laut.de-Kritik

Abrechnung, Befreiung und ein bisschen Größenwahn.

Review von

Sieben Jahre lang hat Juju nichts Eigenes veröffentlicht. Ende 2025 machte sie öffentlich, dass sie aus einem von ihr als "Knebelvertrag" bezeichneten Vertragsverhältnis herauswill. Jetzt ist "44 Me" da – und die Wut über diese lange Pause zieht sich durch die gesamte Platte.

Klanglich bewegt sich das Album zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite stehen dunkle, basslastige Beats mit dramatischen Klavieren und Streichern. Sie prägen vor allem die Preludes und die introspektiveren Songs und geben der Platte eine theatralische, fast schon konzeptalbumartige Grundstimmung. Auf der anderen Seite setzt Juju immer wieder helle, tanzbare Party-Beats dagegen. Für die Produktion holt sie sich ein großes Team ins Boot, darunter The Cratez, DJ Friction, Max Herre, Stoopid Lou und Waterboutus. Trotzdem klingt die Platte erstaunlich geschlossen. Die Beats unterscheiden sich deutlich voneinander, folgen aber einer gemeinsamen Idee: "44 Me" klingt gleichzeitig wie Abrechnung, Befreiung und Feier in einem.

Juju verteilt ihre aufgestaute Energie über die komplette Tracklist. Sie disst, sie represented, sie feiert sich selbst. Vor allem aber macht das Album Spaß. Das klingt banal, ist bei einem Comeback, das so viel persönlichen Ballast mit sich herumschleppt, aber keineswegs selbstverständlich.

Besonders schön: Juju hat offenbar beschlossen, wieder richtig Hip Hop zu spielen. Preludes, ein Skit, kleine Zwischenkapitel – Dinge, für die man sich heute fast schon rechtfertigen muss. Sind die Preludes teilweise pathetisch? Ja. Liebe ich sie trotzdem irgendwie? Ja. Denn hier merkt man, dass Juju nicht einfach nur ein paar Disses loswerden wollte. Sie versucht, die letzten Jahre auf mehreren Ebenen zu verarbeiten. Wut gehört dazu, aber eben auch Humor, Zweifel und eine ziemlich große Portion Selbstinszenierung.

"Crashout Freestyle" ist dafür der perfekte Einstieg. Auf einem reduzierten Beat lässt Juju zunächst ihre Stimme sprechen: "Leute, seit fünf Jahr'n bin ich angepisst / Ich hab' 'ne Wut in mei'm Bauch und die Wut, sie muss raus." Mehr Ansage braucht es eigentlich nicht. Sie erzählt von ihrer Abwesenheit, davon, was hinter den Kulissen passiert ist, und von ihrem Verhältnis zur deutschen Rapszene. Besonders deutlich wird das bei ihrer Kritik daran, dass ihre eigene Rolle nicht ausreichend anerkannt worden sei: "Ja, ich hab's cool gemacht, dass ihr euch Fotze nennt / Ja, ich hab's cool gemacht, dass Frauen rappen in Deutschland / Doch krieg' keine Props, ja, ihr habt mich enttäuscht."

"Hater" schlägt melodisch eine völlig andere Richtung ein, inhaltlich bleibt Juju aber im Abrechnungsmodus. Hier wird die Wut persönlicher. Sie erzählt von falschen Freundschaften und Entäuschungen. "Ja, die Mean Girls hab'n bei mir gepennt / Sie hab'n mich krank gemacht, ich war im Krankenhaus / Mit 'nem Mean Girl sogar in 'ner Band". Die letzte Zeile lässt sich ziemlich eindeutig auf Nura und die gemeinsame Zeit bei SXTN beziehen.

Danach wird es noch konkreter: "Ich hab' deren Schulden bezahlt, ihre Depris geheilt / Mich nach hinten gestellt, alles mit ihn'n geteilt / Ihre Texte geschrieben, hab' mit ihn'n geweint / Selbst an mei'm tiefsten Punkten spür' ich noch den Neid." Ob sich jede dieser Zeilen auf dieselbe Person bezieht, bleibt offen. Ex-Signing Aylo liegt bei einigen Passagen allerdings ebenfalls als mögliche Adressatin nahe.

Auch die Wortspiele gehören zu den stärksten Momenten des Songs. "Hab' wegen Opps wie dir Grammatik geschwänzt / Aber jetzt fick' ich dich rhetorisch", rappt sie, bevor sie mit "Metaphorisch" und "Pädagogisch" weiterarbeitet. Das ist genau die Art von Übertreibung, die "44 Me" immer wieder vor der Schwere seines Themas rettet. Wütend sein und gleichzeitig saubere Punchlines bauen? Kann sie.

Nach diesem Doppelschlag nimmt das Album erstmal Tempo raus. "Prelude Allein", "Allein" und "Why" bilden einen deutlich introspektiveren Block. Die Idee passt zum Konzept, musikalisch gehören die Songs aber zu den schwächeren Momenten der Platte. Vor allem "Why" bleibt im Vergleich zu den pointierteren Tracks etwas blass. Hier wird die Atmosphäre zwar konsequent weitergeführt, aber die Songs entwickeln nicht dieselbe Energie wie der Auftakt.

