laut.de-Kritik
Wenn Provokation wie ein krankhafter Automatismus wirkt.
Review von Emil DröllTill Lindemann hat seine Karriere darauf aufgebaut, die Grenze zwischen Geschmacklosigkeit und Kunst möglichst zuverlässig zu überschreiten. Das funktionierte erstaunlich lange, solange die Grenzüberschreitung selbst als Pointe gereicht hat. Seit 2023 ist diese Rechnung komplizierter geworden. Nicht, weil Kunst nachträglich verboten worden wäre oder jede Provokation plötzlich ihre Legitimation verloren hätte. Sondern weil sich die Frage neu gestellt hat, wo eigentlich die Kunstfigur endet und die reale Person beginnt.
Ob man beides trennen soll oder will, bleibt letztlich eine Glaubensfrage. Für "Live In Krakow" muss man sich diese Frage glücklicherweise gar nicht stellen. Kunst und Künstler lassen sich hier ganz getrost gemeinsam in die unterste Schublade stecken, auch wenn das mindestens einige tausend Menschen in der Krakauer Tauron Arena im vergangenen Dezember anders gesehen haben dürften.
"Live In Krakow" ist der Beweis, dass Till Lindemann eben nicht Rammstein ist. Ohne seine Stammband wirkt Lindemann vielmehr wie ein unkontrolliertes Stück seiner selbst. Rammstein haben immerhin Pyrotechnik, Rammstein haben ihre Gitarren, Rammstein haben ihre Geschichte. Und vor allem haben Rammstein offenbar Till Lindemann Zügel angelegt. Wo er dort noch mit halbwegs abstrakten Lyrics arbeitet und seine Stimme auf Stadiongröhlerei zuspitzt, wird es im Soloprogramm sehr schnell sehr explizit. Körper, Blut, Sex, Gewalt, viel mehr braucht Lindemanns lyrisches Vokabular offenbar nicht, um seine eigene verkorkste Welt zu erschaffen.
Das Album selbst beginnt mit dem "Intro Meine Welt". Richtig los geht es mit "Fat"; schweren Gitarren, englischsprachigem Lindemann und einem Livesound, der kaum mehr hergibt als die Studioversion. Die fremde Sprache macht seine ohnehin eigentümliche Diktion nicht interessanter, sondern lässt sie vor allem unbeholfen wirken. Von der Energie eines Live-Albums bleibt ziemlich wenig übrig.
Weiter geht es in der Muttersprache mit "Und Die Engel Singen", "Schweiß" und "Altes Fleisch". Lindemann wirft hier wieder mit Antithesen, Inversionen und möglichst drastischen Bildern um sich, als ließe sich damit nachträglich ein künstlerischer Rahmen um Texte zimmern, deren Provokation häufig schon ihr eigener Inhalt ist. Provokation ist eine Methode, kein Ergebnis. Wenn nach dem Tabubruch nichts mehr kommt, bleibt letztlich nur der Tabubruch selbst. Und der bleibt auch in Krakau.
Genau hier liegt auch das musikalische Problem von "Live In Krakow". Nimmt man der Provokation ihre gesellschaftliche Sprengkraft, bleibt ziemlich wenig übrig. Die Songs benötigen die Inszenierung, das Ekelhafte, den kostümierten Körper, das Bühnenbild und damit genau jene Elemente, die ein Live-Album auf Tonträger nicht reproduzieren kann.
Auf "Golden Shower" etwa ist zwar Publikum zu hören, die musikalische Performance wirkt allerdings derart glattpoliert und nachbearbeitet, dass vom vermeintlich rohen Live-Moment kaum etwas übrig bleibt. Gerade ein Musiker, dessen Wirkung so stark auf körperlicher Präsenz und visueller Überwältigung beruht, müsste auf einem Live-Album eigentlich beweisen, dass seine Songs auch ohne Feuer, Kostüm und Videowände funktionieren. Stattdessen klingt vieles, als hätte man die Studioversionen lediglich mit etwas Publikumsrauschen versehen. Wo ein gutes Live-Album kleine Ungenauigkeiten, spontane Reaktionen und das Wechselspiel zwischen Musiker und Publikum in Energie verwandelt, scheint "Live In Krakow" vor allem darum bemüht, jede Unsauberkeit loszuwerden.
"Tanzlehrerin" setzt der textlichen Unbeholfenheit auf dem Album schließlich die Krone auf. Man fragt sich weniger, was Lindemann mit diesen Zeilen sagen möchte, als vielmehr, warum er sie überhaupt noch sagen muss. Die vermeintliche Grenzüberschreitung wirkt hier nicht mehr wie eine künstlerische Zumutung, sondern wie ein krankhafter Automatismus.
Songwriting und Mixtechnik halten bei "Knebel", "Übers Meer" und "Blut" immerhin ein gewisses Niveau. Hier blitzt gelegentlich auf, dass Lindemann durchaus in der Lage ist, Atmosphäre, Melodie und Härte miteinander zu verbinden. Gerade deshalb fällt der Rest umso stärker ab. Denn der Großteil des Albums klingt entweder so nah an den Studioversionen, dass sich die Existenz dieses Live-Albums kaum rechtfertigen lässt, oder wird derart brachial vorgetragen, dass der eigentliche Kern der Songs unter der eigenen Inszenierung verschwindet. Denn das vielleicht größte Missverständnis von Lindemanns Musik besteht darin, Härte mit Tiefe zu verwechseln. Ein Song wird nicht automatisch rebellisch, weil er über Sex, Gewalt oder Körperflüssigkeiten spricht. Manchmal ist er einfach nur laut, anstößig und sehr teuer produziert.
