laut.de-Kritik

Sie holten den Hip Hop vom Olymp zurück in die Gosse.

Review von

Als das Debüt "The Psycho-Social, Chemical, Biological & Electro-Magnetic Manipulation of Human Consciousness" der Jedi Mind Tricks (JMT) 1997 erscheint, sind die Beats noch blechern, und dennoch ist Stoupes Talent als Crate Digger und Beatschmied schon erkennbar. Das Album ist ein feuchter Traum für die Rucksackträger, die jeden Tag ganz laut Underground schreien und für die die Dead Prez noch zu sauber klingen.

Der 1997 noch weitestgehend ohne Konterpart Jus Allah rappende Vinnie Paz a.k.a. Ikon The Verbal Hologram hat schon seine eigene Note, die auch damals schon im Benennen von Gemeinplätzen und Vortragen von kriegerischen und religiösen Schlagworten besteht. Um so mehr verwundert der Ausnahmetrack "I Who Have Nothing", ein Track, dessen Poesie-Niveau insgesamt seinesgleichen sucht, auch von ihm aber leider nie wieder so erreicht wurde.

Zwei Jahre später ein kompletter Paradigmenwechsel, und vermutlich wurde nie ein Album als Meilenstein gelodhudelt, dessen Kern-MC so mittelmäßig rappt. Aber man liebt seine Stammkneipe gerade auch wegen des eigentümlichen und befremdlich riechenden schrulligen mürrischen Typen in der Ecke, auch wenn er sich des Öfteren wiederholt.

"Violent By Design" featuret in der erweiterten Version 25 Tracks und gefühlte 40 Mikrofongäste und sollte den Startschuss darstellen für eine neue potente Familie, doch hierzu später. Vinnie Paz fungiert als Klebstoff, als der mürrische Typ in der Ecke, der sich zuweilen auch wiederholt, die anderen sich wohl fühlen lässt, aber einen immer wieder daran erinnert, wessen Haus dies eigentlich ist. In diesem Bild ist der rappende Konterpart Jus Allah wohl ein Stammgast, der bisher schwieg und plötzlich vom Mitteilungsbedürfnis überrannt wird; einer mit Geschichten für die anderen Gäste und definitiv derjenige, bei dem Vinnie am Ehesten aus sich raus kommt.

Und jetzt hinkt das Bild ein wenig, denn in dem Bild wäre Produzent Stoupe der Barkeeper, Kneipenmusiker, der Guru und der Drogenlieferant in einem, der sämtliche Kneipengäste zu leidenschaftlichem Output bewegt. Stoupe, "The Enemy Of Mankind", ist der Meister, der das Scenario kontrolliert, in dem Gäste ein Mikrofon in die Hand nehmen dürfen.

"Beware the beast Man, for he is the Devil's pawn. Alone among God's primates, he kills for sport or lust or greed. Yea, he will murder his brother to possess his brother's land. Let him not breed in great numbers, for he will make a desert of his home and yours. Shun him; drive him back into his jungle lair, for he is the harbinger of death." spricht das Intro, zitiert den "Planet der Affen" von 1968 und zeigt, wes' Crate-Digging's Geist hier am Werk ist.

Direkt danach setzt "Retaliation" ein und zeigt gleich, wie sehr es trotz Geigensamples dumpf 'Underground' gehen kann. Ein paar Takte reichen, um zu demonstrieren, wie weit weg man sich anschickt zu sein vom Zeitgeist des Mainstreams Ende der Neunziger und wie sehr sich dieser überholt hat, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Mürrische und der Stammgast mit Patina und Moder bedeckt spitten. Sie holen gleich gefallenen Göttern den Hip Hop trotzig, doch nicht künstlich gewollt, sondern ungezwungen vom Olymp zurück in die Gosse, wobei Stoupe als Achtelgott zuweilen noch ein wenig akustische Ambrosia einstreut.

"Contra" holpert und stolpert anders daher, mit dem ersten Mikrofongast, Killa Sha. Der Beat von "Speech Cobras" samt Mr. Lif holt uns und unser geistiges Ohr atmosphärisch in den staubigen Keller, in die Essenz von Underground. Welche Dynamik entsteht, wenn sich Vinnie und Jus Allah zusammen mit Esoteric und Virtuoso an einen Tisch zum Kartenspielen setzen und der Barkeeper das gute Zeug ausgibt, zeigt sich in "Death March".

