laut.de-Kritik
Mehr Spektakel als Konzert.
Review von Emil Dröll"Unshatter Film Soundtrack (Live In Sao Paulo)" nennt sich das Livealbum zum gleichnamigen Linkin Park-Dokumentarfilm. Das Album funktioniert allerdings auch unabhängig davon als das, was es sein möchte: die möglichst vollständige Wiedergabe eines Linkin Park-Konzerts, beziehungsweise in diesem Fall zweier Konzertabende.
Los geht es mit "Inception / Intro". Bedeutungsschwangere Sounds bauen sich auf, das Publikum ist deutlich zu hören, dazu tauchen gepitchte Fetzen von "Castle Of Glass" und "Numb" auf. Schon hier wird klar, wohin die Reise geht: Linkin Park wollen nicht einfach ein Konzert dokumentieren. Sie wollen eine audiovisuelle Großveranstaltung reproduzieren, in der offenbar jeder Übergang, jeder Kameraschnitt und jeder Effekt seinen exakt vorgesehenen Platz hat.
Zweimal habe ich Linkin Park mit Emily Armstrong inzwischen live gesehen: einmal im Stadion, einmal am Ring. Zweimal hatte ich dabei das Gefühl, weniger einem Konzert als der Aufführung eines maximal durchkomponierten Produkts beizuwohnen. Interludes, Visual Effects, Backingtracks und exakt getaktete Kamerafahrten lassen kaum Platz für das, was einen Konzertabend eigentlich interessant macht: das Unberechenbare.
Natürlich waren Linkin Park nie eine Garagenband, die zufällig irgendwann in Stadien gelandet ist. Aber selbst auf ihren größten Bühnen haftete der Band lange etwas Unmittelbares an. Rund um "Hybrid Theory" und "Meteora" klang vieles dreckig und übersteuert, und genau darin lag ein Teil des Reizes. Heute ist von dieser letzten Spur Chaos ziemlich wenig übrig. Wer Linkin Park inzwischen live sieht, bekommt ein durchgetaktetes Spektakel, bei dem offenbar selbst die vermeintlich spontanen Momente choreografiert werden. Dazu gehört auch die inzwischen offenbar weit verbreitete Krankheit, Bandmitglieder unter möglichst zufälligen visuellen Effekten auf den Leinwänden zu zeigen. Nein, ich muss wirklich nicht wissen, wie Emily Armstrong durch eine Thermalkamera aussieht.
Auf "Somewhere I Belong" gewinnen dann doch die positiven Eindrücke, vor allem darf man das Publikum ausdrücklich loben. Es ist häufig und deutlich zu hören, und überhaupt entsteht über weite Strecken der Eindruck, dass hier tatsächlich Menschen vor einer Bühne stehen. Die Kamerafahrten sind durchaus kreativ und unterstreichen gleichzeitig die eigentliche Schwäche der Show: Alles wirkt etwas farblos, kühl und kontrolliert. Vor allem die größten Momente scheinen bereits aus der Perspektive des späteren Films gedacht zu sein.
Gesanglich gibt es dagegen wenig zu meckern. Emily Armstrong macht einen hervorragenden Job. Sie versucht gar nicht erst, Chester Bennington möglichst detailgetreu zu imitieren, sondern verleiht den alten Songs eine eigene Färbung. Gerade deshalb funktionieren viele der alten Stücke besser, als man nach der Ankündigung einer neuen Sängerin hätte erwarten können.
Bei "The Emptiness Machine" zeigt sich, dass auch das neue Material längst seinen Platz im Livekosmos gefunden hat. Das Publikum ist erstaunlich textsicher, Mike Shinoda wird von einem Chor begleitet, bevor eine Wand aus Instrumenten über den Song hereinbricht. Und genau hier liegt die große Stärke und Schwäche dieser Aufnahme zugleich. In den leisen Momenten ist das Livealbum großes Kino. Wenn Armstrong und Shinoda Raum bekommen, wenn das Publikum übernehmen darf, funktioniert die Aufnahme hervorragend. Sobald Linkin Park allerdings die große Soundwand auffahren, beginnt die Produktion ihre eigenen Muskeln zu zeigen. Gitarren, Schlagzeug, Samples, Backingtracks und Gesang werden derart dicht übereinandergelegt, dass kaum noch einzelne Instrumente voneinander zu unterscheiden sind.
