte Mike Krüger-Songs reingepfiffen. Sobald etwas mehr Tiefe oder größere Tragweite ins Spiel kommen, rutschen die Akkorde ins Mollige und es gesellen sich dunkle, getragene Streicher dazu. Es ist immer dasselbe, jedes Mal.
Zwischen diesen beiden Optionen schaltet "Keine Angst" so wahl- und zusammenhanglos hin und her, dass es stellenweise geradezu grotesk erscheint. Auf das zutiefst persönliche "Für Immer" zum Beispiel folgt das absolut beknackte Versicherungsvertreter-Liedchen, das klingt, wie aus der Resteschublade von Reinhard Mey gefallen, darauf wiederum das inhaltlich überragende "Jede Grenze, Jedes Gesetz, Jeder Gott": Die vollkommene Absenz irgendeiner nachvollziehbaren Trackreihenfolge ist schlicht bizarr.
Einzig die Platzierung von "Aber Dann" am Ende ergibt Sinn. Zwar entpuppt sich das auch wieder als so eine mit Streichern verbrämte, dröge Klaviernummer, ist aber erneut grandios getextet: Danger Dan spannt hier einen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart, auf geschichtlicher wie auf individueller Ebene. Was während des Zweiten Weltkriegs oder in Zeiten des geteilten Deutschlands noch unvorstellbar schien, oder nur aus der Perspektive des angstgestörten 18-Jährigen, ist Jahre später Normalität geworden.
Eine Hoffnung gibt uns "Keine Angst" also mit auf den Weg in die Nacht: Veränderung ist jederzeit immer noch möglich. Wenn das so ist, sind ja vielleicht auch irgendwann gut komponierte, spannende Songs denkbar, wie sie diese Texte eigentlich verdient hätten. Falls doch nicht drin, nehme ich statt eines eventuellen dritten Klavieralbums dann lieber einen Gedichtband, danke.


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