laut.de-Kritik
Nu Metal auf dem Pop-Thron.
Review von Emil Dröll2003: Nu Metal wirkt nicht mehr wie Aufbruch, sondern wie Durchhalteparole. Limp Bizkit verwalten ihr Image, das Genre zitiert sich bereits selbst. Ausgerechnet in diesem Moment veröffentlichen Linkin Park mit "Meteora" ein Album, das nicht nach Rettung klingt, sondern nach Finalisierung. Es gibt Platten, die reifen mit der Zeit. Und es gibt Platten, die treffen sofort. "Meteora" gehört zur zweiten Sorte. Kein stilistischer Bruch, keine Neuausrichtung, keine Flucht nach vorn. Stattdessen: Zuspitzung.
Bereits das Debüt "Hybrid Theory" war Monument und Bauplan zugleich. Aggression und Pop-Appeal, Radio und Rap, Metal-Riffs und Turntables, alles in eine Form gepresst, die plötzlich massentauglich wird, ohne ihre Schärfe zu verlieren. Das Album war nicht nur Teil eines Genres, sondern verschob auch dessen Koordinaten.
Wo "Hybrid Theory" noch jugendlich-unbekümmert explodierte, wirkt der Nachfolger wie eine kontrollierte Detonation. Die Songs sind kürzer, dichter, funktionaler. Kaum instrumentale Umwege, keine ausufernden Bridges. Jede Hook sitzt. Jeder Ausbruch ist vorbereitet. Chester Bennington schreit hier nicht einfach. Er implodiert nach außen. Spätere Songs wie "Given Up" sollten diese Dynamik ins Extrem treiben, auf "Meteora" wirkt sie noch unmittelbar, fast verletzlich. Jung, aber nicht naiv.
Der Unterschied zu vielen Zeitgenossen ist entscheidend. Korn kultivieren Trauma roh, oft ohne Distanz. Limp Bizkit setzen auf Überzeichnung und Ironie, Wut als Showelement. Linkin Park hingegen strukturieren Emotion. Das Rezept: Intensität entsteht nicht aus Lautstärke, sondern aus Kontrast.
Das zeigt sich bereits im Opener-Doppel. "Foreword" baut Spannung ohne Worte auf, steigert sich, kippt nahtlos in "Don't Stay". Riffs greifen ineinander, Beats setzen präzise Akzente. "Sometimes I need to remember just to breathe", ruhig, beinahe drohend gesungen. Der Ausbruch kommt verzögert. Genau deshalb wirkt er.
"Somewhere I Belong" formuliert den Kern des Albums: Identitätssuche ohne Lösung, Selbstzweifel ohne Pathosüberschuss. Der häufige Vorwurf, Linkin Park hätten bloß Teenager-Themen bedient, verkennt die Reduktion als Stärke. Hier geht es nicht um Generationenmarketing, sondern um universelle Zustände: Entfremdung, Druck, innere Leere. Benningtons Gesang und Shinodas Rap sind keine Gegensätze, sie ergänzen sich als zwei Perspektiven desselben Konflikts.
Dass die Band Pop beherrscht, zeigen sie ohne Anbiedern. "Lying From You" prescht mit brachialem Riff nach vorne, komprimiert Aggression auf knapp drei Minuten. "Faint" liefert eines der ikonischsten Intros der Bandgeschichte: Streicher-Sample, Druck, Eskalation. "Figure.09" treibt das Wechselspiel aus Rap, Riff und Schrei an die Grenze.
Radiotauglichkeit wird hier nicht zur Beleidigung. "Easier To Run" nutzt Pathos nicht als Kalkül, sondern als Ventil, und mit "Breaking The Habit" öffnet sich erstmals ein anderes Fenster: kein Rap, kaum Gitarrenwucht, sondern ein nach innen gerichteter Hilfeschrei. "Numb" destilliert dieses Gefühl zur universellen Hymne, reduziert, eingängig, monumental. Ein Song, der nicht nur den Bandkatalog, sondern das kollektive Popgedächtnis prägt.