Virtuoso und Esoteric gehen eine rauchen, Stoupe bekommt eine Sprachnachricht von Mr. Len, Planetary setzt sich zu unseren beiden Kneipenurgewächsen und macht eine Ansage, wobei die anderen ihm nicht widersprechen, wie toll dieses Phillly, also Illadelp doch sei, wo man selbst blüht und scheint. Planetary geht, als die Anmut, die Lady Bahamadia den Raum betritt, ihn - also den Raum - über Gebühr aufwertet, die Jungs schwelgen, ebenso Virtuoso und Esoteric, die gerade zurück sind vom Rauchen. Die Stimmung ändert sich und ergießt sich in allgemeines wohliges Zittern, als sie - Bahamadia - schlussendlich die Stimme erhebt ("Exertions Remix").

Zugegeben, nach ihrer Ansage hätte in vielen Handlungsvarianten der Vorhang fallen können und niemand wäre böse gewesen, denn es gibt keine zwingend passende Dramaturgie mehr, deshalb nimmt Stoupe auch erst mal die Luft raus, dreht das Licht kurz grell, alle schütteln sich kurz und gehen pinkeln ("The Prophecy Interlude"), bevor er den Schampus öffnet und die Wunderkerzen zündet, denn wir sind alle "Heavenly Divine". Das ein oder andere "Sacrifice" müssen wir jedoch auch bringen, weiß man am Stammtisch und vermittelt es inbrünstig.

Wieder eine kurze Verschnaufpause, dann feuert Stoupe wieder raus, weiter geht es mit einer schier unerschöpflichen detailfreudigen Fülle an Beat- und Samplefarben mit MCs, die so Underground sind wie B.A. Barakus, dass das ansonsten allwissende Internet nichts über sie ausspuckt und sie wohl nur in dieser Kneipenatmosphäre unter ihresgleichen gedeihen, in dem Miteinander der Heretiker, der kämpferischen Spinner, gefrusteten gescheiterten Akademiker, bier- und rauchgeschwängert, nicht unanstrengend und doch irgendwie liebenswert, wie sich diese Menschen für ihr Werte- und Normensystem ins Zeug legen, sich aber auch wieder ein Stück weit drehen und wenden.

Auf 25 Nummern, von denen außer Intro und drei Interludes alles satte lange Tracks sind und von denen ich das m.E. epochale "Untitled" noch erwähnt wissen möchte, werden auch deshalb nicht langweilig, weil mit Stoupe ein Meister des Fachs auf einem einzigen Longplayer alle Register zieht, die zwei bis drei beliebige andere Producer im Laufe ihres gesamten Lebens nicht hätten ziehen können.

Kurz vor "Violent By Design" gründeten sich die auf dem Album geschlossen vertretenen "Army of The Pharaos", und in den darauffolgenden Jahren entstand die wohl präsenteste und einflussreichste Underground-Rap-Connection der letzten dreißig Jahre um die Jedi Mind Tricks, die Army of The Pharaos und die Demigodz, ein ganzer Kosmos mit wechselnden ProduzentInnen und MCs. So sind zum Beispiel auch die Snowgoons oder La Coka Nostra Teil dieser Großfamilie; und das alles wohl auch aufgrund der Strahlkraft dieses Albums.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Retaliation
  3. 3. Contra (feat. Killa Sha)
  4. 4. Speech Cobras (feat. Mr. Lif)
  5. 5. Breath Of God Interlude
  6. 6. Death March (feat. Esoteric & Virtuoso)
  7. 7. Words from Mr. Len (Part One)
  8. 8. I Against I (feat. Planetary)
  9. 9. Exertions (Remix) (feat. Virtuoso, Esoteric & Bahamadia)
  10. 10. The Prophecy Interlude
  11. 11. Heavenly Divine
  12. 12. Sacrifice
  13. 13. Permanent Midnight Interlude
  14. 14. The Deer Hunter (feat. Chief Kamachi)
  15. 15. Blood Reign (feat. DiamondBack, Louis Logic & B.A. Barakus)
  16. 16. Words from Mr. Len (Part Two)
  17. 17. Genghis Khan (feat. Jus Allah)
  18. 18. Trinity (feat. Louis Logic & Jus Allah)
  19. 19. The Executioner's Dream
  20. 20. Muerte
  21. 21. Heavenly Divine (Remix)
  22. 22. Army of the Pharaohs: War Ensemble
  23. 23. Untitled
  24. 24. Retaliation (Remix)
  25. 25. Blood Runs Cold

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