laut.de-Kritik
Ein Album wie ein aufgekritzelter Zettel am Kaffeehaustisch.
Review von Kerstin KratochwillEinst als bester junger Liedermacher Österreichs gefeiert und von sich selbst in einem seiner bekanntesten Songs als der schönste Mann in Wien bezeichnet (ob das so selbstironisch oder doch sehr selbstbewusst gemeint ist, zerfließt im Schmäh dieser Stadt), veröffentlicht Nino Wandl, wie der umtriebige und urproduktive Musiker eigentlich heißt, mit "Neubau Alone" sein mittlerweile zwölftes Album. Dazu kommen noch einige EPs und diverse Kollaborationen, unter anderem mit Ernst Molden mit dem er Austropop-Klassiker neu aufgenommen hat.
"Neubau Alone" ist nun so etwas wie ein Solo-Album von Der Nino Aus Wien geworden, roh, raunzend und räudig, aufgenommen im titelgebenden siebten Bezirk Neubau, aber auch in Simmering, Hirschstetten, Favoriten und in einem Hotelzimmer. Die Texte geschrieben mit Kugelschreiber und elf verschiedenen Bleistiften, die Musik ausstaffiert mit Mundharmonika aus den späten 1930er, Krähenpfeife, Taschenuhr und Laptop - skurriler Weise ist auch eine chinesische Nordlichterlampe als wichtige Rolle beim Albummachen angegeben.
So klingen diese Lo-Fi-Tracks wie direkt nach dem Aufwachen aufgenommen. Den staubigen Schlaf noch in den Augen, verträumte wie verschwommene Melodien im Kopf und die Skizzen vom Vorabend mal mit akustischer, mal elektrischer Gitarre schnell vertonend – bevor der Hauch des Moments wieder verflogen ist.
"Neubau Alone" beginnt mit einem kaum hörbaren mysteriösen Knistern, klingt wie ein spontanes pures Demotape oder Tagebuch-Eintrag mit hingekritzelten und hintersinnigen Gedanken über den Alltag, wenn mal wieder das "Göd" ( = Geld) fehlt, der Alkohol und die Zigaretten zu viel sind ("Ich brauch' es nicht, das ganze Gift, es reicht mir Karfiol") oder aber unverhofft das Glück einzieht im so rührenden wie rauen Stück "Danke". Danke auch für die wunderlich wunderbare wienerische Coverversion von "Unchained Melody", wenn aus "Whoa, my love, my darling. I've hungered for touch. A long, lonely time" dann das hier wird: "Oh mein Herz, mein Schatz, ich weiß nicht, ob ich's pack, allein geh' ich ein" und die Schmachtzeilen "I need your love, I need your love" in ein sehnsüchtiges: "Ich will's voll und ich will's ur" verwandelt werden.
Urgut: Ein Album wie ein aufgekritzelter akustischer Zettel am Kaffeehaustisch.


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