laut.de-Kritik
Auf der Suche nach echter Butter.
Review von Philipp Kause"Es ist ein Irrtum, dass sich mit Songtexten mehr Leute identifizieren, ja allgemeiner sie sind. Sondern je detaillierter ich etwas Konkretes beschreibe, umso mehr Menschen finden sich darin wieder", erläuterte mir eine Künstlerin auf dem Reeperbahn-Festival im September. Wolfgang Petry fände diese Ansicht wahrscheinlich auch genau so neumodisches Zeugs, wie er es in seinem neuen Song "Zehn Mark" beklagt. Und dieser ist auch der spezifischste, detaillierteste seines Quasi-Konzeptalbums "Ein Leben Lang".
Früher sei alles besser gewesen, larmoyiert der Kölner, löst aber meine Befürchtung nicht ein, ein Loblied auf die D-Mark zu trällern und zu ihr zurück zu wollen. Dafür betrauert er die heutige ständige Erreichbarkeit, die vielen Apps für jeden Furz. Auch bemängelt Petry, mit einem vollen Kopf aufzuwachen, der schon morgens lauter Pflichten aufliste. Hingegen habe er den früher noch frei gehabt und entsprechend das Gefühl von Freiheit verspürt - eine interessante Selbstbeobachtung. Er mag Recht haben, dass sich generell mehr Menschen selber unter Druck setzen und man in der früher-besser-Zeit, auf die er referiert, mehr mit den Gedanken bei einer bestimmten Aufgabe war und nicht bei allem gleichzeitig.
Wo Wolle dann ein wenig zu vorhersehbar wird, ist bei seiner Verächtlichmachung veganer Supermarktangebote. Es missfalle ihm, dass er nicht auf Anhieb echte Butter finde. Damit werden sich so manche Verfechter einer prä-woken Welt schon aus Trotz identifizieren. "Zehn Mark" hat einen eruptiven Chorus und flapsige Wortwahl, sowieso ein Petry-Trademark: "Was is das für n Scheiß, ich werd hier noch verrückt, ich will meine alte Welt zurück." - Eine Spur reaktionär, auch ein bisschen schwelgerisch, arbeitet sich der Tune durch die Bubble der selektiven Erinnerungen: "Früher brauchten wir zum Glücklichsein nur Sonne im Gesicht." - Andererseits benutzt der 75-Jährige ausgerechnet hier einen Auto-Tune-Effekt auf der Stimme.
Ihm ist zugute zu halten, dass er auch mit Allgemeinplätzen den Nerv der Massen trifft. Manche Textstellen sehen so aus, als ob er sie dieses Mal extra gehortet habe, um sie selbstironisch an mehrzeiligen Ketten aufzureihen und dabei manches Idiom zu brechen und zu persiflieren. Bei Petry, der meist selbst textet (teils zusammen mit Hit-Lieferantin Mary Susan Applegate), ist es also unerheblich, wie exakt er ein Szenario aus seinem Alltag beschreibt oder wie wolkig und pauschal er drum herum formuliert. Er erzielt immer dieselbe Wirkung. Sein Publikum liebt ihn für seine Street Credibility, seine Nahbarkeit, dafür, dass er nichts Besonderes sein will und mit seinen Liedern kongruent wirkt.
Hinsichtlich der Abmischung ist das übrigens gerade dieses Mal eher nicht der Fall. Der anonyme Sound seines Session-Gitarristen Dennis Kleimann, der sich zum Beispiel in "6:29 Uhr" unter hartnäckigem Verzicht auf Drums mit Plucker-Beats aus der Maschine mischt, dieser ganze 'schlagereske' Rock-Pop-Brei wölbt sich an so mancher Stelle unverbunden neben den Vocals.
Bevor der geblähte Brei in alle Richtungen spritzt, findet Ko-Producer Sebastian Simmich immer noch rechtzeitig den Exit. Simmich hat Erfahrung mit Jürgen Drews, Nighthawks, Haddaway, Whigfield, also auch Dance und Chill-Nu Jazz. Mit Wolle werkelt er schon lang. Die "Leben Lang"-Tracks sind kompakt, alle um die drei oder auf jeden Fall unter vier Minuten. Im Falle von "Das Kann Uns Keiner" macht sich zwar deutlich zu sehr Routine breit, und die Fremdkomposition "Alles Gelebt" tropft klebrig mit künstlichem Akkordeon-Gewabbel aus dem Rahmen. Aber meistens haben die neuen Songs schon Substanz. Der beste heißt "Wegen Dir" und verknüpft eine smarte Melodie mit einer Smash-Hookline, "Wegen dir sterb ich jede Nacht".