Auch abseits der Musik setzt Lindemann gerne noch einen drauf. Früher lief zum Abschluss seiner Konzerte ein pornografischer Einspieler mit dem Sänger selbst. Bei "Live In Krakow" gibt es stattdessen Vinyl-Ausgaben mit Bildmotiven, die laut Produktbeschreibung mit seinem eigenen Blut angefertigt wurden. Den vorläufigen Höhepunkt bilden Schallplatten, in deren Innerem echte Fische konserviert wurden. Die begleitende Erklärung, die verwendeten Fische stammten "von seriösen Anbietern" und seien "nicht eigens für diesen Zweck getötet" worden, ist dabei fast schon unfreiwillig lächerlich. Man möchte sich offenbar unbedingt von der eigenen Geschmacklosigkeit distanzieren, ohne auf die Geschmacklosigkeit verzichten zu wollen. Irgendwann kippt das Verstörende dann eben einfach ins Peinliche.
Wer Provokation derart konsequent kommerzialisiert, muss sich irgendwann die unangenehme Frage gefallen lassen, ob hier überhaupt noch provoziert wird oder längst nur noch ein Produkt zuverlässig ausgeliefert wird. Und sicher: Einige mögen in diesen stupiden Texten Kunst entdecken. Andere werden darin schlicht Stumpfsinn hören. Das Problem ist: "Live In Krakow" liefert kaum Argumente dafür, warum man sich für eine der beiden Positionen entscheiden sollte. Lindemann wollte immer Grenzen verschieben. Auf "Live In Krakow" verschiebt er vor allem die Grenze dessen, was man bereit ist, für eine Live-Aufnahme durchzuhalten.


13 Kommentare mit 14 Antworten
Den Sex-Opa rezensieren, aber nicht die neue Muff Potter.
word!
Wer muss heute eigentlich noch das Oberarschloch T. Lindemann hören?
Qapla'!
Oberarschloch ist das Image, das diese Band so erfolgreich macht
Nein.
Ganz sicher sogar!
"Wer muss heute eigentlich noch das Oberarschloch T. Lindemann hören?"
Ich kenne einige. Alles CDU-Wähler oder evtl. schon AfD, die 30 bis 40 Kilogramm Übergewicht haben und argumentierten, dass man doch wissen müsse, was als einen als Frau erwarte, wenn man zu Lindemann gehe.
Das haben die genau so gesagt. Wenigstens sehe ich die quasi nie.
Es wird akzeptiert, weil dieses Oberarschloch Thema das Image der Band ist! Bei den meisten anderen Künstlern würde man es so nicht akzeptieren
Dem würde ich nicht zustimmen, Puschel. Zumindest nicht in Bezug auf Rammstein. Die leben eher von der teutonischen Härte in Musik, Artikulation, Outfit und Bühnenshow. Tatsächlich bemüht man sich auch um eine Inszenierung als liberal und menschlich, beispielsweise mit Blick auf die Rechte homosexueller Menschen in politisch fragwürdigen Regimen. In Bezug auf den Sex-Opa-Skandal wurde auch deutlich, dass der Rest der Band den Ficki-Ficki-Wertekompass nicht (mehr) teilt.
Wenn du Lindemann als Band meinst, dann schon eher. Hier macht man aus der Not eine Tugend.
Es gibt halt viele kleinere Arschlöcher, die genau solche Schmutzmusik abfeiern.
Funky_Bob: "Dem würde ich nicht zustimmen, Puschel. Zumindest nicht in Bezug auf Rammstein. Die leben eher von der teutonischen Härte in Musik, Artikulation, Outfit und Bühnenshow"
Würde ich persönlich widersprechen und ja, es gibt auch Beweise dafür. Zumindest wenn man die Aussage einer KI als Beweis akzeptiert:
"Ja, das „Arschloch-Image“ bzw. die gezielte Provokation ist für eine Band wie Rammstein kommerziell extrem wichtig und ein tragendes Fundament ihres Erfolgs. Dieses Image funktioniert als kalkulierte Marketingstrategie, die eine emotionale Bindung zur Fangemeinde aufbaut und gleichzeitig für maximale Medienpräsenz sorgt.
Die kommerzielle Bedeutung dieses Images lässt sich in folgende Kernbereiche unterteilen:
Warum die Provokation den kommerziellen Erfolg treibt
• Gratis-PR durch den „Streisand-Effekt“
• Stärkung der Fan-Loyalität („Wir gegen die Anderen“)
• Abgrenzung als Alleinstellungsmerkmal (USP)
• Kompensation von Radio-Boykotts"
Ich denke eher, es ist Guerilla-Marketing.
Ist das auf dem Cover die Row Zero?
"Wo er dort noch mit halbwegs abstrakten Lyrics arbeitet und seine Stimme auf Stadiongröhlerei zuspitzt, wird es im Soloprogramm sehr schnell sehr explizit."
"Pussy", "Sex", "Dicke Titten"? So halbwegs abstrakt war das auch nicht unbedingt. Ansonsten ungehört 1/5.
"Pussy" kann man diesbezüglich in der Nachbetrachtung als geöffnetes Höllentor bezeichnen. Als damaliger Fan war ich irritiert über den plumpen Text und danach fing ja erst seine Solo-Karriere an, die sich dann auch immer mehr in den Lyrics der Hauptband niederschlug.
Vor "Pussy" waren seine Texte selten bis gar nicht so explizit und plump.
Protomartyr Rezi jetzt. Lindemann soll sich selber .....
Warum? Damit du weißt, ob du das Album gut finden darfst?
Die Scham muss definitiv die Seiten wechseln! Der Sex-Opa ist ein Widerling, den kein Mensch braucht.