Das ist nicht unbedingt schlechter Sound. Es ist nur kein Live-Sound. "Creation / Interlude" braucht dann wirklich niemand. "The Catalyst" schon eher. Shinoda und Armstrong tragen das Intro Hand in Hand, bevor endlich auch das Schlagzeug etwas mehr vom eigentlichen Livecharakter abbekommt. Der "A Thousand Suns"-Charakter wird hier hervorragend eingefangen: atmosphärisch und düster, ohne sich ausschließlich über Lautstärke definieren zu müssen.
"Waiting For The End" gehört anschließend zu den stärkeren Momenten. Der Backingtrack klingt zwar praktisch identisch zur Studioversion, aber geschenkt. Armstrongs klare Stimme setzt einen schönen Kontrast zu Shinodas Part und gibt dem Song eine andere Farbe, ohne ihn seiner Identität zu berauben. Genau so darf eine Neuinterpretation funktionieren. Damit es nicht zu gefühlsduselig wird, kommt mit "Casualty" direkt die Keule. Der Bass klingt laut durch, die Instrumente bekommen mehr Raum und plötzlich klingt Linkin Park tatsächlich wieder wie eine Band und nicht wie die Begleitmusik einer gigantischen Multimediaproduktion.
Der Aushängehit von "From Zero" fehlt natürlich ebenfalls nicht. "Two Faced" kommt deshalb umso überraschender etwas lasch daher. Gerade hier hätte ein dreckigerer Livesound geholfen. Die Gitarre verschwindet im Mix teilweise regelrecht hinter dem Rest, obwohl gerade sie dem Song seine notwendige Bissigkeit verleihen könnte. Ein Track, der auf Platte von seinem Vorwärtsdrang lebt, wird hier von seiner eigenen Produktion ausgebremst.
Ein nervtötendes "Break Collapse / Interlude" später folgt eine gekürzte Balladenversion des 2023 posthum veröffentlichten "Lost". Zweifellos der Bennington-Moment des Abends. Das ist nicht sehr subtil, aber es muss es auch nicht sein. Der Song funktioniert gerade deshalb, weil das Publikum die emotionale Bedeutung längst mitbringt.
"What I've Done" musste leider schon einmal für einen Filmsoundtrack herhalten, hier funktioniert er trotzdem hervorragend und erweist sich erwartungsgemäß als Publikumsliebling. Auf der Leinwand ist jede Menge Freude zu sehen, nicht zuletzt bei Mike Shinoda, der stellenweise durch ein Honigkuchenpferd ersetzt wird. Auch musikalisch gehört der Track zu den besseren Momenten: Armstrong passt hervorragend zum Song und endlich bekommt die Gitarre den Raum, den sie verdient.
Über "Leave Out All The Rest" in der Setlist lässt sich sicher streiten. Positiv heraus sticht dagegen "Over Each Other". "Numb" bedient sich zunächst beim "Numb / Encore"-Intro. Nach einem kurzen Publikumssolo übernimmt Armstrong, während die Hooks weiterhin weitgehend von den Zuschauern getragen werden. Eine undankbare Aufgabe: "Numb" gehört zu den Songs, die untrennbar mit Benningtons Stimme verbunden sind. Armstrong versucht gar nicht erst, diesen Schatten zu besiegen, sondern singt den Song auf ihre Weise. Das ist die richtige Entscheidung.
