laut.de-Kritik

Allerfeinster Shoegaze aus Berlin.

Review von

Roomer kommen nicht aus Reading, Oxford, London oder irgendeiner anderen Stadt, die ihr mit 90er-Shoegaze in Verbindung bringt. Ronja Schößler, Ludwig Wandinger und Luka Aron aus Berlin wirken auf dem blendend gelungenen "Staircase Made Of Rope" zunächst wie Zeitreisende aus jenen Jahren, in denen Männer in Mikrofone flüsterten und sich Gitarren Schicht um Schicht in die Konzertvenues fraßen. Die Band nennt es Dream-Rock. Falsch ist das nicht, der Begriff assoziiert musikhistorisch aber eher anders.

Das Zweitwerk der Band wurde teils im Elternhaus aufgenommen, die Gitarren über Megafone und Diktiergeräte re-ampt, die Drums in einem Betontreppenhaus eingespielt. Das Resultat sollte trotzdem fließender, organischer – vulgo im Jam und in first takes – entstehen als noch beim Erstling. Das stellt ein Stück weit einen Widerspruch zur Vorstellung von Shoegaze als minutiös geschichteter Studioarchitektur dar, gelingt aber dank der enormen Kompetenz der Beteiligten und des offenen Sounds.

Dieser kommt stilistisch zwar sehr dicht ("Grey"), auch dank der exzellenten Selbstproduktion, erlaubt sich aber einen eklektischen Ansatz inklusive Grunge-Filter, der das Shoegaze-Gefüge wahlweise in Richtung Indie lenkt, an Radiohead erinnert (Opener "Something New"), tobt ("For Yves") oder tonnenschwer dahinwalzt ("No Different After All").

Das Ergebnis klingt immer wahnsinnig dicht und verspielt, Ronjas Gesang wirkt distanziert und genretypisch nicht nach vorne gemischt. Trotzdem trägt sie neben Gitarrenstalaktiten auch Balladen (das jaulend schöne "Good On My Own") und schleppende Shoegazer wie den Titeltrack mit abgebrühter Coolness. Die alte Genrefalle – 'Ich würde den Gesang gerne besser hören, ihr habt das so doch nicht geschrieben, verdammt' – schnappt kein einziges Mal zu. Dabei verschwindet ihre Stimme nicht einfach im Gitarrennebel, wie es seit Jahrzehnten auch gern mal als Tugend verkauft wird: Sie bleibt melodischer Fixpunkt, nur eben ohne sich über die Musik zu stellen.

Das Highlight "Have You Ever Been A Fool?" verdient besondere Beachtung ob seiner spinnwebenden Gitarren und der Grabesstimme der Sängerin (und Hauptkomponistin). Es stimmt bis ins Detail alles, und ich will verdammt sein, wenn kein Netflix-Produzent diesen Track für irgendeine bittersüße Szene des nächsten "The End Of The Fucking World" oder die Verfilmung von "Life Is Strange" bucht. Der Song kann einen gar nicht nicht berühren, und erst nach dem x-ten Anhören bemerkt man die Feinheiten des Schlagzeugspiels, das jedes Mal ein wenig anders schillert.

Das gleichfalls tolle "Written By" hört sich an, als hätte man Dead Can Dance überzeugen können, nur mit Bass, Gitarre und Drums zu spielen, und das grob in Richtung Grunge. Wenn der Song ab der Mitte seine Dynamik ändert, nur um diese dann wieder mit der ersten Hälfte zu vermählen, hört man mit das beste Songwriting 2026.

Besagtem Dream-Rock kommt "Sundown" dann am nächsten, mit "Untitled" haut das Trio einen Alt-Pop im Stile von Daughter heraus, den man so selbst von drei Vollprofis, die sich schon solo und in anderen Konstellationen einen (nischigen) Namen erspielt haben, nicht erwarten durfte. Ein Anknüpfungspunkt ist kaum zu erkennen. Roomer hören sich, zumal in Deutschland, nur wie sie selbst an. Auf "Staircase Made Of Rope" gibt es keinen Moment, den man gegen einen anderen eintauschen würde.

Trackliste

  1. 1. Something New
  2. 2. Grey
  3. 3. Have You Ever Been A Fool?
  4. 4. Written By
  5. 5. No Different After All
  6. 6. For Yves
  7. 7. Good On My Own
  8. 8. Sundown
  9. 9. Untitled
  10. 10. Staircase Made Of Rope

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