laut.de-Kritik

Die Urbesetzung in Bestform.

Review von

Wenn sich eingefleischte Kiss-Fans in Stammtisch-Diskussionen mit den Live-Highlights aus den Siebzigern beschäftigen, ist das Buffet reich gedeckt. Die legendäre "The Spirit Of '76"-Tour steht bei vielen Anhängern ganz oben auf der Liste. Nach den zähen Anfangstagen klopfte die Band mit der Veröffentlichung ihres Studio-Meilensteins "Destroyer" im Rücken mit Vehemenz an die Tore des Rock-Olymps. Die anschließende Tour zum Album stellte erwartungsgemäß alles bisher Dagewesene in den Schatten.

Am 20. August 1976 erreichte der nicht mehr aufzuhaltende Rock 'n' Roll-Zirkus im kalifornischen Anaheim Stadion seinen vorläufigen Höhepunkt. Knapp 43.000 Fans waren an jenem Abend vor Ort – die bis dato größte Kulisse für die Band. Zum 50. Jahrestag dieser Show lädt der Kabuki-Vierer nun gemeinsam mit "Alive"-Produzent Eddie Kramer alle Kiss-Fans, die damals nicht dabei sein konnten, zu einer Zeitreise ein.

Nach diversen Bootlegs präsentieren sich nun endlich die restaurierten Mehrspuraufnahmen aus dem Hause des Mannes, der neben Manager Bill Aucoin und den Producer-Kollegen Bob Ezrin, Vini Poncia und Kenny Kerner großen Anteil am bahnbrechenden Erfolg der Band in den Siebzigern hatte. Eingefleischte Kiss-Fans hören natürlich ganz genau hin, denn in Bezug auf Live-Veröffentlichungen aus den Siebzigern liegt die Messlatte ziemlich hoch. Mit den beiden "Alive"-Scheiben schrieben Kiss ohne Zweifel Rock-Geschichte.

"Kiss Destroys Anaheim '76" startet mit dem seinerzeit noch taufrischen "Detroit Rock City". Nach der euphorischen Ansage vom Kult-Duo Flo & Eddie schießt auch schon das berühmte Dideldideldideldidel...-Gitarrenriff durch die Boxen. Explosionen folgen und die Crowd ist sofort in Ekstase. Schon nach wenigen Sekunden steht fest: Bezüglich des Sounds schlagen die Kramer-Aufnahmen alle Bootleg-Versionen um Längen. Die Gitarren von Ace und Paul, Peters Drums und der pumpende Bass von Gene: Alles klingt satt und erstaunlich klar. Auch die Vocals lassen keine Wünsche offen.

Ebenfalls top: Im Gegensatz zu "Alive" und "Alive II", wo man an bestimmten Stellen ein bisschen korrigierte und nachbesserte, lässt man hier alles hörbar unbehandelt. Paul und Ace treffen nicht immer die richtigen Saiten. Genes grummeliger Gesang sorgt vor allem während der "Do You Love Me"-Backings für einige Lacher vor den Boxen. Und mal abgesehen von Peters energiegeladenem Drum-Solo, das zwischendurch ganz stilecht mit kultigen Flanger-Effekten aufgepeppt wird, hinterlassen die Soloparts von Ace und Gene nicht wirklich große Spuren. Das alles stört aber nicht wirklich. Dafür ist die Freude über die leidenschaftliche Performance der Band während ihrer Glanzzeit einfach viel zu groß.

Es gibt viele Fans, die die Band erst viel später für sich entdeckt haben und eher die Achtziger oder die Zeit nach der Jahrtausendwende als die beste ansehen. Wer aber die Anfangstage von Kiss in sein Herz geschlossen hat, der bekommt hier das komplette Paket. Melodischer Hardrock mit einprägsamen Riffs, großartige Gitarrensoli und hymnenhafte Refrains: Songs wie "Shout It Out Loud", "Strutter", "Firehouse", "Do You Love Me" und der Klassiker "Rock And Roll All Nite" wurden für die ganz großen Stadien dieser Welt geschrieben. An jenem Abend im August des Jahres 1976 fielen sie über Anaheim her und sorgten für die Erfüllung tausender Kinderzimmerträume.

"Kiss Destroys Anaheim '76" muss sich vor seinen beiden großen Soundbrüdern "Alive" und "Alive !!" nicht verstecken. Wenn Paul Stanley sein "Black Diamond"-Intro beendet, die Menge gemeinsam mit Peters erstem Beckenschlag ein Feuerwerk der Euphorie zündet und die Band im Anschluss eine der besten Versionen ihres Klassikers zum Besten gibt, klatscht man daheim einfach nur begeistert in die Hände.

Trackliste

  1. 1. Detroit Rock City
  2. 2. King Of The Knight Time World
  3. 3. Let Me Go Rock 'N Roll
  4. 4. Strutter
  5. 5. Hotter Than Hell
  6. 6. Nothin' To Lose
  7. 7. Cold Gin
  8. 8. Ace Frehley Guitar Solo
  9. 9. Shout It Out Loud
  10. 10. Do You Love Me
  11. 11. Gene Simmons Bass Solo
  12. 12. God Of Thunder
  13. 13. Peter Criss Drum Solo
  14. 14. Rock And Roll All Nite
  15. 15. Deuce
  16. 16. Firehouse
  17. 17. Black Diamond

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