Direkt im Anschluss kommt mit "In The End" der zweite Promi. Das Publikum ist hier fast durchgehend zu hören und macht den Song zu einem der Höhepunkte des Albums. Schade nur, dass der Backingtrack erneut so steril klingt, als hätte man ihn erst gestern im Studio zusammengebaut. Dasselbe Problem hat "Faint". Eigentlich gehört der Song zu den energetischsten Nummern der Diskografie. Hier wirkt er erstaunlich lasch. Nicht, weil es an Lautstärke mangelt, davon gibt es mehr als genug, sondern weil alles gleichzeitig passiert. Gitarren, Schlagzeug, Samples, Gesang und Backingtracks verschmelzen zu einer einzigen Klangwand. Es bebt nicht zu wenig. Es bebt einfach überall gleichzeitig.
Nach einem weiteren "Resolution / Intro" folgt "Papercut". Gerade bei den frühen Nu Metal-Stücken scheint besonders kräftig am Klang geschraubt worden zu sein. Über Kopfhörer klingt auch dieser Track stellenweise weniger wie eine Liveaufnahme als wie eine im Studio produzierte Musikspur, der man nachträglich ein Publikum spendiert hat. Technisch vielleicht beeindruckend, als Live-Dokument allerdings kontraproduktiv.
Ein starkes "Heavy Is The Crown" und ein noch stärkeres "Bleed It Out" bilden schließlich den Abschluss. Letzteres funktioniert genau so, wie Linkin Park live funktionieren sollten: Das Publikum übernimmt, die Band treibt, und für ein paar Minuten ist die gesamte visuelle Überkonstruktion völlig egal. Es gibt nur noch einen Song und mehrere tausend Menschen, die ihn gemeinsam brüllen.
Vielleicht ist das überhaupt das Problem von "Unshatter (Live In Sao Paulo)": Linkin Park brauchen diese ganze Maschinerie eigentlich gar nicht.
Emily Armstrong macht einen hervorragenden Job. Sie versucht nicht, Bennington zu imitieren, sondern gibt den alten Songs eine eigene Gegenwart. Auch die neuen Stücke funktionieren live erstaunlich gut. Wer weiterhin behauptet, Linkin Park seien mit Armstrong lediglich eine Coverband ihrer eigenen Vergangenheit, wird mit diesem Album ohnehin nichts anfangen können. Wer sich darauf einlässt, bekommt hervorragendes "From Zero"-Material und einige bemerkenswert gelungene Neuinterpretationen der alten Songs.
Die Schwäche liegt vielmehr in der Art, wie dieses Konzert eingefangen wird. Die härteren Stücke leiden unter einer maßlosen Geräuschverdichtung, während die Produktion gleichzeitig versucht, jeden einzelnen Moment möglichst perfekt aussehen und klingen zu lassen. Das Ergebnis ist paradox: Je größer Linkin Park auf dieser Bühne werden, desto weniger lebendig klingt ihre Musik.
Dabei spürt man durchaus, was diesen Abend besonders gemacht haben muss. Man merkt, dass in Sao Paulo Menschen standen, die zehn Jahre auf diesen Moment gewartet haben. Man hört die Begeisterung des Publikums. Und man sieht, dass die Band selbst verdammt viel Spaß daran hat, wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Nur vertraut die Inszenierung diesem Gefühl nicht. Sie muss jeden Übergang erklären und jeden Moment bebildern. Ausgerechnet eine Band, deren frühe Musik von ihrer Rohheit lebte, hat damit ein Livealbum geschaffen, das manchmal viel zu wenig nach einem Livealbum klingt.


3 Kommentare mit 8 Antworten
positiv hervorzuheben: Die Gitarrensoli von Alex Feder gehen in eine Richtung, in die es gerne in Zukunft weitergehen kann. Negativ: Während der Sao Paolo-Konzerte haben sie eine Akustik-Version von My December gespielt, die wirklich herausgestochen hat. Unerklärlich, warum die Version es nicht auf die Platte geschafft hat. (kommt sie vielleicht noch in irgendeiner Deluxe-Version?) Ob sie Lying From You in Sao Paolo gespielt haben, weiß ich nicht, aber den hätte ich gerne mal in der Live-Version mit Emily auf Platte gehabt.
