laut.de-Kritik
Schweizer Präzisionsarbeit im fünften Band-Jahrzehnt.
Review von Alexander CordasEs wird kühler in Mitteleuropa. Da kommen Yello genau rechtzeitig, um uns die Ohren zu wärmen. "Around The Sun", der Opener von "Time Lab" klingt schon mal sehr nach Sonne und gepflegtem Chillen, ein fluffiger Offbeat, über den Dieter Meier seine Zeilen mitunter fast schon schreit. Seine Stimme klingt überraschend jugendlich. Kein Wunder: Die Aufnahmen stammen aus den Sessions zum Album "Claro Que Si" von 1981. Dem Überbleibsel von damals verpasste Boris Blank eine leichtfüßige instrumentale Frischzellenkur, die modern und gleichzeitig zeitlos anmutet. Der Clip zur ersten Single führt dieses Konzept fort und verwurstet alte Aufnahmen der beiden.
Wie es bei Blank Standard ist, spielen Yello einmal mehr im Hi End-Bereich mit, wenn es um fein ausproduzierte Sounds geht. Über Kopfhörer darf der Regler gerne auf der elf verharren, das pumpt und zwirbelt formidabel vor sich hin. Alles klingt raumausfüllend, aber nicht überladen.
In "Break Out", einer Motivationshymne an sich selbst, glänzt Meier wieder einmal als Meister des rhythmischen Sprechsingens, den exaltierten Lacher in der Mitte des Songs sollte er sich dringend patentieren lassen. Die augenzwinkernde Agenten-Atmo passt hervorragend zu Dieters Stimmlage, wenn er den eidgenössischen Grüßli-Bär mimt.
Das Kramen in der eigenen Vergangenheit fördert Perlen wie das herrlich quatschige "Unbelievable" zutage. Der Text, so man ihn denn als solchen bezeichnen mag, erinnert frappierend an "Oh Yeah". Damals hieß es noch: "The moon ... beautiful. The sun... even more beautiful". Anno 2026 macht Meier daraus "I've been in this business for ten years. Just unbelievable. The story is quite complicated. Just unbelievable". Unglaublich!
Bei drei Songs stehen zwei im Yello-Kosmos altbekannte Sängerinnen am Mikrofon. Heidi Happy veredelt den Schönklang von "You And Me" und "Beautiful You". Speziell Letzteres glänzt neben dem atmosphärischen Instrumental mit einem traurig-schönen Text. Malia verleiht dem bar-jazzigen "Dancing Flame" eine rauchig-verruchte Note.
In "About Time" rechnet Meier über pluckernde Sounds anklagend mit unserer Spezies ab: "The biggest disaster in the history of our species is our species". Musikalisch passiert hier nicht allzu viel. Aber wenn man schon die Leviten gelesen bekommt, dann bitte so. "Spin Back" ist ein Remake von "Spinning My Mind vom 2000er-Album "Point" in quietschbuntem Synthpop. Nett, aber mehr auch nicht.
Gegen Ende franst das Album etwas aus. Das Instrumental "China Blue" und das von Blank selbst intonierte "Burning Dreams" kann man sich getrost sparen, das Uptempo in "Midnight Traffic" zitiert stilistisch gekonnt altbekannte "Bostich"-Vibes, speziell die Gitarre passt wie Arsch auf Eimer. Ein letztes Highlight in einem Album, das zeigt, dass Boris Blank und Dieter Meier noch lange nicht zum alten Eisen gehören.


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