Auch die weniger offensichtlichen Momente tragen zur Geschlossenheit bei. "From The Inside" kombiniert ruhige Strophen mit eruptivem Refrain, "Nobody's Listening" spielt mit Hip Hop-Elementen und Flöten-Samples, "Session" setzt als Instrumental einen atmosphärischen Akzent, ehe "Numb" alles abräumt.
Live entfaltet dieses Material zusätzliche Wucht. Auf "Live In Texas" etwa wird deutlich, wie sehr die Songs auf unmittelbare Entladung ausgelegt sind. Kaum eine Band jener Zeit schaffte es so verlässlich, Studiopräzision in eine solche Bühnenenergie zu übersetzen, dass erstere fast schon blass aussah.
Der Bruch danach ist bekannt. "Minutes To Midnight" löst sich vom Nu Metal-Korsett, wird politischer, offener, weniger komprimiert. "A Thousand Suns" denkt diesen Schritt experimentell weiter. Spätere Werke suchen neue Identitäten, mal überzeugend, mal weniger. Doch keines erreicht erneut diese Hitdichte, diese Geschlossenheit.
Gerade deshalb steht "Meteora" heute so klar im Katalog. Es ist nicht das mutigste Album der Band. Aber das geschlossenste. Der Fixpunkt zwischen jugendlicher Explosion und späterem Experiment. "Meteora" wusste um seine Zeitgebundenheit und überdauerte gerade deshalb. Die Ästhetik atmet frühe 2000er, doch die Zustände, die sie beschreibt, bleiben universell: Entfremdung. Selbstzweifel. Innere Blockade. Das Album alterte nicht, weil es modern blieb, sondern weil es ehrlich war.
Es lebt auch nicht vom Mythos eines tragischen Endes. Es lebt davon, einen Zeitgeist präzise eingefangen zu haben und ihn zugleich zu transzendieren. Rap, Metal, Pop. Teenager wie Erwachsene. Manchmal reicht es, wenn ein Album exakt das sagt, was viele fühlen und dafür die richtige Form findet.
"Meteora" ist der Moment, in dem Nu Metal erwachsen wird, ohne seine Narben zu verlieren. Mainstream und dennoch intim. Massenkompatibel und doch wie ein Geheimnis. Stadien füllen sich heute nicht wegen späterer Kapitel. Sie füllen sich, weil "Hybrid Theory" und "Meteora" ein Genre nicht nur geprägt, sondern auf den Punkt gebracht haben. Ein Vermächtnis, das größer ist als jede einzelne Biografie.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


12 Kommentare mit 39 Antworten
Ein fast perfektes Album. Einziges Problem ist, dass sie songs gleich/ähnlich anfangen, so dass es sich es dort ein wenig unspiriert ist. Trotzdem gleichen die Songs dieses Problem sofort aus
5/5
Stimmt, ein Meilenstein. War mein erstes LP-Album, ist und bleibt mit Abstand das beste. Höre ich immer noch gern.
Endlich bekommt dieses Meisterwerk auch hier die nötige Anerkennung! ungehört 1/5, LG
Als jemand, der im Gegensatz zum Rezensenten schon am Leben war, als das Albung rauskam, finde ich's höchst amüsant, dass er da von "Nu Metal wird erwachsen" redet, wenn in Wahrheit der Nu Metal anno 2003 schon lange drüber und auf dem absteigenden Ast war. Das Albung verdeutlicht hingegen perfekt, wie Nu Metal vollkommen mutlos, vorhersehbar und kommerziell angepasst abgetreten ist.
"Live entfaltet dieses Material zusätzliche Wucht. Auf "Live In Texas" etwa wird deutlich, wie sehr die Songs auf unmittelbare Entladung ausgelegt sind"
Ich finde, es wird eher besonders deutlich, wie sehr da offenkundig überdubbt wurde bis zum geht nicht mehr und es absolut nichts mit "live" zu tun hat. Hatte bereits 2004 diesen Beigeschmack.