Die Stücke rekurrieren unscharf und ungefähr auf Stationen eines Lebens, sozusagen Lebenslinien. Es geht um die Unzertrennlichkeit von einer Partnerin, um den Schulabschluss der Kinder, um Abzweigungen im Erwachsenwerden, als auch eine Karriere als Sportler eine Option schien. Als besonderen Tribut an seine eigene Sozialisation platziert "Wolle", der auch einfach ein Lied so nennt, am Ende einen Track auf Kölsch. "Mr Bruche Keiner" vermählt 80er Arrangements mit BAP-Dialekt: "Die Zick sök sich immer ihre eijeene Wääch."
Dieses unaufdringlich nostalgische Stück enthält eine Schlüsselzeile, die das Erfolgsrezept des optimalen Holzfällerhemd-Models zusammen fasst: "Mr bruche keine Minsch / de uns sät un uns zeig / wo et lang jeit. / Mr drage unsren Dreck noch selver bes för de Dür." - Wir sind erwachsene Leute, und wir schaffen es sogar selber unseren Müll vor die Tür zu bringen - will sagen: 'Lasst euch nicht veräppeln!' Diese Haltung passt zur Ablehnung der Apps für jedes Lebens-Detail in "Zehn Mark". Beides hätte durchaus ganz gut am Anfang des Albums Sinn ergeben, aber dazu ist der Dialekt-Song wohl zu sehr als Bonus-Track gedacht (gleichwohl zweitbestes Stück), und "Zehn Mark" zwar unterhaltsam, aber zu polarisierend.
Statt dessen steigt "Morgen Gold" mit einer Auflistung diverser Schwachstellen in den Longplayer ein: Nachlassende körperliche Fitness, Rückenschmerzen. Falten relativiert der Song als als Zeichen von "Geschichten, und fast jede gewollt". In Summe soll der Blick zurück positiv gestimmt sein: Hätte Wolle (oder sein lyrisches Ich) seine gesammelte Lebenserfahrung, Stand heute, schon mit 20 gehabt, würde er doch nichts anders gemacht haben wollen. Das ist eine steile These, denn wer kann das schon von sich behaupten? Viele würden wohl mit 21 schon die Entscheidungen gern revidieren, die sie mit 20 trafen. Wobei die mit 20 hier wohl die Mama vorgab, wie der Track "Wolle" suggeriert. Zu Schnalz-Beats mit trockener typischer Deutsch-Rock-Schrimmel-Schrammel-Begleitung keimt im Graugelockten die "Morgen Gold"-Bilanz: "Doch ich will nicht klagen, hatte Spaß, und mir geht's gut." Und der überträgt sich.
Im Schlager-Milieu gibt's nicht nur für alles ein Happy-End, sondern es gilt (unausgesprochen) auch das Axiom des Autobiographischen, sofern nicht explizit etwas anderes drauf steht. Begleitend zu "Weiter Immer Weiter ft. Achim + Giorgio Petry" betont der Songwriter, diese Nummer mit Sohn und Enkel sei eine rein "fiktive Story". Wobei es sich vor allem um Anfeuerungsrufe ohne Storytelling handelt. Der Nachwuchs betont, hier die Bodenständigkeit unter Beweis stellen zu wollen, die für den Opa so typisch sei.
Beim Switchen zwischen den Generationen streift der Rheinländer Petry in seinen Erinnerungen auch den Mauerbau, von dem er als Kind manches mitbekam. Das innehaltende "Die Alten Lieder" erzählt jetzt davon, in fiktivem Zusammenhang, referiert aber zugleich auf den Klassiker "Mein Zuhaus". Mit diesem in der DDR 1980 heimlich aufgelegten Stück sang sich der Kölner in die Herzen der Deutschen hinterm Eisernen Vorhang. Es ist eben eines jener alten Lieder von ihm, die in seiner Laufbahn einen Einschnitt bedeuteten. "Die Alten Lieder" ist ein schönes, angenehm nachdenkliches Lied, das nicht auf den schnellen Effekt setzt, sondern die Zeit anhält, mit reichlich universellen Worten: "Was ist aus uns geworden, aus unserer großen Zeit? Ziellos immer weiter - just like a rolling stone. / Wir bauen neue Brücken und schweigen viel zu oft und zu viel - just like a rolling stone." - 50 Jahre nach seinem Bühnen-Einstand hat der gelernte Mechaniker uns also immer noch etwas zu sagen.


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