laut.de-Kritik

Club und Schmalz ringen miteinander.

Review von

Sie heißt nun nur noch Miley, und doch wissen alle, wer gemeint ist (für alle anderen hier ein Tipp: Sie ist unter anderem mit einer Noah und einem Billy Ray verwandt). Bedeutet diese Namensänderung nun eine neue Ära? Ja, so wie gefühlt jedes Album von ihr, das eine große Veränderung in Stil und Persönlichkeit sein soll.

Ihr letztes Werk, "Something Beautiful", war der Critic's-Darling-Move. Nicht durchs plumpe Anecken wie bei "Dead Petz", sondern mit pompösen, rockopernhaften Kompositionen und Verweisen auf die Größen der Musikgeschichte.

Das funktionierte überraschend gut, aber nun ist es Zeit für den Club. Mit Features von Model/Actriz und Miike Snow zeigt Miley, dass sie immer noch von den Musikkenner:innen ernstgenommen werden möchte und "Bass Persuades" kein Sellout werden soll. Ganz so deep wird's nicht, ganz so fokussiert wie beim letzten Mal auch nicht. Ein paar Bangerz stecken dennoch drin.

Wenn "Bass Persuades" eine Art "Confessions On A Dancefloor" sein möchte, macht der Titeltrack das schon mal ziemlich gut: elektronisch, bassbetont, natürlich mit Texten darüber, wie Musik der Eskapismus aus den Schrecken der Gegenwart sein kann. Manche Zeilen davon klingen zwar etwas boomerhaft ("Glued your eyes to the telephone screen / But you missed the hit without MTV / Go analog, make it cinema"), und für so eine Club-Hymne könnte Mileys Stimme im Mix noch etwas mächtiger klingen. Aber der Song ist saucatchy und wummert schön.

Der Bass überzeugt weiter auf "Different Religion". Das erwähnte Feature mit der Industrial-/Noise-Rock-Band Model/Actriz hätte man wirklich kaum erwähnt (abseits davon, dass sie schon beim vorherigen Album am Intro mitgeschrieben haben) und es erweist sich als bemerkenswerte Kollaboration. Die Gesangschemie sitzt; sexuelle und religiöse Untertöne passen ebenfalls zur Band. Der metallische Klang, den man von Model/Actriz kennt, ist wunderbar produziert und weicht überraschend gut einem wärmeren Pop-Refrain. Dass diese beiden Seiten so gut miteinander aufgehen, ist das Highlight der Platte.

Mit dem Stil, den die beiden ersten Tracks vorgeben, wird man also warm, doch dann geht es in eine andere Richtung. "Let's Get Married" ist ein romantischer Slow-Dance-Song mit Dream-Pop-Elementen, der okay klingt, aber textlich wirklich sehr basic bleibt. Mehr als der Inhalt des Songtitels steckt da nicht drin. "Orbit" löst so eine Ballade etwas galanter, da die Produktion der Instrumente gut zu den kosmischen Bildern in den Lyrics passt. Zu "Aftermath" hingegen gibt Miley zu, dass selbst ihr Produzent/Verlobter Maxx Morando den Song langweilig fand und daher mit hektischen Trance-Elementen "enorm verbessert" hat. Das bleibt auch das einzig Interessante daran.

Der Mittelteil des Albums schafft es kaum aus den zähen Balladen heraus, die mal mehr, mal weniger interessant produziert sind. Texte wie "Been free like birds and got wild like white horses in the night, my love" überzeugen auch nicht gerade von der deepen Kunst, die Miley erzielen will. Nach dem lauteren und textlich interessanteren "Innocent Ways" kommt mit "Snow" die gelungenste Ballade des Albums. Sie ist mal nicht zu schmalzig, hat cool gewählte Synths und liefert auch sein textliches Pathos geschmackvoll ab. In einer Nacht in Kyoto liegt Miley mit ihrem Gegenüber eng zusammen und singt "We both fall like snow". Das hat etwas Freies, als könne man sich bei der Person fallen lassen; gleichzeitig aber auch etwas Bedrohliches, denn wer weiß, wo der Fall landet und wann der Schnee schmilzt. Angst, Zeitdruck und Intimität balanciert der Song schön.

Zum Schluss kommt der Moment, der vor Augen führt, wie wenig "Bass Persuades" als Album zusammenpasst. Der "Remixx" des Titeltracks schließt das Album ab, ein bisschen wie Charli xcx das mit "360" und "365" auf "Brat" getan hat. Es ist eine clubbigere und schnellere Version, die den Bass schön druckvoll anschwellen lässt. Allerdings hat sie nicht das hymnenhafte Momentum des Originals. Beide Versionen haben ihre Pros und Contras, doch das Problem ist, wie wenig das nach den ganzen Balladen passt. Es erinnert daran: "Ach ja, das war ja der Start des Albums! Der klang ja komplett anders zum Rest!" Der technoide Sound ist eine ganz andere Welt als etwa "Redlights" mit seinem fast schlagerhaften Kitsch, seinen Streichern und klassischen Gitarren wie aus griechischer Volksmusik.

"Bass Persuades" wirkt daher, als hätte man zwei EPs unterschiedlicher Stile zusammengemischt. Beide Seiten der Medaille hätten sich jeweils auf Albumlänge wahrscheinlich schnell auserzählt, doch zusammen ergeben sie um so weniger Sinn. Schade, weil hier ein paar von Mileys gelungeneren Experimenten zu finden sind.

Trackliste

  1. 1. Bass Persuades
  2. 2. Different Religion
  3. 3. Let's Get Married
  4. 4. Orbit
  5. 5. Aftermath
  6. 6. Redlights
  7. 7. Neon Signs
  8. 8. Innocent Ways
  9. 9. Snow
  10. 10. Bass Persuades Remixx

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