@Layne
Selbiges dachte ich auch, insbs. "Lying From You" / "With You" fehlen einfach. "Leave Out All The Rest" ist mMn. einer der stärksten/überraschendsten Songs hier live, da denke ich, ist die Rezi etwas zu hart. Ansonsten einfach eher leichte Kost, aber jetzt zu erwarten, dass ein RaR 01/04 - Moment draus wird, fände ich auch zu hoch angesetzt, wobei RaR dieses Jahr schon durchaus etwas wilde Momente hatte, wenn auch eher spärlich, aber immerhin (vor allem der Beginn). Gibt's übrigens kostenlos bei magentamusik, wer Bock drauf hat.
3/5 Sehe ich aber letztendlich genau so, wobei ich die Interludes gar nicht so als Schwachpunkt empfinde, sondern eher, dass die Setlist einfach etwas zu kurz geraten ist in der VÖ.
""Lying From You" / "With You" fehlen einfach"
Die hatten das aufgenommen, konnten es aber nicht verwenden, weil das Gekreische der 14- und 40-jährigen Fanbase zu sehr auf die Overheads gebleedet hat.
Für viele Menschen sind diese Songs ein Zeugnis darüber, dass sie ihre schlimmste Phase als junge Menschen überwunden haben und vielleicht gar nicht mehr damit rechneten, überhaupt 40 zu werden oder knapp darüber, wenn du verstehst?
Ich finde deine Posts in letzter Zeit sehr despektierlich, auch das, was du mit Puschel machst, bewegt sich knapp an der Grenze des Fragwürdigen. Wie hält man es überhaupt aus, so nüchtern ständig zu sein? Wird das nicht irgendwann langweilig? Ich finde es jedenfalls klasse, mich zurückzuerinnern, wer ich mal war und wer ich jetzt immer noch bin. Die Zeit bekommt man nie wieder.
Das was der Puschel tut, überschreitet sogar die Grenze des Fragwürdigen, nämlich zu versuchen, reaktionär-postfaktische Rhetorik hier salonfähig zu machen und seine Meddl-Top 3 nicht zu teilen
Naja, das übliche Markt-Geschwafel gehört doch einfach zum Leben dazu. Da wo gehobelt wird, fallen Späne. Es ist doch auch schön, die Fakten mal bei Seite zu lassen und seiner Subjektivität etwas Raum zu geben. Aber schön, dass du wenigstens alle anderen Punkte anerkannt hast. Stell dir einen Marktplatz vor, in dem sich Menschen treffen, die nur über faktisches Wetter sprechen, wie z.B.: "Heute soll es Sonne-Wolken-Regen-Mix geben." Andere Person: "Nun, das ist nicht reichlich belegt, es könnte auch gewittern, das halte ich nicht für ausgeschlossen." Wenn dann so ein Puschel-Reiter daher kommt und mal alles aufmischt und sich alle fragen, was macht der denn mit den Orangen da!?
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Lahmer Dad Rock für Mittelstand Wichser.. Kann man gut hören als nerdiger Allman beim Hecken schneiden.
Platz 1 in den Laut.de Jahrescharts als schlechteste Ragism Parodie dürfte Dir sicher sein.
Nein, nein, den Preis möchte ich haben...:
"Linkin Park und das Mädel sind echt das Allerletzte."
So, ich räum schon mal die Vitrine frei
"Kann man gut hören als nerdiger Allman beim Laubbläsern" würde als Witz wenigstens auf der akustischen Ebene funktionieren
. Ansonsten ist "Dad Rock" als Schmähbegriff inzwischen auch so verbrannt, dass man ihn geradezu als Dad-Diss bezeichnen könnte.