Ich hatte '04 bereits diese wuchtige Live-DVD und das klang und wirkte vom Soundbild auf mich schon damals irgendwie teils klinisch
Ich mochte, wie das Videomaterial teilweise vollkommen willkürlich zur Soundspur geschnitten wurde. Und die ungefähr 100 cuts pro Minute. Hab den Kauf nie bereut und die ist garantiert nie auf'm Flohmarkt gelandet, ich schwör's
Der gute Flohmarkt. Ja, früher gab's da Schnapper. Heute eher mit dem Feeling einer dubiosen Schwarzmarktfete verbunden mit einem Sammelsurium aus versifften Plüschfiguren, palettenweise Panzerbüchern/Figuren, Samsung S7 Attrappen und Bierflaschen.
Die Live in Texas ist wirklich ein kurioses Stück Irgendwas, aber kein Live-Album
Die Meteora hingegen liebe ich tatsächlich bis heute fast so sehr wie die Hybrid Theory. Sie haben einfach genau so weitergemacht, wie sie angefangen haben und mir kommt es eher wie die zweite Hälfte eines Doppelalbums vor.
Bisschen wie später diese beiden SoaD-Alben, die auch so eine kurze Spieldauer hatten. Mezmerize und Hypnotize oder wie die hießen.
Ich kann mich noch sehr gut an den Monat erinnern, als das Album rauskam. Ich war voller Vorfreude, weil die Hybrid Theory mich komplett weggeblasen hatte. Als ich das Teil dann das erst Mal hörte, war ich sowas von enttäuscht. Die einzigen Songs, die mir gefielen waren "Lying From You" und "Breaking The Habit". Ich dachte echt, das wäre ein Witz, das ist doch kein richtiges Album. Heute mag ich es irgendwie, weil es mich an die Zeit damals erinnert, keine Ahnung, wie das bei euch ist, aber bei mir ist das so, wenn ich ein Albung höre, dann brennen sich die vorherrschenden Gefühle direkt in mich hinein und verschwinden auch nicht mehr, weswegen die "Meteora" eine schöne emotionale & intensive Zeitreise für mich ist, aber rein qualitativ für mich dennoch immer nur die B-Seite des Vorgängers bleiben wird, was man schon daran erkennt, zu glauben, dass man mal "confused" gewesen ist und jetzt eben nicht mehr, keine Weiterentwicklung, sondern nur der Schritt zur nächsten Verwirrung ist.
Herzlichen Glückwunsch für deinen kohärenten Post, Wiesli.
Das ist sehr lieb von Dir. Ich spreche bekanntlich gerne über meine Gefühle. Sie sind mein Standbein.
Meteorismus ist ein oft unterschätztes Problem. Und ich war Linkedin Park schon damals sehr dankbar, dass sie so mutig darauf aufmerksam gemacht haben!
Wurde die alte Review (bilde mir ein, das war eine 3/5) jetzt dafür ersetzt?
Came here for this... Ich mein', es war ne 3/5...
Revisionismus!
3/5 in 2003 sind 5/5 heute
Ich vermute mal, das liegt auch an dem damaligen Jahrhundertsommer. Die Menschen waren zwar froh über ihre Büros, aber die Sehnsucht nach dem Brunnen draußen trübte die Urteilskraft.
Stadien füllen sie, entgegen der Behauptung im letzten Absatz, vor allem wegen "What i've done" und Minutes 2 Midnight. Was, gemessen an der Qualität, auch das deutlich bessere Album war.
Die paar Brecher hier (Somewhere I Belong ist n gutes Stück Musik, keine Frage) trafen halt auf Fünfzehnjährige, das ist von Klima bis Porno immer eine hervorragende Zielgruppe. Aber den Meilenstein haben sie allenfalls als Atempumpe eines röchelnden Genres zustehen.
Das stimmt natürlich. Wenn man älter wird als 15, werden einem sowohl wissenschaftliche Tatsachen als auch der Sexualtrieb zunehmend egaler.
Ein Segen. Die beiden größten Nerven-, Geld- und Zeitfresser.
Ich wundere mich als dass Somewhere I Belong bei vielen als Brecher gilt. Das ist so ziemlich die gelangweilste Darbietung des ganzen Albungs. Bei Breaking the Habit hört man zumindest, dass die Band Bock drauf hatte.