Mit "Girls Night" kommt anschließend wieder Leichtigkeit ins Spiel. Nach all der Abrechnung darf Juju einfach mal feiern. "Shorty" setzt diese Richtung fort, eingeleitet von einem Skit, der den Partycharakter noch einmal unterstreicht. "Millies" mit Ledbyher funktioniert ebenfalls hervorragend als Gute Laune-Track. Das Feature fügt sich mit seinem lockeren Flow problemlos in den Song ein und wirkt nicht wie ein aufgesetzter Versuch, dem Album internationale Größe zu verleihen.

Danach wird es mit "Rich Bitch" wieder deutlich prolliger – und genau das macht Spaß. Inhaltlich ist die Ansage schnell erklärt: Juju ist die Geilste, alle anderen sind scheiße und sie erklärt jetzt auch noch, warum. Das könnte nerven. Tut es aber nicht, weil sie ihre Selbstüberhöhung mit präzisen Spitzen verbindet. Wenn sie etwa rappt: "Doch ihr macht Rap nur für Clout, das ist Ragebait / Pädo-Babystimme für den Male Gaze", wird aus der klassischen "Ich bin besser als ihr"-Pose gleichzeitig eine fundierte Kritik.

Dann kommt "Komm Näher" mit RAF Camora. Ich wollte dieses Feature eigentlich hassen. Schon wieder ein Raf-Camora-Part auf einem deutschen Rap-Album. Und dann liebe ich den Song trotzdem. "Komm Näher" ist ein kompletter Ohrwurm, spätestens wenn Camora wieder in sein "Raf 3.0"-Alter-Ego schaltet. Dazu Juju, dazu der Beat, dazu diese komplett übertriebene Chaya-Energie. Ich bin zwölf Jahre alt. Es ist perfekt.

Zum Ende hin lässt die Qualität dann etwas nach. "Premium Chaya" beginnt noch solide, verliert sich gegen Ende aber in einem Techno-Einschub, der schlicht nicht funktioniert. Der Bruch wirkt nicht wie eine bewusste Erweiterung des Songs, sondern eher wie ein Fremdkörper. Schade, weil der Track bis dahin genau die Energie besitzt, die das Album an dieser Stelle eigentlich braucht.

Das "Premium Outro" schlägt anschließend noch einmal eine ganz andere Richtung ein. Es liest sich fast wie eine Tagebuchseite oder eine Manifestation: "Heute ist mein Tag / Jeder Tag ist mein Tag / Alles was ich mir wünsche, fliegt mir einfach zu." Danach folgen Selbstermächtigungen wie "Ich bin der Mittelpunkt meines Universums", bevor Juju mit "Ich bin schlau, ich bin schön, ich bin premium" endgültig bei sich selbst ankommt.

Thematisch passt das durch und durch. Nach sieben Jahren Pause darf man sich ruhig selbst feiern. Trotzdem hätte ich mir am Ende noch einen richtigen Storyteller-Moment gewünscht. Ein letzter Song, der die vergangenen Jahre noch einmal erzählerisch zusammenführt, hätte ein stärkeres Finale gegeben. "44 Me" ist trotzdem genau das Comeback, das man sich nach dieser langen Pause wünschen konnte: wütend, persönlich, selbstbewusst und gleichzeitig erstaunlich unterhaltsam. Nicht jeder Prelude-Moment zündet, und das Outro hätte mutiger sein können. Das Gesamtkonzept geht trotzdem auf. Die Pause hat Juju offenbar nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie hat ihr richtig viel Munition gegeben.

Trackliste

  1. 1. Crashout Freestyle
  2. 2. Hater
  3. 3. Prelude Allein
  4. 4. Allein
  5. 5. Why
  6. 6. Prelude Girls Night
  7. 7. Girls Night
  8. 8. Dumm
  9. 9. Shorty Skit
  10. 10. Shorty
  11. 11. Millies feat. Ledbyher
  12. 12. Prelude Rich Bitch
  13. 13. Rich Bitch
  14. 14. Prelude German Dream
  15. 15. German Dream feat. Tom Hengst
  16. 16. Prelude Komm näher
  17. 17. Komm näher feat. RAF Camora
  18. 18. Premium Chaya
  19. 19. Premium Outro

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3 Kommentare

  • Vor 2 Stunden

    Für mich ist das Album eine solide 3. Gerade die erste Hälfte wirkt mit den Trap-Beats noch sehr auf dem Zeitpunkt hängengeblieben, wo sie zuletzt was released hat, aber danach wird es sehr spaßig. Man hätte sich nur die zahlreichen Interludes sparen können, die hatten teilweise eher die Deepness eines Poetry Slam-Beitrags.

    "Viele beäugten sie, viele warteten gierig auf den Moment, an dem sie endlich fallen würde." (Ich bin 14 und das ist deep. Mit "sie" meine ich - und das wird dich jetzt überraschen - mich.)

    Sie kann aber gerne wieder regelmäßiger releasen, ist definitiv eine der Leistungsträgerinnen im deutschen Mainstream-Hip-Hop.

  • Vor einer Stunde

    Ich kannte SXTN nicht, hatte neulich im Feuilleton einer Wochenzeitung ein Interview mit Juju gelesen und das fand ich echt spannend. Das Album hat was. Nette Beats und ich nehme Juju auch ihre Message ab. In Sachen Hip Hop bin ich zwar etwas Ende 90s Anfang 2000er stecken geblieben, aber hier sind 4 Sterne denke ich schon berechtigt.

  • Vor einer Sekunde

    Ikkimel ist besser. Der Goat im game bleibt natürlich M. Forster...